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Energie-Expertin Christiane Baumeister „Sinkende Öleinnahmen sind innenpolitisch gefährlich“

Die Ölnachfrage dürfte sich wegen Corona zunächst nicht erholen. Die Folgen der Pandemie werden sich noch einige Zeit in der Nachfrage widerspiegeln, vermutet Christiane Baumeister. Quelle: dpa

Energie-Expertin Christiane Baumeister über die zukünftige Entwicklung der Ölmärkte – und die Fliehkräfte in der Opec.

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Christiane Baumeister ist Professorin an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana.

WirtschaftsWoche: Frau Baumeister, was bedeutet der Wahlsieg von Joe Biden für den Ölmarkt und die amerikanische Ölindustrie?
Christiane Baumeister: Die Geschichte der amerikanischen Ölindustrie zeigt, dass diese weniger vom Präsidenten, sondern eher von Entwicklungen im makroökonomischen Umfeld und dem technologischen Fortschritt abhängt. Die Frackingindustrie erlebte ihren Boom unter Obama, obwohl sich dieser stark für den Klimaschutz einsetzte und Regulierungen für die Ölindustrie verhängte. Es ist zu erwarten, dass Joe Biden auch verstärkt Maßnahmen in diese Richtung durchsetzen wird. Gleichzeitig werden die Eindämmung des Coronavirus und damit die Wiederbelebung der amerikanischen Wirtschaft seine Prioritäten sein – was sich auch positiv auf die Ölindustrie auswirken dürfte. Es zeichnet sich eine Tendenz zur Diversifizierung von Seiten der großen Energiekonzerne ab, die ihr Portfolio mit erneuerbaren Energien bestücken und nicht mehr einseitig auf das schwarze Gold setzen.

Und was ist mit dem Ölpreis?
Den Ölpreis sehe ich bis Mitte nächsten Jahres in einem Korridor zwischen 35 und 50 Dollar. Denn die Ölnachfrage dürfte sich wegen Corona zunächst nicht erholen. Die Folgen der Pandemie werden sich noch einige Zeit in der Nachfrage widerspiegeln.

Am 30. November will die Opec über ihre weitere Strategie beraten. Erwarten Sie dann einschneidende Beschlüsse zur Ölförderung?
Das ist schwer einzuschätzen. Fakt ist: Sinkende Öleinnahmen reißen große Löcher in die Staatshaushalte der Förderländer und sind für sie dadurch innenpolitisch gefährlich. Daher könnte die Opec zu einem Punkt kommen, an dem sich ihre Mitglieder an keine Mengenabsprachen mehr halten - und jeder so viel Öl aus dem Boden holt, wie er nur kann. Die Opec könnte mittelfristig auseinanderbrechen.

Manche Experten glauben, dass die globale Ölnachfrage ihren historischen Höhepunkt überschritten hat. Wie realistisch ist dieses „Peak demand“-Szenario aus Ihrer Sicht?
Die aktuelle Debatte überzeichnet die kurzfristigen Einflussfaktoren. Peak Demand ist noch nicht erreicht, das wird noch Jahre dauern. Wahrscheinlicher ist in den kommenden Jahren eine wellenartige Bewegung der Nachfrage. Die Ölnachfrage hängt ja stark vom Wirtschaftswachstum ab, sie steigt daher nach der Krise, vor allem wenn die Schwellenländer wieder ökonomisch durchstarten. Die politisch forcierte Energie- und Klimawende ist ein eher evolutionärer Prozess und wird die Nachfrage nicht abrupt drosseln. In vielen Schwellenländern ist zudem die Motorisierung noch nicht abgeschlossen, und ich glaube nicht, dass Millionen Inder und Chinesen direkt aufs E-Auto umsteigen. Wahrscheinlich ist allerdings, dass die Ölnachfrage künftig nicht mehr so stark wachsen wird wie in der Vergangenheit. Corona führt zu strukturellen und dauerhaften Veränderungen im Konsumentenverhalten und in der Arbeitswelt - mit mehr Homeoffice, weniger Pendelverkehr, weniger Geschäftsreisen.

Welche Rolle wird künftig die amerikanische Frackingindustrie am Ölmarkt spielen?
Die Frackingindustrie hat derzeit große strukturelle Probleme. Sie ist von der Krise hart getroffen worden. Die Branche hat einen starken Rückgang der Ölbohrungen und der Investitionen zu verzeichnen. Dieser Trend wird sich erst umkehren, wenn sich die Wirtschaftslage deutlich verbessert und der Ölpreis mehr an Stabilität gewinnt.

Mehr zum Thema: Rohstoffanalyst Eugen Weinberg sieht eine Ölschwemme auf die Welt zurollen – und sagt gravierende Folgen für die Ölmärkte voraus.

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