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Buchrezension "Sparen ist bei Regierungen unbeliebt"

Zwei Wissenschaftler erklären in einem neuen Buch, warum andere Menschen auf Ihre Kosten immer reicher werden - und wie das staatliche Monopol auf Gelddrucken die Ungleichheit schürt.

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In unserem heutigen Papiergeldsystem können Zentralbanken beliebig Geld nachdrucken. Quelle: dpa

Die Ausrichtung des Buches wird schon mit der Widmung deutlich. "Für Ludwig von Mises". Die Autoren Andreas Marquart und Philipp Bagus widmen ihr neues Werk einem Vorreiter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Auch der Titel ist Programm: "Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden...und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen".

Wer ein trockenes Werk über die Ecken und Kanten unserer heutigen Geldpolitik erwartet, liegt falsch. Ökonom Bagus und Marquart, Leiter des Ludwig von Mises-Institut in Deutschland, erklären geldpolitische Zusammenhänge so einfach, dass sie jeder versteht. Das liegt vor allem an der provokanten Art, in der das Buch geschrieben ist.

Buchcover zu

Schon im Vorspann erläutern die Autoren, warum ihr Werk "explosiver als Sprengstoff" sei - und stellen das staatliche Geldmonopol infrage: "Wenn unser Geld in der Obhut des Staates gut aufgehoben ist, warum verliert es dann immer mehr von seiner Kaufkraft?"

Mit dieser Frage landen Marquart und Bagus schnell beim springenden Punkt. Konsequent erläutern sie die teilweise dramatischen Folgen, die die Herrschaft des Staates über das Geldwesen aus ihrer Sicht hat. Und treffen damit den Nerv der Zeit.

Zentralbanken weltweit haben es sich zur Angewohnheit gemacht, im Ernstfall einfach die Drucker anzuwerfen und frisches Geld in den Markt zu pumpen. Damit hat beispielsweise die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldmenge seit Euroeinführung etwa verdoppelt.

"Hat sich Ihr Kontostand in diesem Zeitraum auch verdoppelt?" "Hat sich wenigstens Ihr Einkommen verdoppelt?" Ganz offensichtlich lautet die Antwort auf diese (rhetorischen) Fragen von Marquart und Bagus: Nein.

Kein Wunder, so die Verfasser. Denn Papiergeld lässt sich einfach nachdrucken und vermehren. Damit setzen Zentralbanken und Politiker das Vertrauen der Bürger aufs Spiel. "Was ist das für ein Geld, für das Politiker eine Garantie aussprechen müssen?", fragen Marquart und Bagus. Die Antwort ist einfach: schlechtes Geld.

Was ist gutes Geld?

Entsprechend muss es auch gutes Geld geben: Edelmetalle wie Gold und Silber, die sich nicht mutwillig vermehren lassen. Durch ihre natürliche Knappheit wird Werterhalt garantiert, eine künstliche Vermehrung durch die Druckerpresse einer Notenbank ist nicht möglich.

Wäre unser Geld weiterhin wie im Goldstandard an ein solches Edelmetall gekoppelt, wären geldpolitische Exzesse und die Enteignung durch Staaten und Banken laut Marquart und Bagus nicht möglich. "Die Kaufkraft von Warengeld wäre sicherlich stabiler als unser heutiges staatliches Papiergeld", schreiben die Verfasser.

Natürlich wurde der Goldstandard nicht ohne Grund abgeschafft. Auch dieser Aspekt bleibt bei Marquart und Bagus nicht unerwähnt. Eins der Probleme: Der Staat greift ein. Und das Sparen ist dessen Sache nicht.

Was heute ist, war auch früher nicht anders, Wahlkampfgeschenke und andere Bonbons wollen finanziert werden. "Um noch mehr Geld schöpfen zu können, wurde die Bindung von Geld zu Gold immer mehr gelockert." Die Politiker seien in ihren Ausgabeorgien zu beschränkt gewesen, deswegen musste der Goldstandard weg.

