Benzinpreis Achterbahnfahrt an der Tankstelle

Bis zu 14 Mal täglich ändern sich in Deutschland mittlerweile die Spritpreise. Das bringt Pächtern Probleme - und Verbraucherschützer beklagen ein "Verwirrspiel" für Autofahrer.

In diesen Städten wird am meisten Sprit geklaut
Es ist der 28. Juli 2015 um 18:35 Uhr an einer Tankstelle in Bergisch Gladbach. Unbekannte tanken 270 Liter Super und verschwinden ohne zu bezahlen – dank gestohlener Kennzeichen – auf Nimmerwiedersehen. Ein Beispiel für Tankbetrug, der scheinbar vor allem im Sommer Hochkonjunktur hat. Jede fünfte Straftat in Deutschland ereignet sich im Juli und August, wie eine Untersuchung des Verbraucherportals billiger.de ergeben hat. Allein 2014 waren es insgesamt 86.358 angezeigte Straftaten. In welchen Städten die meisten Spritdiebe unterwegs sind - und wo die Polizei besonders machtlos ist. Quelle: dpa
Herne Quelle: dpa/dpaweb
Platz 10: HamburgAn den Tankstellen rund um Elbe und Alster zählten die Behörden 2.697 Delikte. Das macht 12 Delikte pro Tankstelle - damit liegt Hamburg mit Herne auf dem zehnten Platz. Quelle: dpa
Gelsenkirchen Quelle: obs
Die Innenstadt von Leipzig (Sachsen) Quelle: dpa
Platz 7: SaarbrückenAuch in Saarbrücken wird jede Tankstelle im Schnitt 15 Mal pro Jahr von Tankbetrügern heimgesucht. Auf 28 Tankstellen kamen im vergangenen Jahr rund 400 Delikte. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Platz 6: KölnIm letzten Jahr gab es in der Domstadt knapp 2.000 registrierte Fälle, bei denen Autofahrer an Tankstellen davonfuhren, ohne zu bezahlen. Nur jeder vierte Fall konnte aufgeklärt werden. Quelle: dpa
Platz 5: Baden BadenMit 160 Delikten und einem Schnitt von 15 Straftaten pro Tankstelle sichert sich Baden Baden den fünften Platz im Ranking.
Platz 4: BottropDen vierten Platz im Betrüger-Ranking sichert sich Bottrop im Ruhrgebiet: In der Stadt wurden durchschnittlich 17 Betrugsfälle je Tankstelle (insgesamt 288 Delikte) angezeigt. Quelle: Presse
Platz 3: Frankfurt am MainDritter im Ranking: Frankfurt am Main. In der hessischen Metropole lag die absolute Zahl an Straftaten 2014 bei rund 1.200 Delikten. In der Mainmetropole war die Polizei im Vergleich noch relativ erfolgreich bei der Ermittlung der Täter: Knapp 57 Prozent der Tank-Straftaten wurden 2014 aufgeklärt. Quelle: dpa
Platz 2: SolingenAuf Platz zwei landet Solingen. Pro Jahr wird jede Tankstelle in der nordrheinwestfälischen Stadt mindestens 20mal von Tankdieben heimgesucht. Insgesamt wurden 2014 über 500 Delikte angezeigt. Auffällig häufig betroffen war die Autobahn-Tankstelle von Ohligser Heide an der A3. Für Tankdiebe ist die Stadt - statistisch gesehen - geradezu ideal: Mit 13 Prozent hat Solingen von allen untersuchten Städten die niedrigste Aufklärungsquote. Quelle: dpa
Berlin Quelle: dpa

Die Tankstelle an der Fischerstraße im Zentrum von Düsseldorf ist gut besucht: Der Rückstau reicht bis auf die Straße. 1,17 Euro kostet der Liter Diesel um acht Uhr, viele Autofahrer füllen sich vor Arbeitsbeginn noch kurz den Tank. Gut fürs Portemonnaie ist der Zeitpunkt allerdings nicht. Mittags wird der Sprit hier nur noch 1,11 Euro kosten, und um 18 Uhr nur noch 1,07. Bei 50 Liter Diesel macht das eine Differenz von fünf Euro auf der Tankquittung.

Das Auf und Ab der Spritpreise regte die Autonation Deutschland schon immer auf. Doch so volatil wie derzeit ging es an den Tankstellen selten zu. Bis zu 14 Mal ändern Shell, Aral und Co. mittlerweile ihre Preise über den Tag, beklagen sich die im Bundesverband Tankstellen und Gewerbliche Autowäsche Deutschland organisierten Pächter.

