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Erdöl Ende des Höhenflugs beim Ölpreis möglich

Neu erschlossene Vorkommen könnten den Höhenflug des Ölpreises bremsen. Aber nur, wenn sich die Märkte wieder stärker auf die Gesetze von Angebot und Nachfrage besinnen.

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Mit Hilfe eines Tiefpumpenantriebes wird Erdöl gefördert Quelle: dpa

Wer gehofft hatte, dass der Benzinpreis nach dem Oster-Wochenende spürbar sinkt, wurde eines Besseren belehrt. Die Preise an den deutschen Tankstellen stagnieren auf hohem Niveau – und das hat wenig mit Ölfeldern in Kuwait, dem Energiehunger der Chinesen oder der Kriegsgefahr rund um den Iran zu tun. Aber viel mit dem Oligopol auf dem deutschen Benzinmarkt, den sich fünf Konzerne teilen.

Horrorszenario bleibt aus

Die Folge: Der Spritpreis kennt derzeit nur eine Richtung: steil nach oben. Im Jahresschnitt 2010 kostete der Liter Super nach ADAC-Angaben noch 1,41 Euro, 2011 kletterten die Notierungen bereits auf etwa 1,52 Euro. Seit dem Jahreswechsel nun geht es noch steiler nach oben. Seit über zwei Wochen kostet der Liter Super über 1,70 Euro – und hat damit ein Niveau erreicht, das die Politik auf den Plan ruft. Auch die Wirtschaft ist alarmiert: „Bei zwei Euro an der Preistafel fängt die Konjunktur an zu knirschen“, warnt DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann.

Zwei Euro? Ist das ein realistisches (Horror-)Szenario für Deutschland? Die Antwort ist ausnahmsweise tröstlich: Nein, so schlimm dürfte es wohl nicht kommen.

Der Rohölpreis, neben der Mineralölsteuer der wichtigste Bestimmungsfaktor für die Benzinkosten, ist am Handelsplatz London seit Jahresanfang zwar um knapp 15 Prozent nach oben geschossen. Doch mit realwirtschaftlichen Entwicklungen habe der Anstieg nicht viel zu tun, sagt Ole Hansen, Rohstoffexperte der Saxo Bank in Kopenhagen. Vielmehr sei der Preis durch geopolitische Faktoren und Spekulation verzerrt. In Europa etwa spiele die Angst vor einer Eskalation der Iran-Krise und politisch bedingten Lieferausfällen im Nahen Osten derzeit die beherrschende Rolle. „Nachdem viele Hedgefonds und andere spekulative Händler Ende 2011 aus zahlreichen Rohstoffinvestments ausgestiegen waren, setzen sie seit Anfang 2012 wieder deutlich mehr auf steigende Preise“, beobachtet der Analyst.

Erdölreserven und ihre Entwicklung seit 2000 Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2011

Schlüsselrolle der USA

Doch wenn sich die Lage politisch entspannt, wofür einiges spricht, dürfte das marktwirtschaftliche Gesetz von Angebot und Nachfrage an den Märkten wieder in den Vordergrund rücken – und der Ölpreis sinken. Global deuten fast alle Zeichen auf ein größeres Ölangebot und eine nur noch in Maßen steigende Nachfrage hin.

Eine Schlüsselrolle spielen die USA, die mit einem Anteil von 22 Prozent an der globalen Nachfrage weit mehr Rohöl verbrauchen als jedes andere Land der Welt. Gegenüber dem Rekordjahr 2005 ging Amerikas Ölverbrauch bereits bis 2010 von 20,8 Millionen auf gut 19,1 Millionen Barrel pro Tag zurück. Dies lag nicht nur an der stotternden Konjunktur, sondern auch an effizienteren Automotoren und dem Ausweichen auf günstigere Alternativen der Energieversorgung wie Erdgas. Gleichzeitig stieg die Ölproduktion in den USA von 6,9 auf 7,5 Millionen Barrel täglich. Beide Tendenzen werden sich nach einhelliger Expertenmeinung fortsetzen. Die US-Ölsorte WTI, die sich wegen ihres geringen Schwefelgehaltes besser als das in London gehandelte Nordseeöl für die Benzinherstellung eignet, notiert trotz der Iran-Angst kaum höher als zum Jahresanfang.

Weltweit neue Ölquellen

Mitarbeiter des Förderkonzerns Petrobras Quelle: REUTERS

Hinzu kommt, dass sich weltweit neue Quellen für den Rohstoff Öl auftun:

  • In den amerikanischen, kanadischen und grönländischen Teilen der Arktis und tief unter dem Meer vor der Küste Brasiliens vermuten Experten mehr als 100 Milliarden Barrel. Vor allem vor der Küste Brasiliens haben Forscher in den vergangenen Jahren riesige Tiefsee-Ölfelder entdeckt; der staatliche Förderkonzern Petrobras hat bereits mit der Ausbeutung begonnen.
  • Das technisch komplizierte Verfahren, in Schiefervorkommen gebundenes leichtes Rohöl zu fördern, macht Fortschritte. Es gelingt immer besser, das Öl durch vertikale Bohrungen im Gestein aus dem Schiefer zu lösen und an die Oberfläche zu pumpen. Wissenschaftler schätzen die entsprechenden Reserven auf 300 Milliarden Barrel weltweit. Das entspricht etwa einem Fünftel der gesamten nachgewiesenen und wirtschaftlich nutzbaren Ölvorkommen. In Texas und an der amerikanisch-kanadischen Grenze läuft die Förderung bereits. Die angesehene amerikanische Erdöl-Unternehmensberatung IHS Cera schätzt die Produktionskosten im Schnitt auf erträgliche 50 Dollar für das Barrel.
  • Noch größere Ölvorkommen als im Schiefer vermuten Experten im Bereich der sogenannten Kerogene. Hierbei ist das Öl in fester Form in Erz gebunden; es lässt sich in einem komplizierten Prozess zu flüssigem Öl destillieren. IHS Cera spricht von potenziellen 800 Milliarden Barrel Kerogen-Rohöl weltweit. Diese Vorkommen sind allerdings wirtschaftlich noch nicht nutzbar – auch wegen der Umweltprobleme bei Produktion und Entsorgung der Erzschlacken.
  • Leichter lösbar scheinen die ökologischen und ökonomischen Probleme bei der Gewinnung von Erdöl aus Sänden und Sandstein. Die größten bekannten Vorkommen befinden sich in der kanadischen Provinz Alberta: 143 Milliarden Barrel sind es nach Feststellung des Energiekonzerns BP. Die Berater von IHS Cera gehen sogar von 169 Milliarden Barrel wirtschaftlich nutzbaren Erdöls aus, das sich zu Kosten von etwa 50 bis 75 Dollar fördern ließe.
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Aus Sicht des Westens haben diese Ölquellen einen entscheidenden Vorteil: Ihre Herkunftsländer sind politisch krisenfester als die Opec-Staaten im Nahen Osten, das chaotische Venezuela und das autoritäre Russland. Weshalb die Erdöl-Weltkarte sich in den kommenden Jahren dramatisch ändern könnte.

Wenn die Bundesregierung dann auch noch für mehr Wettbewerb am Benzinmarkt sorgt, gehen die deutschen Autofahrer irgendwann sogar Ostern gern tanken.

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