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Erzeugerpreise Inflation: Angriff aus dem Hinterhalt

Stärker als die Verbraucherpreise sind die Erzeugerpreise gestiegen, beispielweise für Rohstoffe und Vorprodukte. Quelle: imago images

Alle blicken gebannt auf die steigenden Verbraucherpreise. Dabei steigen die Erzeugerpreise für gewerbliche Güter derzeit noch stärker – zuletzt um 1,9 Prozent. Wann und wo Verbraucher das zu spüren bekommen.

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eWenn Lebensmittel teurer werden, dann merkt das jeder beim Besuch im Supermarkt. Auch an der Zapfsäule erlebt in diesen Tagen jeder Autofahrer unmittelbar, dass die Preise steigen. Insgesamt ist die Inflationsrate in Deutschland auf 1,3 Prozent gestiegen, Experten halten bis Jahresende eine Drei vor dem Komma für möglich.

Was bei der immer lauter werdenden Inflationsdebatte allerdings bisweilen untergeht: Es gibt jenseits der Verbraucherpreise noch eine versteckte Inflation, die auf weniger mediales Interesse stößt, aber gleichwohl die Endprodukte für Konsumenten mitbestimmt: die so genannten  Erzeugerpreise. Und die steigen derzeit noch schneller.

Preiserhöhung bei Industriestrom 22-mal höher als bei Haushaltsstrom

Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts lag der Erzeugerpreisindex gewerblicher Produkte im Februar 2021 um 1,9 Prozent höher als im Februar vergangenen Jahres – das ist der größte Sprung innerhalb eines Jahres seit Mai 2019. Allein der Erdgaspreis für die Industrie schoss auf Jahressicht um durchschnittlich 16,1 Prozent nach oben. Zwar wird die Veränderungsrate gegenüber Februar 2020 zum Teil durch die seit Jahresbeginn eingeführte CO2-Abgabe nach oben gedrückt; aber auch ohne CO2-Steuer kletterten die Erdgaspreise für die Industrie im Vergleich zum Vorjahr um 5,3 Prozent – mehr als doppelt so stark wie auf Verbraucherebene. Für Industriestrom muss das verarbeitende Gewerbe aktuell 6,8 Prozent mehr bezahlen, damit ist dieser 22-mal so schnell gestiegen wie der Verbraucherpreis für Strom.

Schon vorher waren die Preise, die Unternehmen für im Inland abgebaute und produzierte Rohstoffe und Industrieerzeugnisse bezahlen müssen, überdurchschnittlich gestiegen: Von Dezember 2020 auf Januar 2021 kletterte der Gesamtindex um 1,4 Prozent – die höchste Veränderung innerhalb eines Monats seit Juli 2008. Die Verbraucherpreise legten in diesem Zeitraum nur um 1,0 Prozent zu.

Der Erzeugerpreisindex gewerblicher Produkte misst die Preisentwicklung für die im Bergbau, im verarbeitenden Gewerbe sowie in der Energie- und Wasserwirtschaft in Deutschland erzeugten und im Inland verkauften Produkte. Unterteilt wird der Index in fünf Hauptgruppen: Vorleistungsgüter, Investitionsgüter, Gebrauchsgüter, Verbrauchsgüter und Energie.

„Hauptverantwortlich für den Anstieg der gewerblichen Erzeugerpreise war die Preisentwicklung bei Vorleistungsgütern“, sagt Gerda Gladis, Referatsleiterin in der Preisstatistik beim Statistischen Bundesamt. Diese verteuerten sich um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Zu den Vorleistungsgütern zählen beispielsweise Sekundärrohstoffe aus Eisen-, Aluminium- und Stahlschrott, aber auch Metalle, Futter- und Düngemittel sowie chemische Grundstoffe.

Importiertes Eisenerz treibt den Stahlpreis 

Besonders stark waren die Preisanstiege gegenüber dem Vorjahr bei Sekundärrohstoffen (plus 46,6 Prozent), aber auch bei Futtermitteln für Nutztiere (plus 13,8 Prozent). Die Notierungen für Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen waren 10,6 Prozent höher.

