Editorial: Wir erleben eine grüne Gründerzeit
Die grüne Transformation der Wirtschaft durchlebt eine schizophrene Phase: fast kein Tag ohne eine Schlagzeile über ein Megaprojekt, einen neuen Rekord, einen technologischen Durchbruch. In gleicher Schlagzahl gibt es Warnungen über Verluste, Probleme und Projekte, deren Finanzierung zusammenfällt. Szenarien zu gigantischem Wachstum in der Zukunft kreuzen sich mit der grauen Gegenwart.
Ein Beispiel: China hat vergangenes Jahr mehr Solarenergie zugebaut, als in Deutschland insgesamt installiert ist. Peking wird seine Kapazitäten bei Wind und Solar bis 2025 fast verdoppeln. In Europa klagt derweil die Windkraftbranche über einen „perfekten Sturm“. Vattenfall hat ein Megaprojekt in der Nordsee gestoppt, der dänische Branchenführer Orsted muss gewaltige Summen abschreiben – weil Lieferprobleme und hohe Zinsen Vorhaben zum Minusgeschäft machen.
Siemens Energy scheint diese Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Ökonomie zu verkörpern: Ein für die Energiewende enorm wichtiges Unternehmen braucht Milliardenbürgschaften vom Staat, wie die WirtschaftsWoche exklusiv berichtet hatte. Wobei hier nicht nur die Umstände der Branche, sondern Managementfehler hinzukommen. Aber unabhängig von Siemens: Was gilt nun? Was ist grün, was grau?
Nun, der Trend bleibt natürlich, aber der Weg wird holpriger als erwartet. Zum einen sind politische Ziele bis 2030, die in Papieren stehen, noch keine Aufträge, die sich rechnen. Der Zinsschock und höhere Rohstoffpreise treffen alle Branchen gleichermaßen: Auch jeder neue Windpark muss anders gerechnet werden.
Man sollte die langen Linien allerdings nicht aus dem Blick verlieren: Die grüne Transformation geht weiter. Mit den USA, Europa und Asien haben alle drei großen Wirtschaftsräume historische Investitionsprogramme in dreistelliger Milliardenhöhe aufgelegt.
Und es gibt Hoffnung: Wir erleben, trotz all dieser Probleme und Rückschläge, eine grüne Gründerzeit: Eine neue Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern sucht Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel. Sie gründen Start-ups, die immer öfter aus der Nische treten – und teils zu neuen Hidden Champions werden. Auch in Deutschland. Risikokapitalgeber stecken Milliarden in die sogenannten Climate Techs, während in andere Bereiche weniger Geld fließt. In unserer Titelgeschichte stellen wir einige hoffnungsfrohe Vertreter dieser grünen Gründerzeit vor.
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