WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Ex-EZB-Chefökonom Otmar Issing "Auf wackligem Fundament"

Seite 2/4

Ökonomen streiten sich, ob in dieser Phase Inflation oder Deflation die größere Gefahr ist. Was sagen Sie?

Für Deflation, also ein dauerhaft sinkendes Preisniveau, gibt es keine Anzeichen. Dass die Inflationsrate in den zurückliegenden Monaten unter die Nulllinie gesunken ist, war ein vorübergehendes Phänomen, bedingt durch den Rückgang der Energiepreise. Die Teuerungsrate ohne Energie und Nahrungsmittel liegt stabil über null.

Also ist Inflation das größere Problem.

Langfristig ja. Derzeit aber gibt es auch dafür noch keine Anzeichen. Die Inflationserwartungen gehen nur von mäßigen Preissteigerungen aus. Das ist ein außerordentlich positives Signal für den privaten Verbrauch und die Kapitalmärkte.

Aber die Notenbanken haben Milliardensummen in den Bankensektor gepumpt. Die Saat für Inflation ist gelegt.

Sie wird aber nur aufgehen, wenn die Notenbanken den richtigen Zeitpunkt verpassen, die überschüssige Liquidität aus dem Finanzsystem abzuziehen. Dann könnte in der Tat starker Inflationsdruck entstehen.

Eine restriktivere Geldpolitik in der Euro-Zone könnte hoch verschuldeten Krisenstaaten den Rest geben. Ist nicht mit massivem politischem Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) zu rechnen, die Zinsen unten zu lassen und Inflation in Kauf zu nehmen – auch um die Währungsunion nicht zu destabilisieren?

Der Druck wird kommen. Das wird für die EZB eine harte Bewährungsprobe. Allerdings sehe ich die Bedrohung gerade anders herum: Die Währungsunion ist gefährdet, wenn wir das Versprechen an Europa nicht einhalten, den Euro zu einer dauerhaft stabilen Währung zu machen. Die Vorstellung, wir machen mal eben ein bisschen Inflation, um Schuldenstaaten zu retten, ist hochgefährlich. Wie und bei welcher Rate will man den Preisanstieg stoppen? In einem solchen Umfeld werden die Inflationserwartungen nach oben schießen und die langfristigen Zinsen steigen. Das wird gesamtwirtschaftlich sehr teuer.

Wie sollten die Euro-Staaten denn mit potenziellen Bankrotteuren wie Griechenland umgehen? Kann die Zahlungsunfähigkeit einzelner Staaten nicht die gesamte Währungsunion sprengen?

Griechenland hat sich seine Probleme seit Jahren selbst eingebrockt, das war nur zu einem kleinen Teil die Finanzkrise. Die EU muss alles unterlassen, was den Reformdruck auf die griechische Regierung mindert. Das Land hat nur eine Chance: Es muss die Axt zuvorderst bei den Staatsausgaben ansetzen und radikale Reformen durchführen, vor allem im aufgeblähten öffentlichen Dienst. Wenn die Regierung glaubhaft macht, dass sie es ernst meint, wäre dies ein wichtiges Signal an den Kapitalmarkt. Das funktioniert aber nur, wenn nicht die EU als potenzieller Retter hinter der Tür steht.

Ist das nicht politisch naiv? Die EU wird im Zweifelsfall keinen Mitgliedstaat pleitegehen lassen.

Politisch naiv? Das wird sich herausstellen, und es fällt tatsächlich schwer, optimistisch zu sein. Klar ist: Zentrales Element der Wirtschafts- und Währungsunion ist die „No-bailout-Klausel“. Danach sind die Staaten für ihre Schuldenpolitik selbst verantwortlich. Das haben alle Euro-Länder unterschrieben, da darf es keine Kompromisse geben. Wenn die EWU einem Sünder hilft, steht bald der nächste Kandidat vor der Tür.

Drohen denn 2010 noch Spätschäden der Finanzkrise – oder ist sie noch gar nicht vorbei?

Ich glaube, wir haben das Schlimmste hinter uns. Allerdings sind Rückschläge weiterhin möglich, niemand weiß, ob da nicht noch die eine oder andere Zeitbombe hochgeht. Das Krisenmanagement der internationalen Staatengemeinschaft war alles in allem erfolgreich. Wir müssen nun aus dem Krisenmanagement herauskommen und ein neues stabileres System schaffen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%