Bundesagentur für Arbeit Der Mindestlohn ist ein Risiko für den deutschen Arbeitsmarkt

Auf dem Arbeitsmarkt läuft runder als viele zunächst glaubten. Für noch mehr Schub hat ein kräftiger Herbstaufschwung gesorgt. Das könnte sich im nächsten Jahr ändern - auch wegen des Mindestlohns.

Zwei Männer warten in der Bundesagentur für Arbeit in Hannover. Quelle: dpa

Es war ein Tag, an dem bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) eigentlich hätten Sektkorken knallen müssen: Mit der am Donnerstag verkündeten Zahl von 2,717 Millionen Arbeitslosen hat die Nürnberger Bundesbehörde gleich mehrere Bestmarken übertroffen.

Dennoch stand BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise anscheinend nicht der Sinn nach Feiern. Gewohnt sachlich präsentierte er ein Zahlengerüst, das PR-Leute sicherlich als großen Coup verkauft hätten. So hatte Deutschland zuletzt zum Beispiel europaweit erstmals die niedrigste Arbeitslosenquote. Dass Weise auf allzu viel Trommelwirbel verzichtete, lag wohl nicht nur am gewohnt zurückhaltenden Umgang der Bundesagentur mit Rekorden.

Das sind die häufigsten Nebenjobs in Deutschland
Laut einem Bericht der Saarbrücker Zeitung hatten im Juni 2013 rund 2,61 Millionen Beschäftigte mit einer sozialversicherungspflichtigen Stelle mindestens einen Nebenjob. Das war jeder elfte Arbeitnehmer in dieser Gruppe. 2003 war es nur jeder 23. Beschäftigte. Damit hat sich die Zahl der "Multijobber" in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Das Blatt beruft sich für seine Angaben auf eine Stellungnahme der Bundesregierung zu einer Anfrage der grünen Arbeitsmarktpolitikerin Brigitte Pothmer. Warum so viele nebenher arbeiten, geht aus der Studie nicht hervor. Für Pothmer ist die Sache aber klar: "Der Lohn aus einem Job reicht für viele ganz offensichtlich nicht zum Leben." Sie fordert deshalb, den Mindestlohn von 8,50 Euro auch auf die Minijobs zu erstrecken. Quelle: dpa
Minijobber oder geringfügig Beschäftigte dürfen monatlich nicht mehr als 450 Euro verdienen. Das Einkommen ist steuerfrei und der Arbeitnehmer muss in der Regel keine Sozialversicherungsbeiträge bezahlen - ausgenommen die Rentenversicherung. Nur wer neben seinem Hauptberuf mehrere Minijobs ausübt oder regelmäßig über 450 Euro verdient, wird sozialversicherungspflichtig und braucht eine zweite Steuerkarte. Eine zeitliche Begrenzung für Nebenjobs gibt es nicht, solange die Gesamtarbeitszeit in Haupt- und Nebenjob zusammen 48 Stunden pro Woche nicht überschreitet. Der Chef muss den Nebenjob allerdings erlauben. Wer beispielsweise bei der Konkurrenz etwas dazu verdienen will oder wegen des Minijobs jeden Tag zu spät zur Arbeit kommt und da auch noch einschläft, sollte nicht mit zu viel Wohlwollen seitens des Arbeitgebers rechnen. Quelle: dpa
Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit haben Frauen häufiger einen Nebenjob als Männer. Demnach hatten im Juni 2013 rund 1,5 Millionen Frauen einen Minijob neben ihrem Hauptberuf, aber nur 1,1 Millionen Männer. Wie viele Jobs die Deutschen - unabhängig vom Geschlecht - haben, geht aus der Statistik nicht hervor. Auch welche Berufsgruppen besonders häufig nebenher arbeiten (müssen), ist nicht erfasst. Dafür aber die häufigsten Nebenbeschäftigungen.... Quelle: dpa
Kinderbetreuung und NachhilfeRund 3,9 Prozent der gemeldeten Nebenjobs entfallen auf den Bereich Bildung und Betreuung. Sei es die Nachhilfe in Mathe oder die Nachmittagsbetreuung der Nachbarskinder. Der Job des Nachhilfelehrers ist auch bei Studenten sehr beliebt. Quelle: dapd
ZustellerZeitungen oder Werbeblättchen austragen ist nicht nur ein Job für Schüler: 4,3 Prozent der gemeldeten Nebentätigkeiten entfallen auf Zusteller- und Paketdienste. Quelle: AP
Putzen4,5 Prozent sind Putzjobs. In der Regel gehen die Deutschen bei Bekannten oder in der Nachbarschaft putzen. Quelle: dpa
VerkäuferViele schlüpfen nach oder neben ihrem regulären Beruf auch in die Rolle eines Verkäufers. Rund fünf Prozent der Nebenjobs sind im Handel. Quelle: obs

