Euro-Zone Keine Angst vor Deflation!

Das DIW fordert die EZB auf, in großem Stil Staatsanleihen zu kaufen, um eine Deflation in Europa zu verhindern. Doch die Argumente der Berliner Forscher sind äußerst fragwürdig.

Marcel Fratzscher rät der EZB, Staatsanleihen und private Anleihen im Umfang von monatlich 60 Milliarden Euro zu kaufen. Quelle: dpa

Gerade einmal eine halbe Woche ist es her, da beschlossen die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) angesichts der konjunkturellen Besserung in der Euro-Zone, auf weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen zu verzichten. Jetzt werden sie ausgerechnet aus Deutschland für diese Entscheidung kritisiert. Genauer gesagt: Vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Dessen Präsident Marcel Fratzscher, einst selbst Mitarbeiter der EZB, wirft den Frankfurter Währungshütern vor, nicht entschlossen genug gegen die Deflationsgefahren in der Euro-Zone vorzugehen.

Die Wirtschaftsleistung in Krisenländern wie Italien und Spanien liege derzeit um acht Prozent unter dem Stand von  2008, schreibt Fratzscher in einem Beitrag für „Die Welt“. Zudem fielen dort die Preise von fast einem Drittel aller Güter. Daher, so Fratzscher, sei es „höchste Zeit für die EZB zu handeln“. Sonst drohe Europa „in einen gefährlichen Abwärtsstrudel aus sinkenden Preisen und sinkender Nachfrage zu geraten“.

Fratzscher rät der EZB, Staatsanleihen und private Anleihen im Umfang von monatlich 60 Milliarden Euro zu kaufen. Die  EZB solle dabei die Anleihen aller Länder nach Maßgabe des Länderanteils am Eigenkapital der EZB Bewerben und im Gegenzug Zentralbankgeld in den Bankensektor pumpen, bis sich „die Finanzierungsbedingungen in der Euro-Zone normalisiert haben und die Inflationsrate wieder konsistent mit dem Mandat der EZB ist“. Der DIW-Chef macht sich somit zum Fürsprecher einer Politik der quantitativen Lockerung nach dem Vorbild der US-Notenbank Fed und der Bank von Japan, wie sie insbesondere die Südländer  für die Währungsunion fordern.

