Demografie Was Chinas Aufstieg jäh bremsen könnte

Die Amerikaner stehen ihrer Wirtschaftskrise sehr gelassen gegenüber. Nicht einmal China macht Ihnen Angst. Der Soziologe Salvatore Babones stimmt zu und sieht China als Reich der Mittelmäßigkeit.

Eine Chinesische Mutter mit ihrem Kind Quelle: dapd

Es ist schon erstaunlich, wie gelassen manche Amerikaner angesichts ihrer wirtschaftlichen  Probleme bleiben.

Da druckt die US-Notenbank Dollarnoten zur Finanzierung der amerikanischen Schuldenpapiere, von denen ein Großteil in Peking lagert, und der renommierte US-Ökonom Barry Eichengreen sagt: „Die gute Nachricht ist, dass das Schicksal des Dollars in unseren Händen liegt und nicht in denen der Chinesen.“

Und Larry Summers, zu Präsident Clintons Zeit Finanzminister, gibt sich trotz Leistungsbilanzdefizit und anhaltender Arbeitslosigkeit überzeugt: „Wir haben sicher unsere Herausforderungen. Aber wir haben auch die flexibelste, dynamischste und am meisten unternehmerische Gesellschaft, die die Welt je gesehen hat.“

Das klingt ein wenig nach Pfeifen im dunklen Wald. Dabei muss den Amerikanern gar nicht bange sein -  nicht weil sie so einzigartig gut sind, sondern weil auch China eklatante Schwächen hat. Darauf verweist Salvatore Babones, ein Soziologe von der Universität von Sydney, in einem Artikel in der amerikanischen Zeitschrift für Internationale Angelegenheiten, Foreign Affairs (September/Oktober 2011).

Er sieht Grenzen für Chinas weiteren Aufstieg, weil das Reich der Mitte in Wahrheit eines der Mittelmäßigkeit sei, wie er schon im Titel seines Beitrags anklingen lässt: „The Middling Kingdom. The Hype and the Reality of China’s Rise“.

Stärken und Schwächen der BRIC-Staaten
Die Skyline der Millionen-Metropole Shanghai, China Quelle: REUTERS
Leute shoppen auf den Straßen von Sao Paulo, Brasilien Quelle: dapd
Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva mit ölverschmierten Händen auf einer Ölplattform vor Bacia De Campos Quelle: dpa
Indien befindet sich laut einer Studie der Weltbank zu den Rahmenbedingungen für unternehmerische Tätigkeiten nur auf Platz 132. Genehmigungen, Kredite bekommen, Vertragseinhaltung - alles ist auf dem Subkontinent mit erheblichen Aufwand und Unsicherheiten verbunden. Hinzu kommt Korruption, eines der größten Probleme für das Land. Transparency International listete Indien im Jahr 1999 noch auf Patz 72, elf Jahre später ist das Land auf Platz 87 im Korruptionsindex abgerutscht. Nicht nur für die ausländischen Unternehmen ist Korruption ein Ärgernis, weil sie stets fürchten müssen, dass Verträge nicht eingehalten werden. Korrupte Beamte und Politiker sind auch eine enormes Problem für die mittleren und unteren Schichten, denen schlicht das Geld zur Bestechung fehlt. Um öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die den Bürgern per Gesetz zustehen, müssen laut Transparency International mindestens 50 Prozent ihrer Befragten Bestechungsgelder zahlen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Analysten gehen davon aus, dass die Direktinvestitionen in Indien um ungefähr 31 Prozent zurückgegangen sind und aus dem indischen Aktienmarkt etwa 1,4 Milliarden Euro abgezogen worden sind. Besonders brisant: nach einer Studie der Washingtoner Global Financial Integrity Organisation leitete die Liberalisierung und Markt-Deregulierung im Jahr 1991 die Hochzeit der Korruption und des illegalen Geldtransfers ein. Im Bild: Der Antikorruptions-Aktivist, Anna Hazare, im August 2011 in Neu Delhi. Hazare ging für zwölf Tage in einen Hungerstreik, um gegen die grassierende Korruption seines Landes zu protestieren. Tausende Sympathisanten unterstützen den Aktivisten bis zum Schluss seiner Aktion. Quelle: dapd
Verkehrsstau auf dem Delhi-Gurgaon Expressway, in Neu Delhi, Indien. Quelle: AP
Im Bild: eine Fabrikarbeiterin in einer Textilfabrik aus der Provinz Anhui, China. Quelle: REUTERS
Im Bild: Ein Eierverkaufsstand in Jiaxing, Zhejiang Provinz. Quelle: REUTERS

Wachstumsraten sind nicht von Dauer

Seine These: Chinas gegenwärtig hohen Wachstumsraten lassen sich nicht in die Zukunft extrapolieren, da Chinas bisheriger Aufstieg von zwei demografischen Einmal-Effekten getrieben sei, die schon bald auslaufen: Die abnehmende Geburtenrate und die zunehmende Urbanisierung.

Der Rückgang der Geburtenrate hatte zur Folge, dass sowohl die Familien wie auch der Staat ihre Ressourcen in den vergangenen 30 Jahren auf eine geringer werdende Zahl von Kindern konzentrieren konnten.

Die sind jetzt, besser ausgebildet, im Arbeitsprozess, genauso wie Hunderte Millionen von Frauen, die früher auf dem Land in der Subsistenzwirtschaft oder zu Hause tätig waren. Beides hat der Wirtschaft Impulse verliehen.

In Zukunft aber werden die aktiven Jungen die Ressourcen ihrer produktivsten Jahre zunehmend damit verbringen müssen, sich um ihre immer älter werdenden Eltern kümmern zu müssen.

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