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BIZ-Chef Caruana "Wir stecken in einem Dilemma"

Der BIZ-Generaldirektor über den weltweiten Währungsstreit und die Gefahren der Dollar-Schwemme.

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Jaime Caruana Quelle: Pablo Wünsch-Blanco für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Caruana, der Dollar hat in den vergangenen Wochen massiv an Wert verloren, die USA und China streiten um den richtigen Wechselkurs, und die G20-Staaten reden um den heißen Brei herum. Ist der Währungskrieg noch zu stoppen?

Caruana: Von einem Währungskrieg zu sprechen wäre falsch. Richtig ist, dass es Spannungen gibt. Die Konjunktur erholt sich weltweit ungleich, was in den Ländern eine unterschiedliche Wirtschaftspolitik erfordert. Das schlägt auch auf die Wechselkurse durch. Internationale Kooperation ist in diesen Zeiten extrem wichtig, nicht zuletzt, um Protektionismus zu verhindern. Wir brauchen eine sehr offene Diskussion darüber, wie sich nationale Politik auf den Rest der Welt auswirkt, und mehr gegenseitige Rücksicht.

Wäre es nicht besser, einen großen Wurf zu wagen – was spräche gegen ein neues Bretton-Woods-System mit fixen Wechselkursen und Kapitalkontrollen? 

Bretton Woods war ein sehr komplexes, starres System. Dahin können wir nicht mehr zurück. Die Fähigkeit, flexibel zu handeln, ist in diesen Zeiten wichtiger als je zuvor. Die Finanzkrise hat ja gezeigt, wie stark unsere Volkswirtschaften voneinander abhängen. Weltweit fixe Wechselkurse würden unseren Handlungsspielraum zu stark einengen.

Was halten Sie von dem Vorschlag der USA, dass Länder ihre Leistungsbilanzüberschüsse auf maximal vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts begrenzen? 

Wir sind uns alle einig, dass das Reduzieren übermäßiger Leistungsbilanzungleichgewichte auf ein tragbareres Niveau wichtig ist. Aber es ist auch klar, dass es sich hier um komplexe Fragen handelt und dass es recht schwierig ist, sich auf eine bestimmte Zahl zu einigen.

Wie sind die globalen Ungleichgewichte dann in den Griff zu kriegen? 

Manche Länder sparen zu viel, andere zu wenig. Das kann kein Dauerzustand sein. Hier müssen sich alle aufeinander zubewegen. Vielerorts müssen strukturelle Reformen geschehen, um diese Probleme anzugehen und das Fundament für ein besseres Wachstum zu legen, beispielsweise in Europa. Wichtig ist, miteinander zu reden. So kann sichergestellt werden, dass wirtschaftspolitische Entscheidungen dazu beitragen, die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte einzudämmen. Derzeit gibt es Wechselwirkungen zwischen Leistungsbilanzungleichgewichten und der Lage der öffentlichen Haushalte. Länder mit Defiziten sind daher noch stärker gefragt als solche mit Überschüssen.

Bleiben wir zunächst bei Letzteren: Wie kann China seine riesigen Handelsüberschüsse reduzieren? 

Chinas Wachstum sollte nicht zu stark von Exporten abhängig sein. Das macht es zu anfällig gegenüber der Weltkonjunktur. Daher ist es im Interesse Chinas, wenn sein Wachstum sich auch auf den inländischen Konsum stützt. Reformen des Finanz- und Sozialsystems könnten den Konsum anregen. Denn dann fühlen die Menschen sich sicherer und sparen weniger. Erste Schritte sind bereits getan. Wenn Peking seine Währung flexibilisiert, wäre es auf einem guten Weg.

Und was können die USA gegen ihr massives Leistungsbilanzdefizit tun? 

Es ist wichtig, die Verhältnisse des Landes genau zu beachten. Allgemein müssten Länder mit einem großen Leistungsbilanzdefizit und einer hohen Staatsschuld ein Interesse daran haben, ein glaubwürdiges Programm zur Haushaltssanierung aufzulegen.

Die US-Notenbank pumpt aus Angst vor einem Abschwung erneut Geld in den Markt. Wie gefährlich ist diese Politik? 

Ohne das Eingreifen der Zentralbanken in der Krise wäre das Finanzsystem wahrscheinlich kollabiert und die Rezession viel schlimmer ausgefallen. Doch niedrige Zinsen und üppige Liquidität schaffen natürlich auch Risiken. Kredite, die eigentlich abgeschrieben werden müssten, werden verlängert. Risiken werden falsch kalkuliert. Niedrige Zinsen bestrafen zudem die Sparer und Institutionen, die die Ersparnisse verwalten wie Pensionsfonds oder Versicherungen. Es ist sehr schwer, zu beurteilen, welche Geldpolitik in diesen Zeiten die richtige ist. Wir stecken in einem Dilemma, und sowohl Vorteile als auch Risiken müssen sorgfältig abgewogen werden.

Die Nachfrage nach Junkbonds ist in den vergangenen Monaten weltweit massiv angestiegen – um 55 Prozent. Wie besorgt macht Sie das? 

Es ist derzeit noch zu früh, zu beurteilen, ob sich hier ein übermäßiges Risiko aufbaut. Wir werden die weitere Entwicklung genau beobachten.

Derzeit wird diskutiert, wie Zentralbanken Krisen künftig besser vorbeugen können. Ist „Leaning against the wind“ – das rechtzeitige Gegensteuern – die richtige Strategie?

Die Geldpolitik wird in Zukunft überwachen müssen, ob sich an den Finanzmärkten Ungleichgewichte aufbauen und ob sie gegensteuern muss, um künftige Krisen zu verhindern. Aber das gilt nicht nur für die Geldpolitik, sondern auch für die Fiskal- und Strukturpolitik, die die Aufsichtspolitik positiv ergänzen können.

Die Fed sagt, gegensteuern bringt nichts...

Wir sind uns alle einig, dass die Strategie, den Sturm auf sich zukommen zu lassen und danach die Folgen zu beseitigen, nichts gebracht hat. Wir brauchen Alternativen. Viele Politikbereiche, einschließlich der Geldpolitik, müssen zusammenarbeiten.

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