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Daron Acemoglu "Chinas Modell ist nicht nachhaltig"

Der amerikanische Nobelpreis-Anwärter sieht im Machtmissbrauch korrupter Politiker den wichtigsten Grund für Armut. Länder ohne gute Institutionen werden auf Dauer scheitern.

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Daron Acemoglu Quelle: Courtesy of Indiana State University

WirtschaftsWoche: Professor Acemoglu, nach der Revolution im Nahen Osten vor gut einem Jahr hegten viele die Hoffnung, mit der politischen Freiheit werde auch der wirtschaftliche Wohlstand in die Region kommen. Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt. Was haben die Länder falsch gemacht?

Acemoglu: Der politische und wirtschaftliche Umbruch im Nahen Osten ist eine Zeitenwende, und er wird das Gesicht der Länder nachhaltig verändern. Allerdings herrscht nach wie vor Unsicherheit, wohin die Reise geht. Entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung ist nicht, ob die Menschen frei wählen können – sondern ob es ihnen gelingt, gute Institutionen aufzubauen.

Was verstehen Sie darunter?

Gute Institutionen sind sogenannte Inklusiv-Institutionen. Ich fasse den Institutionsbegriff sehr weit; es geht hier nicht nur um fähige Behörden wie eine unabhängige Zentralbank, sondern vor allem um Rechtsstaatlichkeit und ein freiheitliches Normenkorsett. Das bedeutet etwa, dass die politische Macht gleichmäßig verteilt ist und keine Gruppe andere Gruppen politisch oder wirtschaftlich ausbeuten kann. In den meisten Ländern des Nahen Ostens hat eine kleine Elite die Kontrolle über die Ressourcen. Die Möglichkeit, Unternehmen zu gründen, ist ebenfalls nur einer kleinen Schicht vorbehalten. Die Herausforderung ist nun, diese Strukturen völlig umzukrempeln.

Und wie groß sind dabei die Erfolgschancen?

Acemoglu: Die historischen Erfahrungen sind nicht ermutigend. Wenn Eliten aus ihren Ämtern vertrieben werden, nutzen die neuen Machthaber die Strukturen der alten Eliten häufig für ihre eigenen Zwecke.

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Wo zum Beispiel?

Man muss sich nur das Schicksal vieler Länder südlich der Sahara oder in Südasien anschauen. Nach der Unabhängigkeit von ihren Kolonialherren fielen sie in die Hände einheimischer Machteliten, die das Land ebenso ausbeuteten wie zuvor die Kolonialherren. Sogar in den USA gab es ähnliche Entwicklungen. Nach dem Bürgerkrieg wurde die Sklaverei verboten, und die Farbigen durften wählen. Doch die alten Eliten des Südens konnten ihre Machtstrukturen erhalten. Das war ein Grund dafür, warum sich die Südstaaten wirtschaftlich kaum weiterentwickelten.

Viele Länder des Nahen Ostens sind reich an Öl und Gas. Erleichtert das nicht die wirtschaftliche Entwicklung?

Man darf die Bedeutung natürlicher Ressourcen nicht überschätzen. Die Mehrheit der libyschen Bevölkerung ist bitterarm, obwohl das Land reich an qualitativ hochwertigem Öl ist. Die Institutionen entscheiden, ob der Reichtum an natürlichen Ressourcen Fluch oder Segen ist. Dienen Politik, Verwaltung und Justiz dem Machterhalt einer mächtigen Clique, ist die Gefahr groß, dass diese sich an den Rohstoffen bereichert. Für Libyen etwa könnte sich der Ölreichtum als Nachteil erweisen, wenn es dem Land nicht gelingt, seine innere Struktur zu ändern. Verfügt ein rohstoffreiches Land dagegen über funktionierende Institutionen wie zum Beispiel Norwegen oder Botswana, ist der Reichtum an Ressourcen ein Segen.

Auf welche Institutionen kommt es konkret an?

Inklusiv-Institutionen, die den Wohlstand fördern, sind solche, die allen Menschen die Möglichkeit geben, ihre wirtschaftlichen Leistungspotenziale voll zu entfalten. Elementar sind verlässliche Eigentumsrechte, die Gleichheit vor dem Gesetz, gleiche politische Mitwirkungsrechte für alle Gruppen der Gesellschaft sowie die Bindung politischen Handels an Regeln. Ebenso wichtig sind soziale Normen und das Wertesystem, etwa die Bereitschaft, sich an Gesetze zu halten.

