Fed-Entscheidung Darum ist die Zinserhöhung trotz Rezessionsgefahr richtig

Der Leitzins steigt um 50 Basispunkte auf nunmehr 0,75 bis 1,0 Prozent. Quelle: REUTERS

Die Fed erhöht den Leitzins und stellt weitere Zinserhöhungen in Aussicht. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Amerika. Doch das sollte die Fed nicht vom Kampf gegen die Inflation abhalten.  

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Lange hatte die Fed die Märkte auf eine weitere Straffung der Geldpolitik vorbereitet. Gestern hat sie geliefert. Der Leitzins, der Zielsatz für Tagesgeld am Interbankenmarkt, steigt um 50 Basispunkte auf nunmehr 0,75 bis 1,0 Prozent. Jerome Powell, der Chef der Fed, machte in der Pressekonferenz im Anschluss an die Tagung der Notenbanker klar, dass dies noch nicht das Ende der Fahnenstange ist.

Angesichts der hohen Inflationsrate – im März belief sie sich auf 8,5 Prozent – liegen für die nächsten Sitzungen der Notenbanker weitere Zinserhöhungen um 50 Basispunkten auf dem Tisch, sagte Powell. Die Fed werde die Zinsen „zügig“ anheben, um der Teuerung Einhalt zu gebieten. Zinserhöhungen um 50 Basispunkte gelten an den Finanzmärkten als „große Zinsschritte“, zuletzt hat es sie vor mehr als 20 Jahren gegeben. 

Die Zentralbanker verteuern das Geld nicht nur, sie verknappen es auch. So kündigte Powell an, die Fed werde ihre Bilanz, die sich derzeit auf neun Billionen Dollar beläuft, von Juni an abschmelzen. Auslaufende Wertpapiere in ihrem Bestand wird die Fed dann bis zu einem bestimmten Wert nicht mehr durch den Kauf neuer Anleihen ersetzen. So entzieht sie den Geschäftsbanken, die die Tilgungszahlungen im Auftrag der Schuldner abwickeln, Zentralbankgeld. 

Die Bilanz der Fed soll schrumpfen

Konkret soll der Bestand an Staatsanleihen in der Fed-Bilanz von Juni bis August um 30 Milliarden Dollar pro Monat sinken. Ihren Bestand an hypothekenbesicherten Wertpapieren (MBS) will die Notenbank in dieser Zeit um 17,5 Milliarden Dollar je Monat abbauen. In der Folgezeit soll sich der Bilanzabbau bei Staatsanleihen auf 60 Milliarden, bei MBS auf 35 Milliarden Dollar pro Monat beschleunigen. Die Bilanz der Notenbank wird dann also um insgesamt 95 Milliarden Dollar pro Monat schrumpfen. 

Aktuell befinden sich in der Bilanz der Fed Staatsanleihen im Wert von knapp 5,8 Billionen Dollar, das entspricht rund einem Viertel aller ausstehenden Staatsanleihen. Auf Hypothekenanleihen entfallen 2,7 Billionen Dollar. Ein aktiver Verkauf von Staatsanleihen ist bei dem Bilanzabbau vorerst nicht vorgesehen. Dieser würde die Kurse massiv unter Druck setzen und die Luft aus der Bondblase noch schneller entweichen lassen als sie es ohnehin schon tut. Die Fed sorgt sich offenbar, die Finanzierungskosten für den Staat, die Unternehmen und die privaten Haushalte könnten dann in einem Tempo und Ausmaß steigen, dass die Schuldner finanziell überfordert. 

Die Wirtschaft läuft heiß

In der Pressekonferenz betonte Powell mehrfach, die Fed sei fest entschlossen alles Nötige zu tun, um die Inflation wieder auf den Zielwert der Notenbank von zwei Prozent zurückzuführen. Falls es dazu erforderlich sei, den Leitzins über das neutrale Niveau hinaus anzuheben, bei dem die Wirtschaft spannungs- und inflationsfrei wächst, werde die Fed auch dazu bereit sein. Den neutralen Zins verortete Powell im Bereich von zwei bis drei Prozent. Erst ein Leitzins von über drei Prozent markiert demnach eine restriktive Geldpolitik. 

Ob die Fed tatsächlich bereit ist, die Zinsen deutlich über drei Prozent hinaus anzuheben, werden die nächsten Monate zeigen. Klar ist, dass sie die Zügel viel zu lange hat schleifen lassen. Die US-Wirtschaft läuft seit geraumer Zeit heiß. 