Für viele von ihnen ist das ein Problem. Die Autofahrer wissen, dass es sich zwischen 17 und 19 Uhr am billigsten tanken lässt. Nun verkaufen die Pächter weniger Frühstücksnacks, das Shopgeschäft leidet, das den Tankstellenbetreibern 57 Prozent ihres Gewinns einbringt.

Wie sich der Benzinpreis zusammensetzt

Verbraucherschützer wie Björn Rickert von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bezeichnen die häufigen Preisänderungen als „Verwirrspiel“ und vermuten „abgesprochene Preiswegelagerei der Mineralölwirtschaft“. Doch Ökonomen sehen in den Sprüngen an der Zapfsäule ein positives Signal. „Dass sich die Preise häufiger ändern, ist ein gutes Zeichen für den Wettbewerb“, sagt der Düsseldorfer Ökonom und frühere Vorsitzende der Monopolkommission, Justus Haucap. „Zahlreiche empirische Studien belegen, dass Kartelle eher stabile Preise bevorzugen, während Wettbewerbsmärkte durch häufige Preisänderungen gekennzeichnet sind.“

Intensiver Wettbewerb unter Tankstellenbetreibern

Mangelnde Konkurrenz sei vor allem ein Problem im Raffineriebereich, unter den Tankstellen hingegen sei „der Wettbewerb sehr intensiv“. Zumal der Kraftstoffabsatz in Deutschland seit Ende der Neunzigerjahre kontinuierlich fällt, die Anzahl der Tankstellen aber nur langsam zurückgeht. Durch die so entstehenden Überkapazitäten verschärft sich der Kampf um Marktanteile zwischen den rund 14.500 deutschen Spritstationen.

Wer vom billigen Öl profitiert – und wer verliert
Jemand arbeitet an einer Tragfläche eines Flugzeugs Quelle: PR
Autos Quelle: AP
Jemand greift nach Körperpflegeprodukten in einem Regal Quelle: REUTERS
Containerschiff Quelle: dpa
Lastwagen der Deutschen Post Quelle: dpa
Packungen mit Medikamenten Quelle: dpa
Anlage mit Tank, auf dem BASF steht Quelle: dpa
Ein Mann steht vor einem BP-Logo Quelle: dpa
Kreml und Kirche in Moskau Quelle: dpa
Fracking-Anlage Quelle: dpa

Auch die vor anderthalb Jahren eingeführte Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K) beim Bundeskartellamt spielt eine Rolle bei den preislichen Achterbahnfahrten. An diese Einrichtung müssen die Anbieter jede Preisänderung sofort melden. Seitdem können sich Autofahrer auf dem Smartphone mithilfe diverser Spritpreis-Apps die günstigste Tankstelle in der Nähe anzeigen lassen.

Laut Bundeskartellamt können es bei Superbenzin bis zu 20 Cent je Liter sein, die Autofahrer an der günstigsten Tankstelle in der Nähe sparen können. Auch innerhalb einer Tankstellenkette kann die Differenz groß sein. „Unsere Pächter beobachten den Wettbewerb vor Ort und können bei der Zentrale Anträge auf Preisanpassung stellen“, heißt es bei Aral. Doch auch die Zentrale redet mit: Ändern sich die Raffinerietarife für Diesel oder Benzin, diktieren sie den Pächtern deutschlandweite Preisänderungen.

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Im Schnitt senken die Tankstellen laut Kartellamt ihre Preise drei bis vier Mal über den Tag um jeweils wenige Cent je Liter. Aber wer ständig Preise senkt, muss sie auch irgendwann wieder anheben; sonst bleibt der Gewinn auf der Strecke. Abends sinkt der Wettbewerbsdruck, da insbesondere viele freie Tankstellen schließen. Dann folgt auf die kleinen Preissenkungen des Tages eine große Erhöhung. Nach 19 Uhr steigen die Spritpreise um etwa fünf Cent je Liter, nachts erreichen sie ihren Höhepunkt und bröckeln am Folgetag dann wieder in kleinen Schritten ab – bis zur erneuten abendlichen Erhöhung.

Nach einer Untersuchung des Bundeskartellamts erhöhen dabei zunächst die Marktführer Shell und Aral die Preise. Ziemlich exakt eine Stunde später folgen Esso und Total, ab 23 Uhr dann auch Jet.

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