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Ex-EZB-Chefökonom Otmar Issing "Auf wackligem Fundament"

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Als Chef der Expertengruppe „Neue Finanzarchitektur“ haben Sie für die Bundeskanzlerin die jüngsten Weltfinanzgipfel mitvorbereitet. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?

Teils, teils. Es gibt viele vernünftige Ideen, implementiert ist bislang aber noch wenig. Dafür habe ich sogar ein gewisses Verständnis. Kernelemente der Finanzreform wie höhere Eigenkapitalanforderungen sind hoch kompliziert, das braucht eben Zeit. Insgesamt darf man den G20-Prozess nicht unterschätzen. Das ist mehr als Pro-forma-Politik und PR. Es ist der Staatengemeinschaft im Wesentlichen gelungen, eine „beggar-my-neighbour-Politik“ wie in den Dreißigerjahren zu verhindern. Also den Versuch einzelner Staaten, sich auf Kosten anderer zu retten – was allen schadet.

Wo hakt es noch besonders?

Was mich beunruhigt, ist die immer noch mangelhafte Transparenz auf den Finanzmärkten. Wir haben bis heute keinen vollständigen Überblick, wo welche Risiken konzentriert sind. Und für absolut skandalös halte ich, dass die Ratingagenturen – jedenfalls bis jetzt – nicht wirklich an die Kandare genommen werden. Irreführende Ratings waren eine Mitursache für die Finanzkrise. Ich wundere mich sehr, dass es bislang keine Pläne für bessere Kontrollen gibt. Die Ratingagenturen haben offenbar in Amerika großen politischen Einfluss.

Was halten Sie von der 50-Prozent-Steuer auf Boni, die die britische Regierung jüngst beschlossen hat?

Als das verkündet wurde, war ich gerade in London und las in einer für ihre verbalen Ausfälle berüchtigten Tageszeitung die Schlagzeile: „Stalin hätte die alle erschießen lassen“ – gemeint waren Banker. Bei einem solchen gesellschaftlichen Klima wundert es nicht, dass die Politik die Boni derart massiv besteuert – nächstes Jahr sind ja Wahlen in Großbritannien. Die Steuer, die im Übrigen nur befristet gilt, löst das Problem aber nicht. Boni müssen an den langfristigen Erfolg gekoppelt werden. Das Skandalöse an der US-Subprime-Krise war doch, dass Akteure komplizierte Finanzprodukte kreierten und Prämien kassierten, während sie mit dem weiteren unschönen Leben ihrer Produkte nichts mehr zu tun hatten.

Hilft gegen Exzesse von Spekulanten eine internationale Steuer auf Finanzgeschäfte, wie sie derzeit diskutiert wird?

Die alte Tobin-Tax in neuem Gewande! Ich habe schon Mitte der Neunzigerjahre gesagt, dieser Vorschlag sei wie das Ungeheuer von Loch Ness. Taucht alle paar Jahre wieder auf und verschwindet dann für lange Zeit. Der Erfinder dieser Steuer, James Tobin, wollte damit die kurzfristige Volatilität an den Finanzmärkten verringern. Höchst fraglich, ob das funktioniert. Diese Steuer wird es wohl nie geben

Wirklich? Die EU hat gerade erst den Internationalen Währungsfonds aufgefordert, ein Konzept zu erstellen.

Die Einigkeit der Europäer hat einen einfachen Grund: Sie wissen genau, dass die Amerikaner nicht mitmachen werden. Damit ist die ganze Sache gestorben. Was die EU hier betreibt, ist Politik für die Galerie. Ein Alleingang wäre ökonomischer Unfug, dann müssten am Ende etwa deutsche Kleinsparer, die Bundesanleihen kaufen, die Steuer zahlen – während große Anleger ihr Geld zu steuerfreien Finanzplätzen transferieren.

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