Inflation als Folge

Die höchsten Inflationen aller Zeiten
Turkmenistan, Januar 1992 - November 1993Währung: Manat Tägliche Inflationsrate: 5,71 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 12,7 Tage Quelle: Institute for Applied Economics, John Hopkins University Baltimore Quelle: AP
Armenien, Oktober 1993 - Dezember 1994Währung: Rubel Tägliche Inflationsrate: 5,77 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 12,5 Tage Quelle: REUTERS
China, Oktober 1947 - Mitte Mai 1949Währung: Yuan Tägliche Inflationsrate: 14,1 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 5,34 Tage
Griechenland, Mai 1941 - Dezember 1945Währung: Drachme Tägliche Inflationsrate: 17,9 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 4,27 Tage
Deutschland, August 1922 - Dezember 1923Währung: Papiermark Tägliche Inflationsrate: 20,9 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 3,70 Tage
Republika Srpska, April 1992 - Januar 1994Währung: Dinar Tägliche Inflationsrate: 64,3 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 1,41 Tage
Jugoslawien, April 1992 - Januar 1994Währung: Dinar Tägliche Inflationsrate: 64,6 Prozent Zeitraum, in dem sich die Preise verdoppelten: 1,41 Tage Quelle: dpa

Soweit richtig. Die mit dem Goldstandard einhergehenden (Wachstums-)Beschränkungen werden von den Autoren allerdings nur am Rande thematisiert. Etwa, dass die Kopplung an das wertvolle Edelmetall sich in Zeiten zunehmenden Welthandels als nicht mehr praktikabel erwies. Das Ende des Goldstandards war gleichzeitig der Beginn einer wirtschaftlichen Erholung, Ökonomen wie Keynes warnten, eine Fortsetzung der Kopplung könne hohe Arbeitslosigkeit schüren.

Nichtsdestotrotz gilt das Grundargument von Marquart und Bagus gestern wie heute: Politiker sind Freunde des Geldausgebens. "Aber wirkliches Sparen ist bei Staaten und Regierungen reichlich unbeliebt. Schließlich ist es viel angenehmer, fremdes Geld (Steuern) zu verteilen, als den Empfängern zu sagen: Ab jetzt gibt’s weniger!", konstatieren die Autoren.

Angesichts der aktuellen Lage - die EZB hat massenhaft billiges Geld in den Markt gepumpt, dennoch sinken derzeit die Inflationsraten in der Euro-Zone - mag sich mancher Leser fragen, wie es zu den inflationären Warnungen der Autoren kommt. Dafür muss der Leser wissen, welche Bedeutung Inflation in der traditionellen Österreichischen Schule hat.

Wird Inflation heutzutage oft gemeinhin als Preissteigerung interpretiert, meint sie bei Mises und Co. die Ausweitung der Geldmenge. "Inflation als Teuerung zu bezeichnen ist so, als ob man ein Symptom einer Krankheit mit seiner Ursache verwechselt", so die Verfasser. Entsprechend bezeichne Deflation das Schrumpfen der Geldmenge, steigende Preise seien dagegen nur eine Folge von Inflation. Die, wie die aktuellen Entwicklungen zeigen, nicht zwingend ist.

Die Zentralbanken drucken zwar das Geld, sind aber damit in den Augen von Marquart und Bagus nur Befehlsempfänger des Staates. Die Ökonomen tadeln vor allem die Rolle der Politiker und des Staates als Herrscher über das Geldwesen. Von einer "unheilvollen Symbiose aus Staat und Bank" ist da die Rede. Spätestens bei der Feststellung: "Wir überlassen unser Geldwesen also Menschen, die scheinbar nicht einmal in der Lage sind, einen Flughafen fristgerecht fertigzustellen", dürften Marquart und Bagus die meisten Leser auf ihrer Seite haben.

Und wer hat am meisten unter dieser unheilvollen Symbiose zu leiden? Der Spar-Michel.

Denn diese Geldschöpfung per Tintenstrahldrucker sorge für eine Umverteilung von unten nach oben, so die Autoren. "Wenn Sie Lohn-, Gehaltsempfänger oder Rentner sind, dann sollten Sie sich jetzt schon mal eher auf der Verliererseite sehen", erklären Marquart und Bagus und treffen damit exakt den Nerv des kleinen Sparers, der sich durch die expansive Politik der Zentralbanken enteignet sieht.

