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Ex-EZB-Chefökonom Otmar Issing "Auf wackligem Fundament"

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Während in der Öffentlichkeit die Banken und Spekulanten als Urheber der Finanzkrise hingestellt werden, sehen manche Beobachter die Notenbanken als wahre Verursacher. Sie werfen den Zentralbanken vor, nach dem New-Economy-Crash die Zinsen zu lange zu niedrig gehalten zu haben. Sind die Vorwürfe berechtigt?

Die Finanzkrise in dieser Dimension war nur möglich vor dem Hintergrund einer überreichlichen Liquiditätsversorgung, gepaart mit schwer zu durchschauenden Finanzinnovationen und gravierenden Mängeln bei Regulierung und Aufsicht. Daran ist nicht zu rütteln...

...und manche Ökonomen trauen den Zentralbanken nun als Sachwalter des staatlichen Papiergeldmonopols nicht mehr. Sie fordern, das Geld an Gold oder einen Rohstoffkorb zu binden, um die Geldschöpfung der Zentralbanken zu begrenzen.

Reine Theorie! Zu diesem Thema existiert eine Literatur, die Bibliotheken füllt. Vielleicht sollte der eine oder andere erst einmal studieren, was bereits vielfach diskutiert wurde: Es gibt keinen Anker, der praxistauglich wäre. Die Idee, die Goldwährung wieder einzuführen, ist völlig abwegig. Sie können doch die monetäre Versorgung nicht von Zufälligkeiten der Goldproduktion in Südafrika, Australien oder sonstwo abhängig machen! Das beste institutionelle Arrangement ist und bleibt eine unabhängige Notenbank mit klarem Mandat für Preisstabilität. Das System ist nicht perfekt, aber überlegen gegenüber allen anderen Konzeptionen.

Viele Zentralbanken haben bei ihren Zinsbeschlüssen kaum noch auf die Kredit- und Geldmenge geachtet. Muss sich das nun ändern?

Absolut. In den vergangenen 20 Jahren haben Konzepte an Einfluss gewonnen, die Inflation ohne monetäre Größen erklären wollen. Notenbanken sollten sich davon nicht leiten lassen. Man kann richtige geldpolitische Entscheidungen nicht treffen, ohne die Geld- und Kreditmenge zu beachten. Die Vernachlässigung monetärer Größen hat mit dazu beigetragen, dass viele Notenbanken in den vergangenen Jahren zu viel Liquidität in Umlauf gebracht haben und damit die Basis für spekulative Blasen legten. Mittlerweile zeichnet sich ein Umdenken in der Wissenschaft und der geldpolitischen Praxis ab. Monetäre Indikatoren gelten wieder als entscheidende Faktoren. Die Europäische Zentralbank hat das mit ihrer Zwei-Säulen-Strategie von Anfang an berücksichtigt.

Und wie können die Notenbanken künftig Spekulationsblasen verhindern?

Bisher war es Konsens unter Notenbanken, Vermögenspreisblasen nicht zu beachten und nur dann einzuschreiten, wenn sie platzen und die Realwirtschaft bedroht ist. Das war eine merkwürdig asymmetrische Strategie. Die Erfahrung zeigt, dass fast alle Spekulationsblasen der Geschichte mit einer kräftig steigenden Geld- oder Kreditmenge einhergingen. Notenbanken, die monetäre Größen ständig im Blick haben, können einen vorausschauenderen Kurs fahren. Und wer sich rechtzeitig gegen den Wind lehnt, kann spekulativen Übertreibungen an den Vermögensmärkten entgegenwirken.

Eine Personalfrage zum Schluss an den EZB-Insider Otmar Issing: Wird Bundesbank-Chef Axel Weber 2011 Nachfolger von EZB-Präsident Trichet?

In meiner aktiven Zeit habe ich nie auch nur eine Silbe zu Personalfragen gesagt. Und dabei bleibt es.

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