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BWL-Sieger St. Gallen„Der geringe Staatsanteil diszipliniert – und macht uns innovativ“

Die Universität St. Gallen ist in der BWL die forschungsstärkste Hochschule im deutschsprachigen Raum. Dekan Reinhard Jung über die Hintergründe des Erfolgs, die strikten Auswahlverfahren – und rote Linien bei der Förderung durch die Privatwirtschaft.Bert Losse 19.12.2022 - 12:28 Uhr

Der Neubau "Square" der Universität St. Gallen

Foto: dpa Picture-Alliance

WirtschaftsWoche: Herr Jung, bei der Publikationsleistung im Bereich BWL liegt die Universität St. Gallen im deutschsprachigen Raum klar vorn. Woher kommt die hohe Präsenz in Top-Journals?
Reinhard Jung: Da gibt es verschiedene Hebel. Zunächst existiert natürlich eine intrinsische Motivation, in renommierten Fachzeitschriften zu publizieren. Wir schauen uns bei jeder Stellenbesetzung an, ob die Kandidatinnen und Kandidaten bereits erfolgreich publiziert haben oder – beim wissenschaftlichen Nachwuchs – das Potenzial dazu haben. Hinzu kommen jedoch auch interne Incentives für diejenigen, die in den 50 besten internationalen Journals publizieren. Für Veröffentlichungen in solchen Fachzeitschriften gibt es einen finanziellen Bonus für den eigenen Forschungsbereich. Bei herausragenden Publikationsleistungen kann man zudem mehr Freiraum für die Forschung beantragen und so von Lehrverpflichtungen entlastet werden. Insgesamt lässt sich sagen: Die Arbeits- und Forschungsbedingungen unterscheiden sich deutlich von anderen Hochschulen.

Wie meinen Sie das?
Unser System setzt intern viel produktive Energie frei. Im Bereich der BWL sind die einzelnen Fachdisziplinen in autonomen Instituten organisiert, die eigenständig entscheiden, woran sie forschen wollen. Das gibt es in dieser Form an anderen Großuniversitäten nicht, da ist der fachliche Entscheidungsspielraum meist geringer.

Die Hochschule und damit auch die SoM werden nur zu gut 50 Prozent vom Staat finanziert, der Rest muss als Drittmittel eingeworben werden. Ist das für die wissenschaftliche Exzellenz eine Bürde – oder eine Chance?
Eher Letzteres. Der geringe Staatsanteil diszipliniert und macht innovativ, er zwingt uns zu stark anwendungsorientierter Forschung. Den wissenschaftlichen Elfenbeinturm können wir uns schlicht nicht leisten. Dadurch entsteht ein unternehmerischer Spirit und eine starke Vernetzung mit der Praxis. Niemand würde uns Geld geben, wenn wir rein theoretische Forschung betreiben würden, das kann sich kein Unternehmen mehr leisten. Anders ausgedrückt: Wir übersetzen wissenschaftlichen Output in Nutzen für die Unternehmen. Ein wichtiges – auch finanzielles – Standbein der HSG ist dabei die „Executive Education“, also die Weiterbildung von Führungskräften. Wir werden in der Wirtschaft nicht als theoretische Hochschule wahrgenommen, sondern als eine Institution, die in der Lage ist, Manager zu schulen.

Zur Person
Reinhard Jung ist Professor für Business Engineering und Dekan der School of Management (SoM) an der Universität St. Gallen.

Welche Unternehmen stehen denn auf Ihrer Unterstützerliste?
De Liste ist lang. Von den Großunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz dürften es nur wenige geben, mit denen nicht in irgendeiner Form eine Kooperation besteht. Wir arbeiten aber auch mit dem Mittelstand zusammen. Als wir jüngst einen „KMU-Tag“ veranstaltet haben, war der Andrang so groß, dass wir vom Campus auf die Messehallen von St. Gallen ausweichen mussten.

Je mehr Geld und Input aus der Wirtschaft kommt, umso stärker stellt sich die Frage nach der Freiheit der Wissenschaft. Wie unabhängig sind Sie in der Forschung wirklich von privaten Geldgebern?
Diese Frage höre ich oft. Fakt ist: Es gibt keine inhaltlichen Vorgaben der privaten Geldgeber. Die Credit Suisse zum Beispiel finanziert bei uns mit zehn Millionen Franken den Aufbau eines „Center for Financial Services Innovation“. Aktuell laufen die letzten Auswahlverfahren für das wissenschaftliche Personal – in der Berufungskommission aber sitzt niemand von der Credit Suisse. Wir haben auch keinerlei persönliche Profilvorgaben für die zu schaffenden Stellen. So muss es auch sein. Wenn wir anfangen würden, uns von den Geldgebern Personal- und Richtungsentscheidungen vorgeben zu lassen, wären wir keine Universität mehr. Da gibt es eine rote Linie.

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In einigen internationalen Hochschulrankings, die über den deutschsprachigen Raum hinausgehen, hat St. Gallen zuletzt an Boden verloren. Ruht sich Ihre Kaderschmiede zu sehr auf ihren Lorbeeren aus?
Nein. Ich bin da völlig entspannt. Schwankungen sind normal, zumal die Zahl der nachstrebenden Hochschulen zunimmt und die globale Leistungsdichte enger wird. Was mich besonders freut: Unser Masterprogramm „Strategy and International Management“ führt 2022 zum zwölften Mal in Folge das „Financial Times“-Ranking der Management-Masterprogramme an. Das hat vorher noch nie jemand geschafft. Im Übrigen zeichnet unsere Hochschule nicht nur die Publikationsleistung aus, sondern auch eine sehr geringe Fluktuation: Wer bei uns arbeitet, will in der Regel nicht mehr weg. Und wenn wir neue Stellen ausschreiben, ist die Zahl der Bewerbungen enorm. Das führt dazu, dass wir stets auswählen können – und die besten Leute zu uns kommen.

So wie die Schwesterdisziplin der VWL ist auch die Betriebswirtschaftslehre im Wandel. Was sind für Sie die Zukunftsthemen des Fachs – und wie reagiert die SoM darauf?
Ein ganz zentrales Zukunftsthema der BWL ist die Nachhaltigkeit. Gleiches gilt für die digitale Transformation und das Lieferkettenmanagement – wir haben lernen müssen, dass globale Arbeitsteilung für die Warenströme auch große Risiken birgt. Wir sind dabei, diese Themenfelder in Forschung und Lehre stärker zu implementieren. Regelmäßige Anpassungen im Curriculum und eine Optimierung der Bachelor- und Masterprogramme sind nötig, um marktfähig zu bleiben.

Was muss ein deutscher Abiturient können, um in St. Gallen angenommen zu werden?
Das ist nicht ganz trivial. Zunächst gibt es einen vom Kanton St. Gallen festgelegten Ausländeranteil von maximal 25 Prozent, den wir nicht überschreiten dürfen. Für Nicht-Schweizer gibt es zudem einen durchaus anspruchsvollen Zugangstest. Für alle Studierenden folgt dann ein so genanntes Assessment-Jahr. Diese dem Studium vorgeschaltete Phase hat eine Filterfunktion: Eine relativ hohe Quote an Studierenden wird „rausgeprüft“, was wir so auch offen kommunizieren. Im Bachelorstudium kommen also nur die besten Kandidatinnen und Kandidaten an.

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