So viel Geld brauchen Krisenländer 2014
Jon Serrano aus Spanien könnte schon bald ins hessische Bad Homburg umsiedeln. Wenn sein Praktikum weiterhin so gut läuft, winkt ihm eine Lehre in einem Sanitärbetrieb. Wie Jon geht es vielen jungen Spaniern. Arbeit finden sie leichter im Ausland. Die Lage im eigenen Land entspannt sich dagegen nur langsam. Zwar war die Anzahl der Arbeitssuchenden zuletzt um mehr als 100.000 zurückgegangen, doch seien laut Behörden immer noch 4,7 Millionen Spanier ohne Job. Neben der Situation am Arbeitsmarkt machen auch notleidende Kredite Spaniens Banken weiter zu schaffen: Wie die Zentralbank noch im Herbst mitteilte, belaufen sich die Problemkredite auf wertlose Immobilien mittlerweile auf rund 180 Milliarden Euro. Dennoch will es Spanien ab jetzt alleine schaffen: Regierungschef Marian Rajoy hatte zuletzt noch einmal bekräftigt, dass sein Land keine weiteren EU-Hilfen mehr beantragen werde. Rund 1,3 Billionen Euro hält Spanien derzeit an Verbindlichkeiten in Form von Staatspapieren, ungefähr so viel, wie das Land jährlich erwirtschaftet. Rund 189 Milliarden konnte das Land dabei 2013 von Investoren einsammeln, 230 Milliarden muss es in 2014 refinanzieren. Quelle: dpa
Auch die Ratingagenturen sind von der Reformwilligkeit der Spanier mittlerweile überzeugt und sehen Licht am Ende des Tunnels. Zwar beließen die großen Agenturen mit Baa3 (Moody's) und BBB- (Standard & Poor's) ihr Rating an der unteren Schwelle des Investment-Grades. Weil sich die mittelfristigen Aussichten für die Wirtschaft aber verbessert hätten, korrigierten beide Agenturen ihren Ausblick von „negativ“ auf „stabil“. Dass Investoren langsam aber sicher das Vertrauen in die Krisenstaaten zurückgewinnen, spiegelt sich auch an den gesunkenen Renditen auf Staatsanleihen wieder. Während auf dem Höhepunkt der Angst, im Juli 2012, Anleger für spanische Zehnjahresbonds noch 7,62 Prozent Rendite forderten, genügt ihnen heute die Hälfte. Damit kann sich Spanien gerade günstiger refinanzieren als Anfang 2010. Quelle: dpa
Tausende Pilger aus aller Welt kamen in diesem Jahr nach Rom, um den neuen Papst Franziskus zu sehen. Außer dem Kirchenoberhaupt hat es 2013 noch so manch andere Neuerung in Italien gegeben. Im April etwa löste der Demokrat Enrico Letta den Wirtschaftsprofessor und Interimspremier Mario Monti an der Regierung ab. Vorangegangen war ein zäher Kampf mit dem populistischen „Volk der Freiheit“, Partei des europäischen Dauerquerulanten Silvio Berlusconi. Trotz der politischen Stabilität, sehen die Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P) und Moody's Italien weiterhin nur als durchschnittlich gute Anlage (BBB bzw. Baa2), Ausblick: „negativ“. Zu wenig sei bislang bei den Sparanstrengungen rumgekommen, lautet die Kritik. Auch die notleidenden Kredite könnten 2014 ein großes Problem für Italiens Banken werden. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen stünden weiter unter Druck. Eine Entspannung bei den Kreditforderungen der Banken in Höhe von etwa 144,5 Milliarden Euro könnte längere Zeit in Anspruch nehmen. Quelle: REUTERS
Rund 2,3 Billionen Euro schuldet der Stiefelstaat den Gläubigern am Kapitalmarkt – das sind rund 200 Milliarden mehr als die Italiener 2013 erwirtschaftet haben. Doch die hohen Verbindlichkeiten können Investoren nicht abschrecken, wieder mehr in Italien zu investieren: 363 Milliarden Euro konnte die Regierung in Rom 2013 einsammeln, rund 100 Milliarden Euro mehr wird sie 2014 brauchen, um fällige Verbindlichkeiten zu bedienen. Doch auch das sollte gelingen. So stehen die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen derzeit mit 3,9 Prozent so hoch wie im Mai 2010. Höchststände von mehr als sieben Prozent im November 2011 scheinen weit weg. Quelle: dpa
Seit die Finanzkrise Portugal traf, ist die Lissaboner Innenstadt abends oft menschenleer. Viele Geschäfte haben geschlossen, Wohnungen stehen leer. Die Reformen, die das Zehn-Millionen-Einwohner-Land zu schultern hat, verlangen den Bürgern einiges ab. Denn um den Haushalt auf eine schwarze Null zu bringen, gingen unter anderem Arbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung flöten, Löhne und Renten wurden gekürzt. Seit Mitte 2013 scheinen die Reformen jedoch Wirkung zu zeigen. Der Industrie geht es besser, die Exporte ziehen langsam aber sicher wieder an. Tatsächlich muss es Portugal ab dem Sommer wieder alleine schaffen. Dann nämlich läuft das dreijährige EU-Hilfsprogramm aus, im Rahmen dessen Portugal insgesamt 78 Milliarden Euro erhalten hat. Erst am Freitag hatte die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) ihren Ausblick von langfristig negativ auf einfach negativ geändert. An der eigentlichen Bonitätsbewertung BB (Non-Investment-Grade) hat sich allerdings nichts getan. S&P begründen ihre bleibende Skepsis damit, dass das oberste Gericht im Lande immer noch das Reformpaket von Ministerpräsident Pedro Passos Coelho kippen könnte. Quelle: dpa
Aller Skepsis zum Trotz sind Portugal-Anleihen bei Investoren wieder gefragt. Die Rendite für zehnjährige Papiere lag zuletzt mit 5,38 Prozent so niedrig wie im Juli 2010. Die Chance ist da, dass Portugal die rund 58 Milliarden Euro einsammeln kann, die 2014 fällig werden. Selbst 2013 konnte das gebeutelte Land etwa 16,6 Milliarden Euro an den Märkten aufnehmen. Insgesamt liegen die portugiesischen Verbindlichkeiten an Investoren mit rund 150 Milliarden Euro etwa 10 Prozent niedriger als das Bruttoinlandsprodukt. Quelle: dpa
Sanfte Töne aus Irlands Hauptstadt Dublin: Im Dezember hatte der EU-Musterschüler offiziell den EU-Rettungsschirm verlassen. Irland war vor drei Jahren das erste Euro-Land, das bei den europäischen Partnern um Notkredite bitten musste – insgesamt 67,5 Milliarden Euro waren seither geflossen. Mit fast 350 Milliarden Euro hatte es sein aufgeblähtes Bankensystem vor dem Untergang retten müssen. Künftig will sich das Land wieder allein über die Kapitalmärkte finanzieren. Die Ratingagentur Moody´s allerdings bewertet Irland immer noch als Ramsch (Ba1). Es bleibe die Sorge, dass die Regierung die zugesagte Summe von 64 Milliarden Euro für die Unterstützung der maroden Banken wird aufstocken müssen. Allerdings hofft man auf der grünen Insel, dass Moody's es eher früher als später den anderen beiden Ratingagenturen, Standard & Poor's und Fitch, gleichtut und Irland wieder Investment-Grade-Status zuspricht. Der Nachfrage nach Irland-Anleihen könnte das einen Schub verleihen: Denn mit einem Junk-Rating hat Irland keinen Zugang zu den Investoren, die nur Investment-Grade-Papiere kaufen dürfen. Quelle: AP
Dabei finanziert sich die grüne Inselrepublik derzeit günstiger als vor vier Jahren. Zehnjährige Staatsanleihen notierten zuletzt bei einer Rendite von 3,2 Prozent. Rund 250 Milliarden Euro schuldet Irland derzeit internationalen Gläubigern, das ist rund eineinhalb Mal so viel wie die Iren 2013 erwirtschaftet haben. Allerdings werden 2014 nur etwa 2,75 Milliarden Euro fällig. 2013 konnte sich Irland gut 24,6 Milliarden Euro am Kapitalmarkt leihen. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Aus Griechenland weht dagegen weiterhin eine steife Brise. Zwar wurden griechische Politiker mit der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft zum 1. Januar nicht müde, die Reformfortschritte im Land hervorzuheben. Auch Kommissionpräsident José Manuel Barroso lobte, dass der Defizitsünder 2013 einen primären Überschuss im Haushalt erreicht habe. Doch scheint es weiterhin schwer, Korruption zu Überwinden und den aufgeblähten Staatsapparat abzubauen. Griechenlands Ankündigung, in der zweiten Jahreshälfte an die Kapitalmärkte zurückzukehren, wird von den Märkten weiter skeptisch beäugt. Auch die Ratingagenturen bewertet Griechenland weiter als Ramsch, wenngleich zuletzt ein wenig besser. So hob etwa die Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit des Landes Ende November von C nach Caa3. Standard & Poor's und Fitch hatten mit B- statt C bereits im Jahresverlauf die Bonität des Landes von absolutem Ramschniveau auf hochspekulativ geändert. Quelle: dpa
Derweil hat es Griechenland bei Investoren zur Zeit gar nicht so schwer. Zuletzt rentierten zehnjährige Staatsanleihen bei knapp 7,7 Prozent, so niedrig wie zuletzt im Mai 2010. Dennoch: der Schuldenberg des Defizitsünders ist nach wie vor enorm: Fast 250 Milliarden Euro Verbindlichkeiten hat das Land bei internationalen Gläubigern angehäuft, das ist rund 1,4 Mal so viel, wie die Griechen 2013 voraussichtlich erwirtschaftet haben. Fällig werden 2014 allerdings nur knapp 34 Milliarden Euro. Trotz der misslichen Lage konnte Griechenland 2013 immerhin rund 12 Milliarden Euro von Investoren einsammeln. Quelle: dpa