Welche Rolle spielt die Kultur?

Ich halte nichts davon, die Probleme im Nahen Osten auf die arabische Kultur zurückzuführen. Sicherlich können religiöser Extremismus und starke ethnische Fragmentierung die Entwicklung von Demokratie und sozialen Normen erschweren. Meist ist die Qualität der Institutionen aber das Resultat der Geschichte. Nehmen Sie Großbritannien. Dort gibt es wie selbstverständlich demokratische Mitwirkungsrechte der Bürger und eine Kontrolle der Eliten durch die freie Presse. Das fiel nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis einer über 400 Jahre langen Entwicklung.

Von der Wichtigkeit guter politischer Institutionen

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Heißt das, die Länder des Nahen Ostens brauchen noch 400 Jahre, bis sie die Qualität der Institutionen Großbritanniens erreicht haben?

Großbritannien war damals gewissermaßen die Avantgarde bei der Entwicklung von Inklusiv-Institutionen. Die Länder des Nahen Ostens können den Prozess schneller durchlaufen, weil sie sich an historischen Vorbildern orientieren können. Allerdings ist der Weg sehr steinig und mit vielen Instabilitäten verbunden.

Haben ehemalige Kolonien wie Indien und Südafrika einen Vorteil?

Es gibt sehr unterschiedliche Erfahrungen der Kolonien. Indien, die USA, Singapur und Hongkong haben von ihrer kolonialen Vergangenheit profitiert, viele afrikanische Länder südlich der Sahara und in Zentralamerika haben eher darunter gelitten. Die Unterschiede erklären sich durch die koloniale Strategie, die wiederum die anschließende Unabhängigkeitsbewegung beeinflusst hat. Diente die Kolonialisierung in erster Linie der Ausbeutung von Ressourcen, ging dies häufig mit Zwangsarbeit und Repression einher. Wo sich Kolonialherren dagegen selbst in größerer Zahl in ihren Kolonien ansiedelten oder diese vor allem als Handelsposten nutzten, waren die Voraussetzungen ungleich besser. Davon haben diese Länder nach dem Ende der Kolonialzeit profitiert.

Die Chinesen beuten heute Rohstoffe in Entwicklungsländern aus, ohne sich dort anzusiedeln.

Für ein abschließendes Urteil über die chinesische Strategie ist es noch zu früh. Die Chinesen lassen sich nicht in die Karten schauen, daher weiß man nicht, welchen Preis sie für die Rohstoffe zahlen. Das Problem ist doch, dass China in vielen Fällen mit korrupten Machthabern Abkommen schließt, von denen die einheimische Bevölkerung dann kaum profitiert.

Aber China selbst wächst seit Jahren kräftig, obwohl dort Inklusiv-Institutionen fehlen.

Während eines Aufholprozesses, wie China ihn erlebt, sind hohe Wachstumsraten über mehrere Jahrzehnte möglich, ohne Inklusiv-Institutionen aufzubauen. Doch das Modell ist nicht nachhaltig.

Konjunktur



Fördert der zunehmende Reichtum in China den Wunsch nach politischen Reformen?

Historisch lässt sich diese Modernisierungshypothese nicht belegen. In den vergangenen 100 Jahren hat es viele Länder gegeben, die wirtschaftlich stark gewachsen sind, ohne ihre Institutionen zu verbessern. Ein Beispiel dafür ist Russland. Das Land wies von 1930 bis 1950 hohe Wachstumsraten auf. Trotzdem hielt es an seinen ausbeuterischen Strukturen fest. Oder stellen Sie sich vor, der Ölpreis würde sich verdoppeln und Saudi-Arabien noch reicher machen. Das würde den Reformdruck im Land wahrscheinlich eher reduzieren.

Wie lässt sich der notwendige Wandel beschleunigen?

Es gibt dafür kein Patentrezept. Die betroffenen Länder müssen die Entwicklung selbst vorantreiben. Andere Nationen können sie dabei allenfalls unterstützen.

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