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Coronakrise Amerikas Zukunft besteht aus mehr Inflation und mehr Schulden

Die US-Notenbank Fed hat in der Corona-Krise die Leitzinsen drastisch gesenkt und die Wirtschaft mit Geld geflutet. Quelle: dpa

Unter Joe Biden rückt die Fiskalpolitik in den Mittelpunkt der Konjunkturstabilisierung. Kann die US-Notenbank im Gegenzug ihren ultraexpansiven Kurs zurückfahren?

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Für Jerome Powell, den Chef der US-Notenbank Fed, war es eine gute Woche. Erst bestätigte der amerikanische Senat seine Vorgängerin Janet Yellen als neue Finanzministerin in der Regierung von Joe Biden. Dann hob der Internationale Währungsfonds seine Prognose für das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft in diesem Jahr um zwei Prozentpunkte auf 5,1 Prozent an. Beide Ereignisse dürften der Fed in nächster Zeit etwas Luft verschaffen. Der Druck auf Powell, die Notenpresse immer schneller laufen zu lassen, lässt nach.

Nach dem Ausbruch der Coronakrise hatte sich die Fed gezwungen gesehen, den Leitzins in Windeseile auf 0 bis 0,25 Prozent zu senken und Wertpapiere in noch größerem Stil als zu Zeiten der Finanzkrise zu kaufen. Binnen eines Jahres schoss die Bilanzsumme der Notenbank von 4,1 Billionen auf aktuell 7,4 Billionen Dollar in die Höhe, ein Plus von 80 Prozent.

Weil eine derart ultraexpansive Geldpolitik nicht ohne Gefahren für die Preisstabilität bleibt, drängte Powell die Regierung unter Donald Trump in Washington immer wieder, selbst mehr Geld in die Hand zu nehmen, um die Wirtschaft in der Krise mit großangelegten Konjunkturprogrammen zu stützen. Durchaus mit einigem Erfolg. So verabschiedete die Regierung im vergangenen Jahr vier Corona-Hilfspakte im Volumen von insgesamt 3400 Milliarden Dollar. Das Defizit im Haushalt der Bundesregierung kletterte auf fast 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Mit Biden im Weißen Haus und Yellen im Finanzministerium dürfte es Powell noch leichter fallen, die Fiskalpolitik zum Handeln zu bewegen. So plant Biden ein 1,9 Billionen Dollar schweres Konjunkturpaket. Das entspricht rund neun Prozent des BIP. Darin enthalten sind Direkthilfen für die Bürger in Form von Einmalzahlungen, erhöhter Arbeitslosenhilfe, zudem Mittel zur Unterstützung der Bundesstaaten im Kampf gegen die Pandemie sowie Gelder für Investitionen in die Infrastruktur und erneuerbare Energien. Die Wahrscheinlichkeit, dass der demokratisch dominierte Kongress dem Paket sein Placet erteilt, ist hoch.

Gigantischer Stimulus 

Zusammen mit den schon verabschiedeten Programmen beläuft sich der fiskalische Stimulus für die US-Wirtschaft damit auf rund 28 Prozent des BIP. Das ist fast vier Mal so viel wie in der Finanzkrise von 2008 bis 2010. Kein anderes großes Land der Welt hat in der Coronakrise so viel Geld in seine Wirtschaft gepumpt wie Amerika. Selbst Deutschland, das in Europa das meiste Geld gegen die Krise ausgibt, kommt nur auf einen halb so großen fiskalischen Impuls wie die USA.

Auch wenn die Finanzpolitik damit einen großen Teil der Konjunkturstimulierung übernimmt, heißt das nicht, dass die Notenbank demnächst die Zügel straffen wird. Zwar gibt es in der Fed Stimmen, die die Anleihekäufe von derzeit 120 Milliarden Dollar im Monat abschmelzen wollen. Doch Powell hat deutlich gemacht, dass er nicht daran denkt, den expansiven Kurs bald zurück zu fahren. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre dürften ihm noch in den Knochen stecken.

Von 2016 bis 2019 hatte die Fed – erst unter Yellen, dann unter Powell – den Versuch unternommen, die Geldpolitik zu normalisieren und den Leitzins schrittweise von 0,0 bis 0,25 auf 2,25 bis 2,5 Prozent angehoben. Zugleich trat die Regierung unter Donald Trump mit Steuersenkungen und höheren Staatsausgaben aufs finanzpolitische Gaspedal. Das Haushaltsdefizit kletterte in dieser Zeit von 3,1 Prozent (2016) auf 4,6 Prozent (2019) des BIP. Als sich die Konjunktur 2019 abschwächte, brach die Fed den Straffungskurs unvermittelt ab und senkte den Leitzins. 

Angesichts dieser Erfahrungen dürfte Powell in den nächsten Jahren kaum der Sinn nach weiteren Normalisierungsversuchen stehen. Vielmehr ist mit einem Mix aus expansiver Fiskal- und expansiver Geldpolitik zu rechnen. Die ausufernden Staatsschulden haben die Fed – ebenso wie die EZB – ohnehin längst zum wichtigsten Geldbeschaffer und Geldverbilliger für die Regierung gemacht. Weil sich die überschuldeten Staaten keine höheren Zinsen leisten können, wird die Fed die Geldbeschaffungskosten in den nächsten Jahren niedrig halten. Die Hoffnung auf höhere Zinsen hat jenseits des Atlantiks ebenso wenig ein Zuhause wie in Europa.

Mehr Geld, höhere Preise 

Die ultralockere Geldpolitik spiegelt sich in der Geldmenge wider. Weil das von der Notenbank in Umlauf gebrachte Geld über den Staatshaushalt und den Bankensektor den Unternehmen und Bürgern in Form von Hilfszahlungen zufließt, wächst die Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen) rasant. Derzeit liegen die Raten im Vorjahresvergleich bei mehr als 70 Prozent. Fließt die Liquidität demnächst durch Güterkäufe in die Realwirtschaft – womit angesichts der Erfolge der USA im Kampf gegen das Coronavirus und der sich abzeichnenden Konjunkturerholung zu rechnen ist – dürften die Preise kräftig steigen.

Die Fed wird das zunächst vermutlich begrüßen. Denn in den vergangenen Jahren lag die Inflationsrate unter ihrem Zielwert von zwei Prozent. Teuerungsraten deutlich über zwei Prozent könnten das jahrelange Unterschießen ausgleichen. Im Schnitt mehrerer Jahre würde die Inflationsrate dann dem Zielwert der Fed von zwei Prozent entsprechen.

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Was aber, wenn die Konsumenten und die Produzenten angesichts steigender Preise ihre langfristigen Inflationserwartungen kräftig nach oben korrigieren und dies in ihre Lohn- und Preisforderungen einfließen lassen? Dann könnte die Inflation leicht außer Kontrolle geraten. Ob Jerome Powell dann die Suppe auslöffeln muss, die er den USA eingebrockt hat, ist noch nicht ausgemacht. Seine Amtszeit als Chef der Notenbank endet im Februar nächsten Jahres – eine Wiederberufung ist möglich.

Mehr zum Thema: Biden und Finanzministerin Yellen wollen ein Corona-Hilfspaket von 1,9 Billionen Dollar schnüren und die Staatsschulden auf neue Höchststände treiben. Kann das ökonomisch gut gehen?

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