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Denkfabrik

Geopolitische Risiken für die Weltwirtschaft

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Die instabile Lage in Russland und im Nahen Osten bedroht langfristig die Wirtschaft – aber auch die politische Expansion Chinas und die Gefahr von Cyberspace-Attacken. Eine Kolumne.

Die geopolitischen Probleme bedrohen zunehmend die Wirtschaft. Quelle: REUTERS

Wie wird das Jahr 2016 ökonomisch weitergehen? Viele Experten warnen vor den Folgen von Überschuldung und Niedrigzinsen – oder der wirtschaftlichen Schwäche Europas. Ich dagegen sage: Die Hauptrisiken, die uns drohen, sind geopolitischer Natur. Es sind die Instabilitäten in Russland und im Nahen Osten, der Expansionsdrang Chinas – und die Gefahr globaler Cyberspace-Attacken.

Russland bleibt für die Welt eine Quelle großer Unsicherheit. Das Land befindet sich in einer wirtschaftlichen Krise und leidet als großer Ölexporteur unter dem niedrigen Ölpreis. Präsident Putin hat die Russen bereits auf magere Zeiten eingestimmt. Die Regierung kann sich die hohen Transferzahlungen der vergangenen Jahre nicht mehr leisten.

Um seine Popularität trotz wirtschaftlicher Misere zu sichern, setzt Putin in der Außenpolitik auf militärische Aktionen; sei es in der Ukraine, sei es in Syrien. Zudem nutzt Russland seine Gasexporte nach Westeuropa und in die Türkei als ökonomische Waffe (obwohl die Entscheidung der Türkei, Gas aus Israel zu beziehen, die Grenzen dieser Strategie aufzeigt). Damit bleibt das Land eine stete Quelle der geopolitischen Gefahr.

Zur Person

Auch China setzt außenpolitisch auf Expansion und beansprucht Regionen im Ost- und Südchinesischen Meer, was mit Ansprüchen anderer Staaten kollidiert (Japan, Philippinen, Vietnam). Das Land hat künstliche Inseln geschaffen, deren umliegende Meeresgebiete es kontrolliert.

Von den USA wird Chinas Politik als „Zugangs- und Gebietsverweigerung“ bezeichnet. Genauer: als Versuch, die US-Flotte weit vom chinesischen Festland und von den Küsten amerikanischer Verbündeter in der Region fernzuhalten. Außerdem erweitert China seinen geopolitischen Einfluss durch Initiativen wie die Asiatische Investitionsbank, diverse Hilfsprogramme für Afrika und einen Plan, der den Titel „Ein Gürtel, eine Straße“ trägt. Er beinhaltet den Aufbau maritimer und territorialer Verbindungen durch den Indischen Ozean und Zentralasien bis hin nach Europa. Zwar wünscht sich die aktuelle politische Führung Chinas friedliche und kooperative Beziehungen zum Westen. Aber die zukünftige Herausforderung wird sein, spätere Generationen chinesischer Politiker von Maßnahmen abzuhalten, die den Westen bedrohen könnten.

Im Nahen Osten schaut die Welt derzeit vor allem auf den sogenannten „Islamischen Staat“. Das Grundproblem in der Region ist der Konflikt zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen – eine Spaltung, die seit mehr als 1000 Jahren besteht. Zu den meisten Zeiten und an den meisten Orten wurden die Schiiten von den Sunniten diskriminiert. Dementsprechend betrachten Saudi-Arabien und andere sunnitisch regierte Golfstaaten den Iran, die schiitische Großmacht der Region, als Erzfeind. Saudi-Arabien fürchtet, der Iran könne alte Rechnungen begleichen wollen und versuchen, die Heiligtümer in Mekka und Medina unter schiitische Kontrolle zu bringen. Ein Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran wäre auch ein Kampf um die enormen Ölvorräte der Arabischen Halbinsel und um den Reichtum kleiner sunnitischer Staaten wie Kuwait und Katar.

Das größte Risiko

Eine Risikoquelle könnte hingegen alle anderen in den Schatten stellen. Der Cyberspace lässt sich nicht durch Grenzen und Armeen sichern. Zu den Gefahren gehören der Zugriff auf Daten von Banken, Versicherungen und öffentlichen Einrichtungen sowie Industriespionage. Noch gefährlicher sind Attacken auf die Infrastruktur wie Stromnetze, Flugsysteme, Ölpipelines, Wasserversorgung oder Finanzplattformen. In einigen Fällen wurden China, Iran, Russland und Nordkorea für Schadsoftware verantwortlich gemacht. Aber nicht immer müssen Staaten dahinter stecken: Auch Privatpersonen können solche Malware verbreiten.

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Cyber-Waffen sind relativ billig und universell verfügbar, sie können jeden Ort der Welt erreichen. Um einen Gegner anzugreifen oder zu erpressen, sind sie die Waffen der Zukunft. Noch verfügen wir nicht über die Fähigkeit, solche Angriffe zu blockieren oder ihre Quellen zweifelsfrei aufzudecken.

Andere Risiken, die einen Einfluss auf die Weltwirtschaft 2016 haben, will ich nicht herunterspielen. Das Besondere an den hier skizzierten Bedrohungen aber ist, dass sie langfristig sind – und unsere wirtschaftliche Zukunft auf Jahre hinaus beeinflussen.

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