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Deutsche Wirtschaft Können wir dem Aufschwung trauen?

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Ein Grexit hätte gravierende Folgen

Bruno Cavalier, Chefvolkswirt der unabhängigen und familiengeführten Finanzdienstleistungsgruppe „Oddo & Cie“, behauptet: Die wirtschaftliche Erholung in Frankreich stehe auf „tönernen Füßen“. Die für einen dauerhaften Aufschwung entscheidende Investitionstätigkeit gäbe es schlicht nicht. „Die Anlageinvestitionen der französischen Unternehmen – außerhalb des Finanzsektors – liegen um 7,2 Prozent unter denen des Jahres 2008“, sagt Cavalier. „Eine Trendwende in Frankreich ist nicht in Sicht.“

Auch die Griechenland-Krise ist längst nicht ausgestanden – und eine Gefahr für die deutsche Konjunktur. „Die Folgen eines möglichen Grexit sind gravierender als es an den Märkten zurzeit gesehen wird“, sagt Analystin Ulrike Kastens. Die neuesten Meldungen, wonach sich Griechenland auf einen Zahlungsausfall vorbereitet, sollten der Wirtschaft also zu denken geben.

Konjunkturindikatoren

China fällt als Konjunkturlokomotive aus

Und China? Über Jahre hinweg hat die Volksrepublik als Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft fungiert und gerade auch den deutschen Unternehmen zu kräftigen Gewinnen verholfen: „Wenn China schwächelt, wird auch die Weltwirtschaft ins Straucheln kommen“, sagt Ralph Wrobel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. „Die handelsmäßigen Verflechtungen sind inzwischen so groß, dass auch unter einer platzenden Immobilienblase in China die Produzenten als auch die Konsumenten in Europa leiden würden.“

Seine Kollegin Doris Fischer, Professorin für China Business and Economics an der Universität Würzburg, unterstreicht die Risiken: „Sofern sich China in eine Konsumgesellschaft nach amerikanischem Vorbild entwickelt, bedeutet dies mittelfristig erhebliche globale Herausforderungen für Ressourcen, Umwelt und Klima und stellt neue Anforderungen an die globale Kapazitäten für Kooperation und Koordination.“

China bereitet sich auf eine „neue Normalität“ vor, wie es Chinas Premierminister Li Keqiang in seinem jährlichen Rechenschaftsbericht während des Nationalen Volkskongress im März formuliert. Es werde schwieriger, „ein stabiles Wachstum aufrechtzuerhalten“, sagte er in seiner eineinhalbstündigen Rede vor den knapp 3000 Delegierten.

Für das Jahr 2015 prophezeite er ein Wachstum von ungefähr sieben Prozent – der niedrigste Wert seit 1990. Bereits im vergangenen Jahr ist die chinesische Wirtschaft für ihre Verhältnisse verhältnismäßig gering gewachsen: Zum ersten Mal seit 25 Jahren hat Peking sein Wachstumsziel von 7,5 Prozent um 0,1 Prozent verfehlt. Chinas Wirtschaft erwarte ein noch schwierigeres Jahr als 2014, sagte der Premierminister bei seiner Rede, „das Wachstumsziel von geschätzten sieben Prozent berücksichtigt, was notwendig und was möglich ist“.

Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

Dass die chinesische Wirtschaftsleistung unter Druck geraten könnte, ist nicht weiter überraschend. Das Ausmaß hat die chinesische Regierung allerdings sicher nicht erwartet, als sie von der „neuen Normalität“ sprach. Der Start in das Jahr war schwach: Als Anfang der Woche die chinesische Zollbehörde die Exportzahlen vorlegte, gab es ein erstes Aufhorchen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat gingen die Ausfuhren um 15 Prozent zurück, die Einfuhren um 12,9 Prozent. Für die schwachen Exportzahlen gibt es mehrere Erklärungsansätze: Seit Anfang des Jahres verlor der Euro 15 Prozent gegenüber dem Yuan. Auch spielte der an den Dollar gekoppelte Yuan eine nicht unerhebliche Rolle. Der Preis für chinesische Produkte stieg entsprechend an.

Auch das Bruttoinlandsprodukt legte, wie am Mittwoch bekannt wurde, von Januar bis März lediglich um sieben Prozent zu – das ist die niedrigste Wachstumsrate seit sechs Jahren. Chinas Wirtschaft verspüre Abwärtsdruck, aber das Wachstum befinde sich in einer vernünftigen Spanne, sagte der Sprecher des Statistikbüros, Sheng Laiyun. Die chinesische Regierung erwartet für das Gesamtjahr eine ähnliche Entwicklung. Das könnte nicht zuletzt auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Die kommunistische Regierung fürchtet, dass es bei einem Anstieg der Erwerbslosigkeit zu Unruhen kommen könnte. Nach Angaben des Statistikamtes liegt die Arbeitslosenquote bei 5,1 Prozent.

„Ich rechne mit einer weiteren Schwächung der Wachstumsdynamik“, sagt Fischer. „Sollte es der Regierung gelingen, die sozialen Folgen und Interessenkonflikte, die damit einhergehen können, abzufedern beziehungsweise aufzufangen, erwarte ich danach recht stabile Wachstumsraten um die vier bis sechs Prozent.“ Für einen dauerhaften Aufstieg in die Reihe der wohlhabenden Staaten brauche China weiterhin Wachstumsraten von mehr als zehn Prozent, sagt Wrobel. „Seit 2010 hat das Land das aber nicht mehr erreicht. Doch um diese Wachstumsraten weiterhin zu erzielen, müssten grundlegende politische und ökonomische Reformen erfolgen, so wie ich sie oben skizziert habe. Da diese unter der derzeitigen Führung kaum zu erwarten sind, gehe ich eher von einer allgemeinen Abschwächung des Wachstums in China aus.“

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