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Essay Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft

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Wortgewalt - und Sprachlosigkeit

Die verborgenen Schätze der Krisenländer
Griechenland - Schwieriger PrivatisierungsplanDer griechische Staat besitzt Unternehmensbeteiligungen im geschätzten Wert von 34 Milliarden Euro. Hinzu kommt staatlicher Grundbesitz, den die Regierung in Athen auf rund 280 Milliarden Euro taxierte. Doch die Privatisierung der Besitztümer kommt nicht so richtig in Gang. Bisher konnten nur 1,8 Milliarden Euro durch Privatisierungen eingenommen werden. In diesem Jahr soll nach Aussage der Regierung nur noch die staatliche Lotterie und ein Gebäude in Athen verkauft werden. Das hier zu sehende Parlamentsgebäude in Athen steht jedoch nicht zum Verkauf. Quelle: dpa
Der griechische Staat soll mehr als 50 öffentliche Unternehmen besitzen, vom Athener Gemüse-Großmarkt über Hafenanlagen bis zu den Staatsbahnen OSE. Doch die meisten Unternehmen schreiben rote Zahlen und sind deshalb schwer zu verkaufen. Das ist allerdings die einzige noch verbleibende Vermögensquelle des Landes: Die Gold- und Devisenreserven sind auf gerade mal 5,8 Milliarden geschmolzen. Immerhin befinden sich noch 244 Milliarden Euro an Geldvermögen im Besitz der Bürger. Quelle: dpa
Portugal - Versteckte GoldreservenGemessen am Bruttoinlandsprodukt hat Portugal mit sechs Prozent die größten Gold- und Devisenreserven der Euro-Zone: 18 Milliarden Euro ist der Schatz der Notenbank wert. Doch laut Gesetz kann die Zentralbank dem Finanzministerium nur jedes Jahr die Erträge aus Zins- und Wertpapiererträgen überweisen - das Gold kann also nicht zur Schuldentilgung verwendet werden. Portugals Privathaushalte besitzen ein Geldvermögen von immerhin 384 Milliarden Euro. Ein Teil davon stünde für eine Vermögensabgabe und damit zur Sanierung der Staatsfinanzen zur Verfügung. Quelle: dpa
Außerdem befinden sich Unternehmensbeteiligung im Wert von 32 Milliarden Euro im Besitz des Staates. Der aktuelle Sanierungsplan der Troika sieht acht Milliarden Euro aus Privatisierungserlösungen vor - bisher nahm die Regierung circa drei Milliarden Euro ein. Derzeit stehen noch der Flughafenbetreiber ANA, das Energieunternehmen GALP sowie die Fluggesellschaft TAP zum Verkauf, für die sich auch die Deutsche Lufthansa interessiert. Quelle: dpa
Irland - Die Angst vor dem RamschverkaufDie Regierung in Dublin (Foto) hat der Bevölkerung versichert, sie lasse sich von den internationalen Geldgebern nicht zu einem „Ramschverkauf" von Staatsvermögen zwingen. Geschätzt wird der Wert der Unternehmen in Staatsbesitz auf knapp 22 Milliarden Euro geschätzt. Die in der Krise verstaatlichten Banken sind jedoch nach wie vor defizitär und praktisch unverkäuflich. Irlands Refinanzierungsbedarf bis Ende 2013 beläuft sich auf knapp zwölf Milliarden Euro. In der nächsten Zeit stehen die Privatisierung der Lotterie, der Ländereien und Holtzwerke, des Gasversorgers BGE an und der restliche 25-Prozent-Anteil an Aer Lingus an. Quelle: dapd
Darüber hinaus besitzt der irische Staat ganz oder teilweise ein Dutzend Häfen, mehrere Nahverkehrs- und Busunternehmen, die Eisenbahn, Stromversorger, den staatlichen Rundfunk- und TV-Sender RTE und die Nationale Agentur für Ölreserven. Dieses Portfolio soll aber offenbar nicht privatisiert werden Bei den eigenen Gold- und Devisenreserven ist für das Land, dessen Banken voll von der Finanzkrise getroffen wurden, nichts mehr zu holen. Der "Staatsschatz" beträgt nur noch 1,4 Milliarden Euro. Dagegen besitzen die Privathaushalte ein Geldvermögen von 297 Milliarden Euro, das zum Teil durch eine Vermögensabgabe abgeschöpft werden könnte. Quelle: dapd
Italien - Reiche leben das Dolce VitaRegierungschef Mario Monti (Foto) will 26 Milliarden Euro will er binnen drei Jahren im Haushalt einsparen. Auch von der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnte Privatisierungen sind kein Tabu, um den Schuldenberg von fast zwei Billionen Euro abzubauen. Und hier ist einiges zu holen: Der Immobilienbesitz des Landes wird auf bis zu 370 Milliarden Euro geschätzt, hinzu kommen Unternehmensbeteiligungen für mehr als 100 Milliarden Euro. Viele Immobilien lassen sich allerdings nicht sofort zu Geld machen, weil sie Ministerien oder Ämter beherbergen. Aus ihrem Gebäudebestand will die Regierung nun Immobilien im Wert von rund 40 Milliarden Euro über Fonds verkaufen. Bei der Privatisierung von Staatsunternehmen zögert sie noch, weil der Versorger Enel und der Ölkonzern Eni, an denen der Staat je ein Drittel hält, lange als Dividenden-Garanten galten. Quelle: Reuters

