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EZB Die offene Geldschleuse lässt die Kaufkraft abfließen

Die Europäische Zentralbank stellt zur Bekämpfung der Coronakrise unbegrenzte Mittel und geschenktes Geld zur Verfügung. Kann das die Eurozone zusammenhalten? Quelle: imago images

Die Europäische Zentralbank schenkt den Banken noch mehr Geld als zuvor. Damit bahnt sich eine Kredit-Bonanza an, die mittelfristig zu höherer Inflation führt.

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Wer gedacht hatte, mit dem Führungswechsel bei der EZB von Mario Draghi zu Christine Lagarde sei die Zeit der grenzenlosen Geldflutung vorbei, sah sich spätestens am Donnerstagnachmittag getäuscht. Obwohl die EZB schon seit Monaten aus allen Rohren feuert – mit Anleihekäufen, Geldleihgeschäften und zuletzt sogar mit der Lockerung der qualitativen Anforderungen an die Sicherheiten für Geldleihgeschäfte – hat sie nun weitere Geschütze im Kampf gegen die Corona-Pandemie in Stellung gebracht.

So berechnet sie den Banken bei zielgerichteten langfristigen Geldleihgeschäften nun nur noch einen Zins von minus 0,5 Prozent. Bisher waren es minus 0,25 Prozent. Banken, die besonders viele Kredite an Unternehmen vergeben, erhalten das Zentralbankgeld sogar zu einem Zinssatz von minus 1,0 Prozent (bisher minus 0,75 Prozent).

Mit anderen Worten: Die EZB schenkt den Banken noch mehr Geld als bisher, wenn diese sich bei ihr verschulden. Leiht sich eine Bank etwa 100 Millionen Euro bei der EZB, muss sie dafür im günstigsten Fall später nur 99 Millionen Euro zurückzahlen. Das Geldgeschenk soll die Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe erhöhen und die Unternehmen in der Krise liquide halten.

Darüber hinaus kündigte EZB-Chefin Christine Lagarde zusätzliche langfristige Geldleihgeschäften zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie an. Diese werden in sieben Serien angeboten, starten im Mai und enden zwischen Juli und September 2021. Das Volumen der Geschäfte ist unbegrenzt, der Zins liegt bei minus 0,25 Prozent. Auch hier schenkt die EZB den Banken Geld. Anders als die bisherigen langfristigen Leihgeschäfte sind die neuen Leihgeschäfte nicht an die Kreditvergabe an Unternehmen geknüpft.

Das dürfte vor allem die Regierung in Rom freuen. Italienische Banken können sich über die neuen Leihgeschäfte das mit finanzieller Morgengabe ausgestattete Zentralbankgeld bei der EZB besorgen und damit italienische Staatsanleihen kaufen. Diese bieten bei zehnjähriger Laufzeit immerhin eine Rendite von knapp 1,8 Prozent. Die Banken fahren dadurch ordentliche Gewinne ein, mit denen sie ihr Eigenkapital aufstocken können. Und die Regierung in Rom findet in den Banken weiterhin willige Abnehmer ihrer Papiere. So funktioniert die monetäre Staatsfinanzierung über den Umweg der Geschäftsbanken.

In der Pressekonferenz wies Lagarde darauf hin, die EZB sei bereit, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen, sollte sich dies als notwendig erweisen. Ihr derzeit wichtigstes Instrument, das am 18. März aufgelegte Wertpapierkaufprogramm zur Bekämpfung der Pandemiefolgen (PEPP), das bis mindestens Ende dieses Jahres läuft und einen Umfang von 750 Milliarden Euro aufweist, dürfte sie daher bald aufstocken. Zumal sich die Währungshüter vorbehalten haben, das PEPP-Programm freestyle-mäßig anzuwenden.

Das heißt, die Käufe sind sowohl im Hinblick auf die Art der Papiere als auch im Hinblick auf die Emittenten-Länder flexibel. Dadurch sei das Programm geeignet, „Fragmentierungen in der Eurozone“ zu verhindern, sagte Lagarde. Mit anderen Worten: Die EZB schreckt nicht davor zurück, das PEPP-Programm notfalls vollständig in den Dienst Italiens zu stellen, um dessen Renditen nach unten zu drücken und das Mittelmeerland in der Eurozone zu halten.

Auf Fragen der Journalisten lehnte Lagarde zudem den Kauf von Ramschanleihen, die direkte Kreditvergabe an Unternehmen und die Kontrolle der Zinskurve über alle Laufzeitenbereiche nicht grundsätzlich ab.

Bei so viel Entschlossenheit, die Eurozone zusammenzuhalten und überschuldete Länder wie Italien monetär durchzufüttern, dürfte die Bilanz der EZB munter weiter wachsen. Die Analysten des Vermögensverwalters Bantleon erwarten, dass die Bilanzsumme der EZB bis zum Jahresende auf 7.000 Milliarden Euro (Ende 2019: 4.700 Milliarden Euro) anschwillt. Das entspricht 60 Prozent der Wirtschaftsleistung in der Eurozone.

Für die Bürger heißt das, dass sie sich mittelfristig auf eine beschleunigte Entwertung des Euros und ihrer Kaufkraft einstellen sollten. Die von der EZB angefeuerte Kreditvergabe der Banken hat die Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen) in der Eurozone im März um 10,3 Prozent über das Vorjahresniveau getrieben. Die jüngst beschlossenen Maßnahmen dürften die Kredit- und Geldschöpfung weiter beschleunigen. Weil das neue Geld auf ein krisenbedingt schrumpfendes Güterangebot trifft, dürften die Preise mittelfristig steigen.

Die Ansage der EZB, alles zu tun, um die Pandemie-Krise zu bekämpfen, mag für die Finanzmärkte und die Regierung in Rom eine frohe Botschaft sein. Für die Bürger und Sparer in der Eurozone aber ist sie ein Grund zur Sorge.

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