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Expansion der Geldmenge Riskante Politik der Notenbanken

Bei ihrem Kampf gegen eine drohende Depression und Deflation greifen die Notenbanken zu immer aggressiveren Mitteln – und drohen dabei über das Ziel hinauszuschießen.

WirtschaftsWoche-Redakteur Malte Fischer Quelle: Frank Schemmann für WirtschaftsWoche

Wow! Die Überraschung ist der US-Notenbank gelungen. Mit ihrer Ankündigung in der vergangenen Woche, ihr Programm zum Aufkauf von Wertpapieren massiv auszuweiten und die amerikanische Wirtschaft mit noch mehr Zentralbankgeld zu überschwemmen, hat die US-Notenbank Fed die Börsianer und Analysten regelrecht vom Hocker gehauen.  Der Plan, dabei erstmals auch langlaufende Staatsanleihen im Volumen von 300 Milliarden Dollar anzukaufen, hat eine wahre Rally am Bondmarkt ausgelöst und die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen binnen weniger Minuten von 3,0 auf rund 2,5 Prozent nach unten gedrückt.

Sinneswandel beim US-Notenbankchef

Noch vor wenigen Tagen hatten sich führende Notenbanker, unter ihnen Fed-Chef Ben Bernanke, gegen den Kauf von Staatspapieren ausgesprochen. Auch die avisierte Ausweitung des Ankaufs von hypothekenbesicherten Anleihen (MBS) um 750 Milliarden auf 1,25 Billionen Dollar und von Anleihen der Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac um 100 auf 200 Milliarden Dollar sorgte an den Märkten für ungläubiges Staunen. Zumal diese Programme bisher noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft sind. Nimmt man alles zusammen, pumpt die Fed in den nächsten Monaten 1,75 Billionen Dollar an zusätzlichem Zentralbankgeld in das Finanzsystem.

Auch andere Zentralbanken wie die Bank von England und die Bank von Japan machen mit bei diesem Spiel. Die Schweizer Zentralbank geht sogar noch einen Schritt weiter und interveniert am Devisenmarkt gegen die eigene Währung.

Große Panik der Notenbanker

Die außergewöhnlichen Maßnahmen und die ungeheuren Summen machen deutlich, wie groß die Panik der Notenbanker vor einem Abrutschen der Weltwirtschaft in die Depression und Deflation ist. Doch die Medizin, die sie ihren Volkswirtschaften verabreichen, ist hochriskant und provoziert unerwünschte Nebenwirkungen.

So drücken die Käufe von Staatsanleihen deren Rendite kräftig nach unten. Dadurch erscheinen plötzlich Investitionen rentabel, die es unter normalen Bedingungen nicht sind. Fehlallokationen sind die Folge. Hinzu kommt, dass die abnehmende Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen bremsende Wirkungen auf die Kreditvergabebereitschaft der Banken haben könnte. Denn diese leben auch davon, mit kurzfristig hereingenommenen Spargeldern längerfristige Kredite zu vergeben. Sinken die Zinsen für längerfristige Ausleihungen, geht dies zulasten der Zinsspanne der Banken. Ihre Bereitschaft, Kredite zu vergeben, lässt daher nach.

Insgesamt 1750 Milliarden Quelle: REUTERS

Besonders gefährlich ist das Vorgehen der Notenbanker aus der Schweiz. Durch den massiven Ankauf von Euros gegen Franken am Devisenmarkt haben sie in den vergangenen Tagen den Wechselkurs des  Franken kräftig nach unten gedrückt. Der schwache Franken  soll zum einen die Exporte beleben und zum anderen über höhere Importpreise einer drohenden Deflation entgegen wirken. Der Versuch,  sich über die Manipulation des Wechselkurses Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Ländern zu verschaffen, erinnert übel an die Abwertungswettläufe in der Großen Depression in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die dazu beitrugen, den Welthandel abzuwürgen.

Andere Absichten der Schweizer

Hinter dem Vorgehen der Schweizer Notenbanker dürfte aber noch andere Absichten als die Förderung der eigenen Exportwirtschaft stecken. Viele Osteuropäer haben in den vergangenen Jahren bei Schweizer Banken zu niedrigen Zinsen auf Franken lautende Kredite aufgenommen und sind wegen der Aufwertung des Franken in Schwierigkeiten bei der Rückzahlung geraten. Dadurch drohen den Schweizer Banken gewaltige Abschreibungen auf ihren Kreditbestand. Durch die künstliche Abwertung des Franken will die Notenbank das Problem nun entschärfen – und macht sich damit zum Büttel der Geschäftsbanken.

Risiken nehmen weltweit zu

Das größte Problem der neuen weltweiten Liquiditätsschwemme aber dürfte sein, dass es den Notenbankern schwer fallen wird, aus der Nummer wieder rauszukommen. Sobald die Konjunktur wieder anzieht, müssen  sie die Liquidität nämlich absaugen – und dazu Staatsanleihen wieder verkaufen. Das wird deren Kurse unter Druck setzen und die Zinsen nach oben treiben. Die Gefahr von Verwerfungen am Kapitalmarkt sowie massive politische Widerstände könnten sie von diesem Schritt abhalten. Die Folge: Es bliebe viel zu viel Liquidität in der globalen Wirtschaft, die Inflation würde sich dramatisch beschleunigen. Die Märkte in den USA scheinen die Gefahr zu riechen – und schickten den Dollar vergangene Woche auf Talfahrt.

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