Denn nach der offiziellen Lesart sind 2,7 Millionen Jobsucher - auch wenn der Wert einen Beinahe-Tiefstand markiert - noch immer 2,7 Millionen zu viel. Zudem lauern in der deutschen Wirtschaft allerorts Risiken. Sie lassen ach Ansicht von Bankenvolkswirten eine weiter positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt unsicher erscheinen.

Vor allem ein Risiko treibt Strategen in der BA-Hauptverwaltung derzeit um: die möglichen Auswirkungen der vom 1. Januar 2015 an geltenden Mindestlohnregelung. Die sieht einen generellen Mindestlohn von 8,50 Euro vor - wenn auch mit einigen Übergangsregelungen.

Arbeitgeber warnen seit Monaten vor diesem staatlichen Eingriff in die Tarifautonomie. Mehrere hunderttausend Jobs könnten in den kommenden Jahren wegfallen, befürchten einige Verbände. Verloren gehen könnten vor allem Jobs für An- und Ungelernte. Dass Mindestlöhne in vielen europäischen Ländern längst Standard sind, bleibt dabei in Verbandsmitteilungen oft unerwähnt.

Zurückhaltender geben sich Arbeitsmarktforscher. Aber auch sie sprechen offen vom „Risikofaktor Mindestlohn“. Von „Horrormeldungen“, die von einem möglichen Verlust von bis zu einer Million Jobs als Folge des Mindestlohns sprechen, hält der Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller, aber nichts.

Er rechnet mit einem deutlich geringeren Jobverlust, will sich aber bis zum Vorliegen erster Untersuchungsergebnisse im Frühjahr 2015 nicht festlegen. Einige Experten erwarten Jobverluste, die allenfalls bei um die 100 000 liegen.

Wie stark Unternehmen vom Mindestlohn betroffen sind, hängt nach Möllers Ansicht stark vom Firmentyp, der Marktstellung und der bisherigen Rentabilität ab. „In Branchen, die kaum zu Preiserhöhungen in der Lage sind und auch bislang schon keine Extra-Gewinne machen, kann der Mindestlohn zu Jobverlusten führen“, schätzt er.

In vielen Branchen dürften die zusätzlichen Lohnkosten aber auf die eine oder andere Weise aufgefangen werden. So können sich die Forscher beim IAB nicht vorstellen, dass wegen des Mindestlohns Dienstleistungen von Wach- und Sicherheitsfirmen zurückgefahren werden.

In einigen Branchen rechnen die Arbeitsmarktforscher dennoch mit „interessanten Entwicklungen“ - etwa beim Taxigewerbe. In der Branche wurden Fahrer bisher am Umsatz beteiligt. Künftig müssen sie auf Stundenlohn-Basis bezahlt werden. In vielen Städten pochen daher Taxiunternehmen auf höhere Fahrpreise. In manchen Großstädten zeichnen sich nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa Preiserhöhungen von bis zu 25 Prozent ab.

In der Gastronomie rechnet Möller mit „Umschichtungen“: Wenn dort wegen des Mindestlohns die Preise stiegen, müsse sich das Servicepersonal womöglich auf ein geringeres Trinkgeld einstellen. Aber genau wisse man das erst im Laufe des kommenden Jahres.

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