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Ende des Wirtschaftswunders Indien taumelt am Rande einer Krise

Die Wachstumsstory stockt, Korruptionsskandale lähmen die Regierung, und die Infrastruktur Indiens ist der großen Dürre nicht gewachsen.

Indien Quelle: dpa

Der Reisbauer Ajit Singh schreitet über sein ausgetrocknetes Feld. „Eigentlich müsste mir das Wasser bis zum Knöchel stehen und die Pflanzen bis zum Knie“, sagt er. Stattdessen ist rundherum Dürre: Die größten der gelblich-grünen Pflanzen erreichen gerade einmal Singhs Wade.

In guten Monsunjahren regnet es hier so gut wie immer; jetzt ist das Feld schon seit mindestens zehn Stunden unbewässert. „Ich habe mehr als 5000 Rupien“ – umgerechnet mehr als 70 Euro – „für neue Bewässerungspumpen ausgegeben. Jetzt muss ich noch mal täglich mindestens 1000 Rupien für Diesel bezahlen, wenn ich sie auch betreiben möchte, weil die Regierung ständig den Strom abstellt“, klagt der Bauer. „Das kann ich mir nicht leisten, und meine Pflanzen gehen ein.“

Singh hat viele Millionen Leidensgenossen, und Indien leidet derzeit unter vielen Übeln gleichzeitig. Seit einem Jahr wächst die Kritik der Wirtschaft an der Regierung, weil die bei der Liberalisierung die Bremsen angezogen hat. Es folgten Korruptionsskandale und das Quartal mit dem schwächsten Wirtschaftswachstum seit vier Jahren: 5,3 Prozent im ersten Vierteljahr 2012; nach einer Reuters-Umfrage unter indischen Ökonomen ist für das zweite Quartal mit einem ähnlichen Wert zu rechnen. Und zu all dem gesellt sich in diesem Sommer nach nur zwei guten Jahren mit viel Regen der äußerst schwache Monsun, der viele Bauern ins Elend stößt.

Grafik Indikatoren zur Wirtschaftsentwicklung Indiens

Zweifel am Fundament

Gewiss funktionieren große Teile des indischen Wachstumsmärchens noch immer. Doch die Zweifel am traumhaften Aufschwung wachsen. Mehr als durch negative Konjunkturprognosen litt der Ruf des riesigen Schwellenlandes durch den großen Stromausfall Ende Juli, bei dem 680 Millionen Menschen im Dunkeln saßen, ungefähr die halbe Bevölkerung Indiens – und fast ein Zehntel der Menschheit.

Die Gründe waren schnell gefunden: Die Dürre und die Abwehrmaßnahmen von Bauern wie Ajit Singh hatten das sowieso chronisch überlastete Verteilernetz überfordert. Weil die Wasserstände an den Staudämmen gefallen waren, kam weniger Strom aus den Wasserkraftwerken. Und weil die Bauern ihre Felder künstlich bewässern mussten, belasteten sie mit ihren Pumpen das nahezu ständig chronisch überforderte Netz.

Steigende Umsätze in der Informationstechnologie

Welche Länder am meisten in Deutschland investieren
Indien und Türkei Quelle: dpa/dpaweb
Österreich Quelle: dpa
Japan Quelle: REUTERS
Russland Quelle: dpa
Großbritannien Quelle: dpa
Niederlande Quelle: dpa/dpaweb
Frankreich Quelle: dpa

Nun fragen sich die Inder, ob zwei Tage Stromausfall und eine schwache Ernte schon das Ende ihres Wirtschaftswunders anzeigen. Es gibt Gegenargumente: Die Informationstechnologie verzeichnet weiter deutlich steigende Umsätze. Die deutschen Autokonzerne, die insbesondere das Luxussegment fest in der Hand haben, melden steigende Verkaufszahlen. Die Regierung in Neu-Delhi vermeldet, sie könne dank gigantischer Nahrungsmittelreserven von mehr als 80 Millionen Tonnen einen Preisanstieg auf dem Lebensmittelmarkt abfedern. Und beruhigen soll auch die Tatsache, dass Indiens jetzt notleidende Landwirtschaft nur noch etwa 14 Prozent zum indischen BIP beisteuert – noch 1980 lag der Anteil bei fast 30 Prozent.

Die Dürre sei „keine Katastrophe“, lesen indische Geschäftsleute in der großen Wirtschaftszeitung „Economic Times“: Neue Bewässerungssysteme, bessere Logistik und mehr Wohlstand seien der große Unterschied zu den Hungersnöten früherer Jahrzehnte, als Indien von internationalen Hilfslieferungen abhängig wurde. Makroökonomisch ist das richtig, mit der Lebensrealität der armen Landbevölkerung hat es aber wenig zu tun.

Noch immer gibt der durchschnittliche indische Privathaushalt 37 Prozent für Nahrungsmittel aus, und die Hälfte der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Diese Menschen können schon jetzt die seit der Dürre von 2009 anhaltend hohe Inflation kaum verkraften. Wenn die Preise jetzt wie erwartet weiter steigen, kann es leicht zu neuen Bauernunruhen kommen.