„Die steigende Nachfrage im In- und Ausland sowie etliche Versorgungsprobleme in den Lieferketten der Rohstoffbezieher treiben den Stahlpreis in die Höhe“, sagt Gladis. „Für die Produktion von Metallen, insbesondere von Roheisen, Rohstahl, Walzstahl und Ferrolegierungen, spielt die Preisentwicklung von importiertem Eisenerz eine wichtige Rolle.“ Ebendiese Preise sind im Januar 2021 im Vergleich zu Januar 2020 um gut 36 Prozent gestiegen. „Dieser Preisdruck macht sich jetzt auch bei den inländischen Erzeugerpreisen für Metalle bemerkbar.“ Im Durchschnitt waren Metalle 7,9 Prozent teurer als im Februar 2020, allein gegenüber dem Vormonat Januar 2021 stiegen die Preise um 2,4 Prozent.

Auch in den USA haben die Erzeugerpreise ein Rekordhoch erreicht: Wie das Analysehaus Oxford Economics mitteilt, hat sich das Inflationstempo der Produzentenpreise im Februar von 1,7 Prozent auf 2,8 Prozent beschleunigt und übertrifft damit erstmals seit Januar 2020 die Zwei-Prozent-Marke. Selbst die sogenannten „Core Prices“, in deren Berechnung die Energiekosten nicht miteinfließen, haben sich mit einem Plus von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat auf dem höchsten Stand seit Mai 2019 festgesetzt.

Erzeugerpreise als Frühindikator für Inflation

Für die Wirtschaft ist das ein Grund zur Sorge. „Erzeugerpreisindizes erfassen Inflationstendenzen in einer sehr frühen Phase des Wirtschaftsprozesses – nämlich direkt bei den Produzenten“, erklärt Gunther Schnabl, Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. „Erzeugerpreise können als eine Art Frühindikator für den Inflationsdruck in einer Volkswirtschaft gesehen werden, bevor dieser den Verbraucher erreicht.“

Prinzipiell sind Inflationstendenzen ein gutes Signal: Die Güterproduktion läuft, die Verbraucher konsumieren, die Wirtschaft floriert. Werden die Teuerungen eins zu eins, Stufe für Stufe die Wertschöpfungskette entlang weitergereicht, dann belasten sie letzten Endes den Konsumenten. Es sei denn, die Preissteigerungen gehen mit mindestens genauso großen Lohnerhöhungen einher.

Kurzfristig werden die Verbraucher bereit sein, Preiserhöhungen zu tragen“, glaubt Schnabl. „Der Konsumhunger nach dem Lockdown ist groß, sodass die Kunden bereit sein dürften auch etwas mehr zu bezahlen, insbesondere für Restaurants und Reisen“. Mittel- bis langfristig befürchtet Schnabl aber, dass die Löhne mit den Preiserhöhungen nicht mithalten – dann sinkt die Kaufkraft. „Die Unternehmen wären mit einer schwächeren Nachfrage konfrontiert und könnten die gestiegenen Erzeugerpreise also nicht mehr so ohne weiteres an ihre Kunden weiterreichen“, so der Experte.  „Dann müssten sie die Kosten selbst tragen.“

Falls sie das nicht können – und davon ist vor allem im Einzelhandel aufgrund der großen Umsatzeinbußen der letzten Monate auszugehen – „dürften trotz schwacher Endnachfrage letztlich auch die Verbraucherpreise steigen“, so Schnabl.  „Es käme zum gefährlichen Phänomen der Stagflation: die Wirtschaft lahmt, die Preise steigen trotzdem.

Zumal die Erzeugerpreise auch politisch bedingt weiter anziehen dürften. „Im Kontext des Klimaschutzes und des Lieferkettengesetzes könnten weitere Regulierungen und Handelshemmnisse hinzukommen, die die Erzeugerpreise erhöhen“, befürchtet Schnabl. Inmitten der Coronakrise kommt das zu einer denkbar ungünstigen Zeit. „Die Handelshemmnisse wachsen und die internationalen Transportkosten haben zugenommen. Viele Produzenten suchen neue Lieferanten, erhöhen die Lagerhaltung oder holen die Produktion von Vorprodukten ins eigene Unternehmen zurück“, so Schnabl. All das führe zu einem „Anstieg der Preise, der von den Produzenten ausgeht.“ Doch wie lange dauert es bis diese auch beim Konsumenten ankommen?

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