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Denkfabrik Scherben aufkehren

Die Debatte um Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen ist übertrieben. Die notwendigen Anpassungen in den Euro-Ländern erzwingt der Markt, sagt Carsten-Patrick Meier.

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Carsten-Patrick Meier Quelle: Kiel Economics

Viele Politiker und Ökonomen in Europa haben ein neues Lieblingsthema entdeckt: die „Ungleichgewichte“ im Euro-Raum. Gemeint ist damit, dass insbesondere die südlichen Länder des Währungsraums (Italien, Spanien, Portugal und Griechenland) seit Jahren an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verlieren, was ihre Exporte dämpft und importierte Konkurrenzprodukte begünstigt, während die nördlichen Länder, insbesondere Deutschland, an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. In der Folge steigen die Leistungsbilanzdefizite in den Süd-Ländern, während die Nord-Länder zunehmende Überschüsse ausweisen.

Was sind die Ursachen für diese Ungleichgewichte – und wie gefährlich sind sie wirklich? In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Umfeld für einen Teil der Länder des heutigen Euro-Raums dramatisch geändert. Vor der Gründung der Europäischen Währungsunion stand die Geldpolitik vor allem in Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Irland stark unter politischem Einfluss, sie war unstet, und die Inflationsraten waren im Vergleich zu Deutschland vergleichsweise hoch. Die Konsequenz war, dass auch die Zinsen dort deutlich höher ausfielen.

Monetärer Boom wie aus dem Lehrbuch

Die gemeinsame Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die stabilitätsorientierte Geldpolitik auch auf die Peripherieländer übertragen. In der Folge sanken die Zinsen dort in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre dramatisch. Dies wirkte wie ein massives Konjunkturprogramm. Erwartungsgemäß expandierten mit den Immobilienmärkten genau jene Bereiche der Wirtschaft, für die Kapitalkosten die wichtigste Kostenkomponente sind. Aber auch der Rest der Binnenwirtschaft wurde kräftig angekurbelt, auch weil der Staat sich nun weitaus günstiger verschulden konnte als zuvor und davon reichlich Gebrauch machte – nicht nur in Griechenland.

Die Arbeitslosigkeit sank auf historische Tiefstände, Fachkräfte wurden knapp, Löhne und Preise stiegen. Entsprechend verschlechterte sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, der Export schwächelte, die Importe nahmen zu, und die Leistungsbilanzen rutschten ins Defizit. Alles in allem ein monetärer Boom wie im Lehrbuch – angezettelt durch den Übergang zur gemeinsamen Geldpolitik.

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    Mit der großen Rezession 2008/09 endete der Boom abrupt. Die Folgen der Übertreibungen, vor allem die gestiegenen Schulden von Haushalten, Unternehmen und Staat, werden die Peripherieländer noch lange beschäftigen. Kurzfristig kommen konjunkturelle Probleme hinzu. In allen Peripherieländern liegt die Arbeitslosenquote derzeit im zweistelligen Bereich, in Spanien steuert sie auf die 20-Prozent-Marke zu.

    Und wie geht es weiter? Brauchen wir im Euro-Raum eine Überwachung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, wie es EU-Kommissar Olli Rehn vorgeschlagen hat? Oder gar eine Wirtschaftsregierung, wie sie sich Nicolas Sarkozy wünscht, nicht zuletzt, weil ihm die Unabhängigkeit der EZB ein Dorn im Auge ist?

    Löhne und Preise in Kerneuropa steigen wieder

    Mitnichten. Aus makroökonomischer Perspektive spricht viel dafür, dass die Wettbewerbsprobleme der Peripherieländer schon bald der Vergangenheit angehören. Gesamtwirtschaftliche Anpassungsreaktionen sind bereits voll im Gange und werden sich noch über Jahre fortsetzen. Vor allem dürfte die Arbeitslosigkeit angesichts der Konsolidierung der privaten und staatlichen Haushalte vorerst hoch bleiben. Dies und sinkende Löhne im öffentlichen Sektor dürften den Lohnanstieg deutlich verlangsamen, in einigen Ländern, etwa in Irland, sind die Pro-Kopf-Löhne bereits im vergangenen Jahr gesunken.

    2010 dürfte sich der Rückgang beschleunigen und der Preisauftrieb in den Peripherieländern nachlassen. Möglicherweise wird das Preisniveau in einigen Ländern über mehrere Jahre hinweg fallen. Dies bedeutet, dass die EZB die Zinsen vermutlich noch über Jahre niedrig halten kann, ohne die Preisstabilität zu gefährden.

    Aber auch in Kerneuropa sind Anpassungsreaktionen zu erwarten – in die andere Richtung. Die niedrigen Zinsen und die relativ robusten Arbeitsmärkte – in Deutschland ist die Arbeitslosigkeit in der Rezession kaum gestiegen und sinkt bereits wieder – beschleunigen den Lohn- und Preisauftrieb. Rascher steigende Preise in Kerneuropa und stagnierende oder fallende Preise in der Peripherie bedeuten, dass sich die Wettbewerbspositionen und Leistungsbilanzsalden in Zukunft annähern werden, so wie dies bereits seit dem Ende der Rezession zu beobachten ist.

    Der „Schock“ der Währungsunion ist überstanden. Die Anpassung hat viele Jahre gedauert, weit mehr als im Maastricht-Konvergenzprozess vorgesehen. Sie ist noch nicht abgeschlossen, aber auf gutem Weg; in zwei Jahren wird niemand mehr über das Thema „Ungleichgewichte im Euro-Raum“ sprechen. Ein neuerliches Problem dieser Größenordnung ist nicht zu erwarten, in Zukunft dürfte die Geldpolitik weitaus gleichmäßiger wirken als bisher. Statt in eine neue Regelungs- oder Koordinierungswut zu verfallen, sollte Europa nun die Scherben aufkehren und optimistisch nach vorn blicken. Die Währungsunion hatte Kinderkrankheiten. Doch dem langfristigen Erfolg des Experiments stehen diese nicht im Wege.

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