Fratzschers Argumente sind jedoch dürftig und können ökonomisch nicht überzeugen. Erstens ist eine Deflation in der Euro-Zone derzeit weit und breit nicht zu sehen. Zwar lagen die Verbraucherpreise Im Februar nur um 0,8 Prozent über ihrem Vorjahresniveau, die EZB strebt hingegen eine Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent an. Doch in den niedrigen Teuerungsraten spiegelt sich vor allem wider, dass die Lohnkosten in vielen Krisenländern seit geraumer Zeit sinken. Das gibt den Unternehmen den Spielraum, ihre Absatzpreise zu reduzieren und ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit, die sie durch den jahrelangen Kredit- und Konjunkturboom vor Ausbruch der Euro-Krise verloren haben, zurück zu gewinnen. Wer diese Anpassung als Deflation bezeichnet, versucht mit alarmistischer Rhetorik einer inflationistischen Geldpolitik den Weg zu bereiten.

Deflation entsteht, wenn das Preisniveau dauerhaft sinkt, was meist von einer schrumpfenden Geldmenge begleitet wird. Die Geldmenge in der Euro-Zone   steigt jedoch. Im Januar legte die Geldmenge M3  um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, die Geldmenge M1 verzeichnete sogar ein Plus von 6,2 Prozent gegenüber ihrem Vorjahresstand. Von einer monetären Kontraktion, der Voraussetzung für einen anhaltenden Rückgang des Preisniveaus, kann daher keine Rede sein.

Selbst wenn es zu einer Deflation käme, wäre das kein Grund zur Panik. Im Gegenteil. Solange der Rückgang des Preisniveaus überschaubar und kalkulierbar bleibt, nutzt er der Wirtschaft. Er bewirkt, dass die Arbeitnehmer an dem von ihnen erzeugten Produktivitätszuwachs, der sich in sinkenden Lohnstückkosten niederschlägt, durch niedrigere Produktpreise und steigende Realeinkommen beteiligt werden.  Sinken die Preise als Folge schwacher Nachfrage, kann auch dies vorteilhaft sein. Denn die fallenden Preise zwingen die Unternehmen, ihre Kosten zu senken, um ihre Gewinnspannen zu verteidigen. Niedrigere Kosten wiederum bedeuten mehr Effizienz, was das Wachstum und den Wohlstand steigert.  

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