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Denkfabrik Sollen wir immer weiter wachsen?

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Contra

Meinhard Miegel Quelle: Foto: Denkwerk Zukunft

Das bisherige Wachstum in entwickelten Industrieländern beruht in großen Teilen auf einer Art des Wirtschaftens, die – in den Worten der Bundeskanzlerin – „mit den Grundlagen ihres eigenen Erfolgs Raubbau betreibt". Diese Art des Wirtschaftens betreibt Raubbau an natürlichen Ressourcen, von denen viele zur Neige gehen, noch ehe geklärt ist, wie Ersatz für sie zu schaffen ist. Sie treibt Raubbau an Wasser, Luft und Böden, indem sie diese mit Schadstoffen befrachtet, die die Selbstreinigungskräfte überfordern. Sie treibt Raubbau an Menschen und Gesellschaft, die von ständig wachsenden Produktions- und Konsumzwängen zerrieben werden. Und sie treibt Raubbau an der Zukunft, deren Handlungs- und Gestaltungsräume sie mit Schulden unmäßig einschnürt.

Solange sich immer wieder Fluchtwege auftaten, weil nur wenige so wirtschafteten, mochte dies gehen. Jetzt aber, wo immer mehr Menschen so wirtschaften wollen, werden schnell Grenzen erreicht. Von dieser Art des Wirtschaftens ist deshalb kaum noch wohlstandsmehrendes Wachstum zu erwarten. Soll Wachstum auch künftig wohlstandsmehrend wirken, muss es sich vom bisherigen grundlegend unterscheiden. Es muss in einem Maße ressourcen- und umwelt- sowie menschen- und gesellschaftsverträglich sein, von dem sich heute die wenigsten eine Vorstellung machen. Darüber hinaus darf es nicht länger von öffentlichen Schulden abhängen. In der Theorie besteht hierüber weitgehend Konsens. Zwischen Theorie und Praxis, zwischen Ideal und Realität, klafft jedoch ein breiter und bislang nicht überbrückter Graben. Wir sprechen oft und gerne von nachhaltigem Wachstum. Mit der Lebenswirklichkeit hat das jedoch wenig zu tun. Wenn hier nicht Wunder geschehen, mag die Wirtschaft weiter wachsen. Aber die Lebensbedingungen vieler, vielleicht sogar aller, werden sich auf Dauer verschlechtern.

Vernunftbegabte Wesen sollten es darauf nicht ankommen lassen. Vielmehr sollten sie Formen von Wachstum und Wohlstand verinnerlichen, die, anders als die bisherigen, keine verbrannte Erde zurücklassen. Wie schwer das fällt, offenbart die seit Langem geführte Wachstumsdebatte, bei der noch immer Vertreter eines beinahe archaischen Wachstumsverständnisses den Ton angeben: Abwrackprämien statt Bildungsgutscheine, Wirtschaftssubventionen statt musischer Kindererziehung, Lohnerhöhungen statt Sabbaticals. Mit dieser Art von Wohlstands- und Wachstumsverständnis ist kein Staat zu machen und erst recht keine Zukunft. Zukunft braucht ein Wachstum, das nicht länger vorwiegend aus materiellen, sondern vermehrt auch aus immateriellen Quellen gespeist wird.

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