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Bye bye, Exportweltmeister? Warum die deutsche Wirtschaft schwächelt

Quelle: imago images

Wirtschaftshistoriker Adam Tooze und Ökonom Ashoka Mody diskutieren über die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft – mit durchaus düsteren Botschaften. Vor allem die Abhängigkeit von der Autoindustrie bereitet ihnen Sorgen.

Man muss die erfreulichen Meldungen feiern, wie sie fallen. Daher sprach Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sogleich von einem „ersten Lichtblick“, als das Statistische Bundesamt mitteilte, das Bruttoinlandsprodukt sei zwischen Januar und März im Vergleich zu den drei Monaten davor um 0,4 Prozent gewachsen.

Ein Hoffnungsschimmer, weil der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Monaten vor allem missliche Nachrichten beschieden waren: Das erste Quartalsschrumpfen der Wirtschaft seit Langem. Infineon, Aurubis und Leoni warnten vor weniger Gewinnen. Für die deutsche Industrie liefen die Geschäfte im März zuletzt so schlecht wie seit Mitte 2012 nicht mehr. Und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) musste gerade auch noch verkünden, dass Bund, Länder und Kommunen in den kommenden Jahren mit weniger Steuereinnahmen würden auskommen müssen als bisher erwartet.

Mehr als ein Lichtblick sind allerdings auch die neuen Zahlen nicht. Vor allem die Kauflust der Verbraucher und der Bauboom haben die deutsche Wirtschaft angetrieben – die Erzeugung in der Industrie ist im ersten Quartal dagegen geringfügig gesunken, die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe schwächten sich sogar deutlich ab.

Die Gründe sind für die Regierenden, aber auch für Wirtschaftsverbände und Konzernmanager rasch gefunden: die Handelsstreitigkeiten, vor allem zwischen den USA und China, aber auch die Drohung von Donald Trump, Europa mit Autozöllen zu belegen. Der immer noch ungelöste Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Die Weltwirtschaft, die sich insgesamt abkühlt.

Doch die Probleme liegen tiefer. „Deutschland ist in so extremem Maß abhängig von der verarbeitenden Industrie“, sagt Ashoka Mody, der früher als Stellvertreter die Europaabteilung beim Internationalen Währungsfonds geleitet hat und heute an der Princeton University internationale Wirtschaftspolitik lehrt. Auf der Bühne der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin spricht er darüber, wie zukunftsfähig das deutsche Wirtschaftsmodell ist – und Mody nennt seine Botschaft selbst „düster“: „Dieses Modell steht heute unter großem Druck.“

Nun ist diese Analyse im Grunde nicht weiter überraschend. Die deutsche Wirtschaftskraft zehrt mehr von ihrer Vergangenheit, als dass sie sich in die Zukunft richtet, das ist auch Politikern und Konzernlenkern klar. Deutschland drohe, zur erfolgreichen Staatswirtschaft Chinas und zu den Technikkonzernen aus den USA den Anschluss zu verlieren, warnt Wirtschaftsminister Altmaier bei den meisten seiner Auftritte – es ist auch der Grundgedanke seiner Industriestrategie. Und Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratschef des Industriegaskonzerns Linde, sagte dem Magazin „Spiegel“ gerade, die Marke Made in Germany werde im Ausland zunehmend entzaubert.

Für kaum eine Branche gilt das wohl so sehr wie für die deutsche Automobilindustrie, die den Aufschwung der vergangenen zehn Jahre maßgeblich mitgetragen hat. Doch sie ignorierte auch alternative Antriebe, überließ neuen Rivalen wie Tesla bei Elektroautos lange den neuen Markt. Präsent war Volkswagen stattdessen als Konzern mit dem Dieselskandal. „Es droht eine große Revolution“, warnt Ökonom Mody in Berlin, „chinesische Autos auf deutschen Straßen – darüber muss man sich Sorgen machen.“

Mody spricht auf dem Kongress mit dem Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, der Soziologin Anke Hassel und dem Ökonom Achim Truger, seit März Mitglied des Sachverständigenrats, der für die Bundesregierung die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands begutachtet. Einig sind sich die vier Wissenschaftler vor allem in einem: Die starke Abhängigkeit vom Export ist für Deutschland zunehmend ein Problem.

Zwar sei es in einer globalisierten Welt nicht verwunderlich, dass sich Deutschland weiter auf sein Wirtschaftsnachkriegsmodell, den Export, spezialisiert habe, meint Anke Hassel – wie Frankreich auf den Binnenmarkt und Großbritannien auf die Finanzmärkte. „Es gibt aber kein anderes Land, das so wichtig ist wie Deutschland und in dem die Leistungsbilanz ähnlich unausgeglichen wäre“, sagte Adam Tooze.

Die Gegenargumente ihrer Kritiker kennen die Diskutanten: Andere Länder neideten Deutschland seine Exportstärke, sie liege an der deutschen Wirtschaftsstruktur mit der großen verarbeitenden Industrie und an der alternden Gesellschaft. Tooze hat allerdings einen weiteren, in seinen Augen gewichtigeren Grund ausgemacht: „Das deutsche Investitionsniveau ist unglaublich niedrig.“ Unternehmen investierten längst nicht mehr wie zur Wirtschaftswunderzeit. Vor allem sieht Tooze das Problem aber in der Schuldenbremse von Bund und Ländern.

Deutschland verbunkere sich in einem Industriemodell, das ein Auslaufmodell sein könnte, warnt Tooze, und lasse sich Chancen entgehen, die – investitionsintensive – Alternativen bieten könnten, künstliche Intelligenz beispielsweise und die Nutzung großer Datenmengen. Auch Achim Truger kritisiert die Fixierung auf öffentliche Schulden – die Deutschland dann auch noch nach Europa exportiere.

Bei aller inhaltlichen Nähe der Gesprächspartner – Truger und Hassel gelten als gewerkschaftsnah, Tooze ist für eine gemeinsame EU-Finanzpolitik, Mody hält die Haushaltsregeln der Europäischen Union für absurd – sind ihre Argumente nicht unbegründet. Deutsche Unternehmen, gerade die Mittelständler sind gut darin, ihre Produkte immer weiter zu verbessern. Radikal umgestellt haben ihr Geschäftsmodell nur wenige. Das erfolgreichste jüngere deutsche Unternehmen, SAP, ist mittlerweile auch schon fast 50 Jahre alt.

Die deutsche Bundesregierung wiederum hat sich bis zum Jahr 2018 Zeit gelassen, sich eine Digitalstrategie zu geben. Länder wie Vietnam werden Deutschland in Sachen schnelles Internet in den kommenden Jahren wohl überholen. Und unter den besten 30 Universitäten der Welt findet sich keine deutsche Hochschule.

In einer digitalisierten Welt würden viele neue Jobs entstehen, sagt Anke Hassel – aber vor allem auf höherem Qualifikationsniveau. „Die deutsche Wirtschaft muss sich von einer Industrie- zu einer Wissensgesellschaft wandeln“, sagt auch Ashoka Mody. Und schließt mit einer düsteren Botschaft: Das grundlegende Problem sei ein politisches – aber die Politiker zeigten keine Ideen.

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