Die Sprachlosigkeit der Volkswirte wurzelt in der Statik ihrer Lehrsätze, Normen und Begriffe – eine Statik übrigens, die die sozialphilosophischen Grundlagen der Ökonomie systematisch unterläuft: Zukünfte, die von keinem Einzelnen beabsichtigt sind und doch aus den Absichten und Aktionen vieler Einzelner hervorgehen, lassen sich nun einmal nicht in überzeitlichen Harmoniegesetzen („unsichtbare Hand“) abbilden, erfahrungsgemäß hochrechnen und charttechnisch extrapolieren. Evolutorische Ordnungen, die sich ständig in Bewegung befinden und aus blinden Wettbewerbsprozessen hervorgehen, gehorchen eben keiner empirisch aufweisbaren Logik (zyklische Wirtschaftsentwicklung) und lassen sich schon gar nicht planvoll optimieren (Niedrigzins- und Nachfragepolitik). Spontan auftauchende Denkweisen, die unsere Wirklichkeitswahrnehmung verändern, sind nicht Genieprodukte rational denkender Monster, sondern das Ergebnis multi-individueller Vernunft- und Gefühlsregungen im Rahmen eines sich ständig wandelnden kollektiven Bewusstseins. Entsprechend wird heute keine Krise der Welt durch Lösungen beendet, die Ökonomen wortgewaltig zum Patent anmelden („Schuldenschnitt!“, „Zurück zur D-Mark!“, „Banken zerschlagen!“), sondern laufend bemeistert – und zwar dadurch, dass wir uns diese Krisen eingestehen und sie bearbeiten.

Die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft

Die Ökonomen blicken angesichts einer Vergangenheit, deren Geschehen unser Verstehen beeinflusst, angesichts einer Gegenwart, die sich laufend selbst überholt und angesichts einer Zukunft, von der man nur wissen kann, dass sie wahrscheinlich ist, rührend ratlos auf ihre Formeln und Tabellen. Sie suchen eine Wirklichkeit zu bannen, die sich ihnen immerzu entwindet – ganz so wie die Eleaten den Flug des Pfeiles zu bannen suchten, als befände er sich in unendlich vielen, aneinandergereihten Ruhezuständen. In einer heraklitischen Welt jedoch („Panta rhei“), in der Wahrheit nur im Wege einer verstehenden Auslegung ergriffen werden kann, stellt sich eine Ökonomie, die auf einem naturrechtlich hergeleiteten Individualismus und auf der Grundannahme paratheologischer Gesetzmäßigkeiten besteht, methodologisch ins Abseits.

Der Gründungsmythos freier Kaufleute

Ihren Urgrund hat die Borniertheit der Branche im Begriff, den sie sich vom Geld als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel macht. Ein solcher Geld-Begriff ist statisch, geschichtslos und normativ; er enthält, konserviert und formiert die liberale Utopie einer friedlich handelnden Gesellschaft, für die Geld nichts weiter ist als das pazifizierende Instrument einer arbeitsteiligen Wirtschaft. Der Gründungsmythos einer Marktwirtschaft freier Kaufleute verstellt den Blick auf die historische Prozesshaftigkeit einer Geld-Welt, die keine Gesetze, Stabilitäten und Gleichgewichte kennt, die niemals von Homines oeconomici bevölkert war und in der es zu keiner Zeit eine Trennung von Staat und Markt gegeben hat.

Ohne eine theoretische Aufwertung des Geldes wird die Ökonomie daher in der anhaltenden Debatte über die Zukunft des Kapitalismus auf die Rolle eines Zaungastes verwiesen bleiben. Die Einsicht in die real- und ideengeschichtlichen Prozesse, die die konstitutive Ambivalenz des Geldes als Lebens-Mittel und Lebens-Zweck zum Vorschein bringen (Georg Simmel), der beispiellose Aufstieg des Geldes zur Zentralkategorie wirtschaftlichen Handelns, die Würdigung seiner ungeheuren Bedeutungsvielfalt als Kapital, Schuld, Zins, Preis, Ertrag, Mehrwert, Eigentum und Vermögen – das alles ist in der Volkswirtschaft des 21. Jahrhunderts weitgehend brachliegendes Terrain.Noch immer taucht das Geld in VWL-Lehrbüchern an verlässlich später Stelle auf.

Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, dass Volkswirtschaftler nicht ihr mathematisches Handwerk beherrschen sollten. Das müssen sie zweifellos. Die „Reform einer Wissenschaft“ aber vermag heute nicht mehr, wie noch Carl Menger meinte, „nur aus ihr selbst, nur aus den Tiefen ihrer eigenen Ideenkreise hervorzugehen“, im Gegenteil: Sie kann und darf nicht „nur das Werk der in die eigenen Probleme ihrer Disziplin sich vertiefenden Forscher sein“.

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