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China Wie nachhaltig ist Chinas Wachstumswunder?

Chinas Wirtschaft wächst nicht zuletzt dank der steigenden Exporte. Im Westen benötigen die Menschen wegen der Pandemie mehr medizinische Schutzausrüstungen und elektronische Geräte fürs Homeoffice. Viele dieser Produkte stammen aus China.   Quelle: dpa

Chinas Wirtschaft expandiert mit Rekordtempo. Doch damit dürfte es bald schon wieder vorbei sein. Das Land steht vor großen Herausforderungen – und muss sich in den nächsten Jahren auf weniger Wachstum einstellen. 

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Von solchen Wachstumsraten können Deutschland und die anderen Länder in Europa derzeit nur träumen. Um 18,3 Prozent legte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) in China im ersten Quartal dieses Jahres zu. Das ist fast eine Verdreifachung gegenüber der Wachstumsrate aus dem Vorquartal und zugleich die höchste Zunahme seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen. Auch die monatlichen Umsätze im Einzelhandel (plus 34,2 Prozent), die Produktion in der Industrie (plus 14,1 Prozent) sowie die Investitionen in Anlagegüter (plus 25,6 Prozent) nahmen im März allesamt zweistellig zu. 

Der Hintergrund für die beeindruckenden Zahlen ist, dass China die Ausbreitung des Coronavirus schnell gestoppt und so als erstes großes Land der Welt wieder den Weg zurück auf seinen alten Wachstumspfad gefunden hat. Die Einzelhandelsumsätze haben fast das Niveau erklommen, das sie bei Fortschreibung des Trends der vergangenen Jahre ohne die Coronakrise erreicht hätten. Angetrieben wird Chinas Konjunktur durch die hohe Nachfrage aus dem westlichen Ausland nach medizinischer Schutzausrüstung, Elektroartikeln und Einrichtungsgenständen – ein Reflex des pandemiebedingten Bedarfs an Schutzmasken und Arbeitsgeräten fürs Homeoffice. 

Vorsicht Basiseffekt

Gleichwohl wäre es verfehlt aus den beeindruckenden Zahlen auf eine dauerhaft hohe Wachstumsdynamik im Reich der Mitte zu schließen. Zum einen sind die Zuwachsraten im Vorjahresvergleich auch deshalb so hoch, weil das BIP im Vorjahr im Gefolge des harten Lockdowns eingebrochen war. Schaltet man diesen Basiseffekt aus und blickt auf die Veränderungsrate des BIP zum Vorquartal, ergibt sich ein eher enttäuschendes Plus von saisonbereinigt lediglich 0,6 Prozent. Das ist das geringste Wachstum seit dem zweiten Quartal 2020. 

Zum anderen steht China vor großen Herausforderungen, die die wirtschaftliche Dynamik kurz- und langfristig bremsen werden. So hinkt China beim Impfen seiner Bevölkerung gegen das Coronavirus mit einer Durchimpfungsrate von 13 Prozent dem Westen deutlich hinterher. Großbritannien (Durchimpfungsrate: 48 Prozent) und die USA (Durchimpfungsrate: 37 Prozent) sind da wesentlich weiter. Das dürfte die Erholung des Dienstleistungssektors und des Reiseverkehrs in China verzögern. 

Hinzu kommt, dass der Regierung in Peking die hohe Verschuldung und die damit verbundene Gefahr von faulen Krediten in den Bankbilanzen ein Dorn im Auge ist. Seit Monaten wirkt sie daher auf die Banken ein, die Kreditzügel anzuziehen. Die Wachstumsrate der Kredite, die sich zuletzt auf rund zwölf Prozent abgeschwächt hat, dürfte daher weiter zurückgehen. Das bremst die konjunkturelle Dynamik. 

Gelenkte Zombiewirtschaft

Auf lange Sicht dürfte vor allem die Zombifizierung der Wirtschaft zum Problem werden. Aus Sorge vor sozialen Unruhen, die die Macht der Kommunistischen Partei gefährden könnten, wird die Regierung wohl weiterhin alles unternehmen, um eine Bereinigungskrise mit Masseninsolvenzen und steigender Arbeitslosigkeit zu verhindern. Die Fehlallokationen und Verzerrungen des Kapitalstocks, die die jahrelange Geldflutung im Verbund mit keynesianischen Konjunkturprogrammen ausgelöst hat, werden so zementiert. 

Noch hofft die Regierung in Peking, den Westen schon bald technologisch zu überholen. Doch die  zunehmenden Eingriffe des Staates in die Wirtschaft, die ubiquitäre gesellschaftliche Kontrolle und die zentrale Lenkung strategischer Investitionsentscheidungen entziehen der unternehmerischen Kreativität den freiheitlichen Boden, den diese benötigt, um die Bedürfnisse des Marktes in technologische Spitzeninnovationen zu übersetzen. 

Ob China der Sprung von der reinen Prozess- zur Produktinnovation gelingt, den es für die globale Technologieführerschaft braucht, ist daher fraglich. Zumal die USA weiter versuchen werden, China den Zugang zu westlichem Expertenwissen zu erschweren. Je mehr Ressourcen der sich verschärfende geopolitische Konflikt mit Amerika bindet, desto weniger dynamisch dürfte Chinas Wirtschaft wachsen. 



Die Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten daher, dass sich die Wachstumsrate der chinesischen Wirtschaft von 9,5 Prozent in diesem Jahr auf nur noch 5,5 Prozent im nächsten Jahr reduziert. Ein Deja-Vu mit zweistelligen Wachstumsraten dürfte es daher so schnell nicht geben.    

Mehr zum Thema: Der dritte Lockdown und Staatsversagen bei Tests, Impfungen und Coronahilfen bremsen die Wirtschaft. China dagegen wächst wieder schnell, die USA stützen mit Billionen – doch können sie den deutschen Aufschwung retten?
 

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