Deutsche Wirtschaft Können wir dem Aufschwung trauen?

Die deutsche Wirtschaft feiert sich und geht von steigendem Wachstum aus. Analysten verweisen auf den schwachen Euro und das billige Öl – sowie einen Aufschwung in Südeuropa. Doch Vorsicht ist geboten.

Hannover Messe Quelle: dpa

„Angelas Dream“ wird wohl ein Einzelstück bleiben. Beim traditionellen Rundgang über die Hannover Messe führte Siemens-Chef Joe Kaeser stolz Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, wie in seiner Vision die Produktion der Zukunft aussehen wird. Mit der vollautomatischen Produktionsanlage auf dem Messestand füllte Kaeser mitten in der Massenherstellung ein individuelles Parfüm-Fläschchen für Merkel ab – „Angelas Dream“. Intelligente und vernetzte Maschinen machen diese Flexibilität möglich.

Die Hannover Messe ist für Mittelständler und Konzerne aus aller Welt ein Schaulaufen der Techniken von morgen und übermorgen. Roboter, die Hand in Hand mit den Menschen arbeiten. Werkstücke, die der Maschine sagen, was zu tun ist. Besonders die Maschinenbauer – mit gut einer Million Beschäftigten die Branche mit den meisten Arbeitsplätzen in Deutschland noch vor Auto- und Chemieindustrie – rechnen mit kräftigem Rückenwind durch das Zusammenwachsen von Produktion und IT. Bis 2018 könnten dadurch 10.000 neue Jobs entstehen, sagte der Präsident des Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge.

Die deutsche Wirtschaft strotzt vor Selbstvertrauen. Mittel- wie kurzfristig. So überraschte es auf der Hannover Messe niemanden, dass der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) seine Konjunkturprognose deutlich angehoben hat. Die Wirtschaftsvertreter rechnen im laufenden Jahr nun mit einem Wirtschaftswachstum von zwei Prozent. „Der niedrige Ölpreis, der günstige Wechselkurs und der starke private Konsum treiben die Konjunktur an“, erklärt BDI-Präsident Ulrich Grillo. Zuletzt hatte der BDI ein Wachstum von rund 1,5 Prozent erwartet. Ende März hatten auch die fünf „Wirtschaftsweisen“ ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum für 2015 auf 1,8 Prozent angehoben.

Können wir dem Aufschwung trauen?

Sind die Konjunkturaussichten tatsächlich derart rosig? Wahr ist: Der Einbruch des Ölpreises und der niedrige Euro wirken wie ein Konjunkturpaket für die deutsche Wirtschaft. Vor allem weil günstiges Tanken und Heizen den Verbrauchern Spielraum für zusätzliche Ausgaben lässt – und der Binnenkonsum ungebremst stark ist. Die Stimmung der Konsumenten ist nach Berechnungen der GfK-Marktforscher derzeit so gut wie seit mehr als 13 Jahren nicht mehr.

Das spricht für eine anziehende Konjunktur

Insgesamt gilt: Da die Gewinner des Preisrückgangs, die Verbraucher, einen höheren Ausgabe-Multiplikator haben, als die Verlierer, nämlich die Ölproduzenten, ist der Netto-Effekt für die Weltwirtschaft positiv. Vor allem die Länder der Euro-Zone profitieren; Deutschland ebenso wie Österreich oder Estland.

Selbst in Südeuropa hellt sich nach Jahren des Verzichts die Stimmung spürbar auf – nicht nur aufgrund von Euro-Kurs und Ölpreisrutsch. „In den Krisenländern der Euro-Zone gab es mehr Strukturreformen auf den Arbeits- und Produktmärkten als gemeinhin angenommen“, sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Spanien, Irland und Portugal zeigen, dass der Reformkurs erste und teils schon durchaus ansehnliche Erfolge bringt.“

Das könnte die Konjunkturerholung bremsen

Spanien wird in diesem Jahr nach Prognosen der EU-Kommission um 2,3 Prozent wachsen, im kommenden Jahr gar um 2,5 Prozent. „Spanien dürfte konjunktureller Spitzenreiter in der Euro-Zone sein“, unterstreicht Ulrike Kastens, Analystin Volkswirtschaft bei Sal. Oppenheim. Insgesamt aber rechnet sie nur mit einem BIP-Zuwachs in der Euro-Zone von 1,3 Prozent. Der Grund: „Frankreich und Italien bleiben Sorgenkinder.“

Der Aufschwung in Europa, er ist uneinheitlich. Insbesondere Frankreich schwächelt – der größte und wichtigste Außenhandelspartner Deutschlands. Momentan geht Paris noch von einem Wachstum von 1,0 Prozent in diesem Jahr aus – doch diese Zahlen könnten zu optimistisch sein.

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