Armer Spar-Michel

Wo das Leben in Europa am meisten kostet
Autoverkauf in Bulgarien Quelle: REUTERS
Polen und Rumänien Quelle: dpa
Litauen und Ungarn Quelle: dapd
Lettland und Slowakei Quelle: APN
Estland, Malta und Tschechische Republik Quelle: dpa
Autokauf in Portugal Quelle: gms
Spanien und Griechenland Quelle: dpa

Hier fragen sich die Autoren zu Recht, wo denn das zusätzlich geschaffene Geld überhaupt geblieben sei und wem es zu Gute komme. "Je später das Geld bei einem ankommt, desto weniger profitieren wir". Sie bemühen dabei erneut ihr anschauliches Beispiel-Dorf.

Im "Goldstandard" führt eine Innovation dazu, dass bestimmte Goldschürfer mehr Gold gewinnen als andere. Sie machen daraus Münzen und haben so mehr Geld denn je.

Dieses investieren sie - in Maschinen, Grundstücke und andere Unternehmen. Während sie selber immer reicher werden, steigern sie damit gleichzeitig die Preise. Je später das zusätzliche Geld aber bei anderen Dorfbewohnern ankommt, desto weniger profitieren diese. Im Gegenteil: vViele sind im Nachteil, weil sie die gestiegenen Preise mittragen müssen.

Marquart und Bagus übertragen das auf die Geldanlage und die Realität an den Finanzmärkten. Die Profiteure der Geldschwemme sind die Erstbezieher des frischen Kapital - Banken, Staaten oder Versicherungen etwa. Sie nutzen das Geld, um es zu den (noch niedrigen) Preisen in Aktien oder Immobilien zu investieren. Wenn auch der Sparer an ein solches Investment denkt, haben die Erstbezieher die Preise schon derart in die Höhe getrieben, dass für den Spar-Michel ein Investment nicht mehr denkbar ist.

In der Ökonomie wird dieses Phänomen als Cantillon-Effekt bezeichnet, der besonders in der Österreichischen Schule eine Rolle spielt. Grundsätzlich bezeichnete Richard Cantillon damit den Effekt, dass eine Erhöhung der Geldmenge sich nicht gleichmäßig auf alle Bereiche einer Volkswirtschaft auswirkt, sondern einige Teile wie beispielsweise der Bankensektor zuerst betroffen sind und so profitieren.

Ernüchterndes Fazit

Wie befürchtet fällt das Zwischenfazit düster aus. "Durch die Installierung und Etablierung eines staatlichen Geldmonopols ist es letztlich der Staat selbst, der eine Umverteilung zugunsten Superreicher forciert", schreiben die Ökonomen. Während er also durch Sozialmaßnahmen gegenzusteuern versucht, ist er die eigentliche Quelle der sozialen Ungleichheit. Während es beim Ökonom Piketty vor allem der Markt ist, welcher Ungleichheit schürt, ist es bei Marquart und Bagus der Staat mit seinem Geldmonopol. Eine weitere Folge: die enorme Verschuldung. "Eine Staatsverschuldung in den gegenwärtigen Dimensionen ist nur in einem staatlich monopolisierten Papiergeldsystem möglich."

In Arbeit
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Interessant zeigen die Autoren auf, was das staatliche Geldmonopol in der (inflationären) Folge mit seinen Bürgern anrichtet. "Früher hatte man einfach Goldmünzen in bar gespart. Heute muss man sich verschulden und viel Zeit in die Geldanlage investieren, um oben zu schwimmen. Zeit für die schönen Dinge des Lebens, Kultur, Sport, Familie, bleibt immer weniger."

Das Fazit der Autoren: "Schlechtes Geld macht die Menschen zunehmend abhängig, unmündig, unselbstständig, sozial isoliert, entwurzelt, unvorsichtig, rücksichtslos, egoistisch, materialistisch, oberflächlich, gestresst und depressiv."

Zwar mag das Buch an vielen Stellen vereinfachen - bei einem derart komplexen Finanzsystem wie dem heutigen ist das anders kaum möglich. Aber es erfüllt eine sehr wichtige Aufgabe: Es stellt vermeintliche Alltäglichkeiten in Frage - und noch viel wichtiger: Es regt auch den Leser an, über eben diese nachzudenken. Angesichts der populärwissenschaftlichen und provokanten Thesen sorgt es dafür, sich mit dem politischen und wirtschaftlichen System auseinanderzusetzen. Und das ist gut so.

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