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Eugen Weinberg zum Ölpreis-Absturz „Das ist ein Warnschuss“

Ölfeld in Tatarstan, Russland: Nach dem Scheitern der Opec-Gespräche mit Russland wird der Ölhahn wieder aufgedreht. Quelle: imago images

Am Montagmorgen fiel der Ölpreis in wenigen Minuten um 30 Prozent. Rohstoffexperte Eugen Weinberg erklärt, wie es dazu kommen konnte, warum die Opec am Ende ist und womit Verbraucher rechnen müssen.

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WirtschaftsWoche: Herr Weinberg, als Grund für den drastischen Ölpreiseinbruch wird das Scheitern des Opec+-Treffens ausgemacht, also die Verhandlungen der Opec-Staaten unter Führung Saudi-Arabiens mit Russland am vergangenen Freitag in Wien. Was wollte die Opec+ denn erreichen und warum gab es keine Einigung?
Eugen Weinberg: Es ist in der Tat eine gute Frage, was das Treffen bringen sollte. Denn warum sollte Russland mitspielen und seine Ölförderung kürzen? Wenn daraufhin der Ölpreis steigt, gewinnen vor allem Nicht-Opec+-Ölförderstaaten Marktanteile hinzu. Und da Russland seine Förderung um weitere 300.000 Barrel pro Tag kürzen sollte, aber weite Teile seines Staatshaushalts aus den Öleinnahmen bestreitet, hatte die russische Führung kein Interesse und die Verhandlungen scheiterten. Damit wurde die mehr als dreijährige Zusammenarbeit Russlands mit der Opec bei gemeinsamen Förderkürzungen jäh beendet. Die gemeinsamen Förderkürzungen waren im Grunde nie eine gute Idee, weil das Wettbewerbern aus Amerika die Chance gibt, über einen niedrigeren Preis Marktanteile zu gewinnen.

Als Reaktion auf die gescheiterten Gespräche hat die Opec ihre Drohung war gemacht und die bisherigen Kürzungsvorschläge zurückgenommen. Saudi Aramco, der größte Ölproduzent der Welt, will ab April seine Ölförderung auf Rekordniveau heben und bietet zudem hohe Rabatte für Abnehmer in Europa, Asien und den USA, um seinerseits dort Marktanteile zu gewinnen. Könnte das funktionieren und die Opec so Einfluss zurückgewinnen?
Die Opec ist schon länger dem Untergang geweiht. Wir erinnern uns noch gut an eine ähnliche Situation 2016. Damals fiel der Ölpreis von mehr als 100 Dollar auf weniger als 30 Dollar pro Barrel, einige fürchteten deshalb sogar den Untergang der Wirtschaft. Der Ölpreis stieg in der Folge nur, weil Schieferölproduzenten bei einem so niedrigen Ölpreis nicht wirtschaftlich fördern können und in den USA ihre Produktion runterfahren mussten. Die Opec ist also nicht mehr entscheidend, sondern betreibt im Grunde eine Untergangsverwaltung, getrieben von den USA. Die Reaktion Saudi-Arabiens ist ganz klar ein Warnschuss, um die Russen zurück an den Verhandlungstisch zu drängen. Bei einem Ölpreis von aktuell nur 36 Dollar stehen dem russischen Finanzminister sicher schon die Schweißperlen auf der Stirn.

Eugen Weinberg

Dennoch kam das Scheitern der Opec+-Gespräche für viele überraschend.
Die Opec wollte eine zusätzliche Förderkürzung um insgesamt 1,5 Millionen Barrel pro Tag erreichen, die stärkste Produktionskürzung seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008. 500.000 Barrel sollte sie bei den Nicht-Opec-Staaten ausmachen. Es war klar, dass bei einer Weigerung Russlands der Ölpreis bis auf 40 Dollar fallen würde. Dass es noch schlimmer kam, liegt an der aktuell sinkenden Nachfrage durch das Coronavirus. Und da schon Teile des Angebots aus Venezuela, Libyen und Iran ausgefallen sind, besteht die Gefahr, dass sich das Überangebot weiter vergrößert, sollte in diesen Ländern der Ölexport wieder anlaufen. Das Scheitern der Verhandlungen kam zum unpassendsten Zeitpunkt, den man sich denken kann.

Warum verhandelt die Opec nicht mit den USA?
Mit wem soll man da verhandeln? Es gibt in den USA hunderte Schieferölproduzenten, der Fracking-Markt ist sehr zersplittert und nicht wie in den Opec+-Ländern von staatlichen Ölförderunternehmen und Oligopolen geprägt. Selbst die größten Ölproduzenten der USA wie Exxon und Chevron haben nur einen sehr kleinen Teil am Weltmarkt und dementsprechend wenig Einfluss auf den Preis.

Wird es zu neuen Gesprächen zwischen Russland und Opec kommen?
Ich glaube, sie werden es versuchen. Schließlich erinnern sich alle an 2016 und blicken zudem eher kurzfristig auf den Ölpreis. Auf beiden Seiten fehlen Verhandlungsführer mit einer langfristigen Strategie, daher werden sie schnelle Lösungen suchen.

Was heißt das alles für die Verbraucher?
Für Verbraucher sind das erstmal gute Nachrichten. Zwar reagieren die Preise an der Tankstelle nicht unmittelbar, aber sie werden reagieren. Ich gehe davon aus, dass der Liter Diesel auf 1,00 Euro und der Liter Benzin auf etwa 1,20 Euro sinken werden. Erst im zweiten Quartal rechnen wir wieder mit einem steigenden Ölpreis, der dann auch die Spritpreise wieder steigen lässt.

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