Angewandter Durchschnittszoll auf Importe Quelle: WTO

Widerstand gegen Liberalisierung

Ministerpräsident Manmohan Singh, ein erfahrener und bislang angesehener Wirtschaftsreformer, weiß das alles. Doch ausrichten kann der 79-jährige Premier nicht mehr viel. Jeder Versuch, durch Liberalisierung mehr Investoren nach Indien zu locken, stößt bei Teilen der eigenen Bevölkerung auf militanten Widerstand. Zurzeit verteidigt sich die Regierungskoalition gegen Vorwürfe des staatlichen Rechnungshofes, sie habe bei der Vergabe von Kohlefeldern und des Baugrundes für den neuen Flughafen in Neu-Delhi Billionen Rupien verschwendet – alleine bei den Schürflizenzen für Kohle sollen Beamte oder Politiker den Staat um umgerechnet 40 Milliarden Euro gebracht haben, weil die Lizenzen nicht wie vorgesehen versteigert, sondern zu lächerlichen Preisen willkürlich zugeteilt worden.

Hinter den anrüchigen Geschäften stand möglicherweise ein nachvollziehbares Kalkül: Die Regierung fühlt sich gezwungen, bestimmte Unternehmen zu subventionieren, kann offene Subventionen aber politisch nicht durchsetzen. Ein Beispiel ist der staatseigene Bergbaukonzern Coal India, der seine Kohle deutlich unter dem Marktpreis an Kraftwerksbetreiber verkaufen muss; die Stromanbieter wiederum müssen bestimmte Kunden kostenlos mit Energie versorgen. Auf dem indischen Energiemarkt ist ein kompliziertes System von Quersubventionen entstanden, das Großverbrauchern höhere Preise beschert und manchen Privathaushalten den Strom fast schenkt. Grund genug vielleicht für die Regierung Singh, Förderrechte zu verschleudern und so den Kohlepreis niedrig zu halten.

Blockade des Agrarsektors

Wie sich die Welt abschottet
US-Präsident Barack Obama Quelle: dpa
Ein Straßenhändler in Indien Quelle: REUTERS
Ein Bauer füttert seine Kühe Quelle: dpa/dpaweb
Abbau von Seltenen Erden in einer Mine in Ganxian Quelle: dpa
Die Christusstatue auf dem Corcovado Quelle: dapd
Mitarbeiter der Volkswagen AG im VW-Werk in Kaluga Quelle: AP
Arbeiter entladen importierten Reis von einem Schiff Quelle: REUTERS

Zur Abschreckung ausländischer Investoren führt die Politik auch in anderen Bereichen. Jede Öffnung des Agrarsektors für internationales Kapital ist blockiert – das soll die vielen Arbeitsplätze auf dem Land schützen. Ähnlich sieht es im Einzelhandel aus: Zehntausende Klein- und Zwischenhändler gingen Anfang dieses Jahres auf die Straßen, um den Einstieg der Handelsketten Wal-Mart aus den USA und Carrefour aus Frankreich zu verhindern. Sie konservieren damit ein System mit so schlechten Lieferketten, dass rund ein Drittel aller frischen Waren bereits verdorben ist, bevor es die Einzelhändler erreicht.

Trotz allem wächst Indien weiter, wenn auch mit verlangsamtem Tempo. Allerdings nur dort, wo die Regierung sich wenig einmischt. Die großen Technologiekonzerne wie Tata Consultancy Services (TCS) und Wipro, die nach wie vor als Vorzeigeunternehmen des Landes gelten, haben sich zum Beispiel in der High-Tech-Metropole Bangalore eigene Dörfer errichtet, in denen sie sich selbst um die Versorgung mit Strom und Wasser kümmern und sich und ihre Mitarbeiter auch im Privatleben von der indischen Realität abkoppeln. Daneben vermelden internationale Konzerne wie BASF und Siemens aus Indien weiterhin zweistellige Wachstumsraten.

Doch von diesem Wachstum profitiert nur, wer stark genug ist, sich der politischen Lethargie zu entziehen. Doch die aufstrebende indische Mittelschicht verübelt es den Politikern immer mehr, dass sie wichtige Reformen und Vorhaben immer wieder auf die lange Bank schieben. Es geht nicht nur um die Versorgung mit Strom und Lebensmitteln. Auch beim Straßenbau, bei der Gesundheitsfürsorge und der Wasserversorgung bleibt Indien hinter seinen eigenen Plänen zurück.

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Wachstum beschleunigen

Solange das so bleibt, verstärken sich die Defizite des Landes gegenseitig. Die schwächelnde Wirtschaft sorgt für protektionistische Reflexe der Politiker, diese wiederum verhindern Investitionen aus dem Ausland. Wodurch es für Indien zum Beispiel kaum noch möglich ist, die geschätzten 300 Milliarden Dollar aufzubringen, mit denen das Land eine stabile Stromversorgung aufbauen könnte. Dabei würde dies, schätzen die Fachleute, Indiens Wachstum um mindestens einen Prozentpunkt pro Jahr beschleunigen.

Ajit Singh, der Reisbauer, bräuchte dann nie mehr teures Dieselöl kaufen und könnte mit Strom aus der Steckdose seine Bewässerungspumpen antreiben.

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