Zwar schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um annualisiert 1,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Doch das war vor allem auf den negativen Wachstumsbeitrag vom Außenhandel zurückzuführen, der Amerika 3,2 Prozentpunkte Wachstum gekostet hat. Während der Export um 5,9 Prozent schrumpfte, sprangen die Importe um fast 18 Prozent in die Höhe. Das deutet auf eine boomende Inlandsnachfrage hin, die durch heimische Produkte allein nicht befriedigt werden kann. 

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Die Arbeitskosten gehen durch die Decke

Kein Wunder also, dass die Unternehmen in den USA händeringend Arbeitskräfte suchen. Die Anzahl der offenen Stellen liegt mit 11,3 Millionen auf einem Rekordhoch, auf jeden Arbeitslosen entfallen knapp zwei offene Stellen. Das hat es in der neueren Geschichte der USA noch nicht gegeben. Die Arbeitslosenquote liegt mit 3,6 Prozent auf dem tiefsten Stand seit einem halben Jahrhundert. 

Betriebe, die neue Arbeitskräfte anheuern oder ihr Personal halten wollen, müssen deshalb immer tiefer in die Tasche greifen. Der Arbeitskostenindex, der auch die Lohnnebenkosten umfasst, legte im ersten Quartal um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, das war das stärkste Plus seit Beginn der Zeitreihe vor 20 Jahren. Die Risiken einer Lohn-Preis-Spirale nehmen zu. 

Die Fed hat die Wende zu spät eingeleitet

Weil die Fed erst im März damit begonnen hat, die Leitzinsen zu erhöhen, steht sie jetzt unter Druck, das Versäumte rasch nachzuholen. Beobachter fragen sich daher, ob es der Notenbank gelingt, die Wirtschaft weich landen zu lassen oder ob diese in die Rezession stürzt. Powell gab sich in der Pressekonferenz optimistisch. Die Fed habe „eine gute Chance, Preisstabilität wieder herzustellen, ohne die Wirtschaft in die Rezession zu stürzen“, sagte er auf Nachfrage der Journalisten. 

Doch ein Blick in die Vergangenheit nährt Zweifel an Powells Optimismus. In einer aktuellen Studie haben die Ökonomen der Commerzbank die Erfolgsbilanz der Fed in früheren Überhitzungsphasen unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Seit den 1950er Jahren hat es fünf Phasen gegeben, in denen die US-Wirtschaft überhitzt war. In vier davon ließen die daraufhin eingeleiteten Bremsmanöver der Notenbank die Wirtschaft in die Rezession stürzen.

Angesichts dieser historischen Erfahrungen sei das Risiko, dass es in absehbarer Zeit zu einer Rezession kommt „zweifellos recht hoch“, schreiben die Ökonomen der Commerzbank. Zumal die Fed die geldpolitische Wende diesmal zu spät eingeleitet hat und die Zinsen daher besonders schnell und kräftig anheben muss, um die Inflation einzufangen. 

Die hohen Staatsschulden engen den Spielraum der Fed ein

Ob die Notenbanker den Mut dazu haben, darf trotz der Beteuerungen von Powell bezweifelt werden. Zum einen haben die Staatsschulden in den USA mit über 130 Prozent im Verhältnis zum BIP eine Größenordnung erreicht, die eine steigende Zinslast kaum mehr tragbar erscheinen lässt. Zum anderen hat es sich die Fed zum Ziel gesetzt, die Beschäftigungschancen von Problemgruppen zu verbessern. Gerade diese Personen aber dürften die ersten sein, die bei einer signifikanten Abkühlung der Konjunktur auf der Straße landen. 

Belässt es die Fed deshalb zunächst bei einer nur moderaten Straffung der Geldpolitik – die Commerzbank erwartet den Gipfel beim Leitzins im nächsten Jahr bei 3,5 Prozent – wird der Sieg über die Inflation ausbleiben. Vielmehr dürfte die Teuerungsrate auf erhöhtem Niveau bleiben und über anziehende Inflationserwartungen die Löhne weiter anschieben. Die Fed werde die Zinsen dann später noch stärker anheben müssen, schreiben die Ökonomen der Commerzbank. Und das bedeutet: Eine Rezession ist kaum zu vermeiden, die Frage ist nur, ob sie jetzt oder später kommt.

Die reinigende Kraft der Rezession

Auch wenn Politiker und Zentralbanker Rezessionen fürchten wie der Teufel das Weihwasser, so haben diese volkswirtschaftlich doch ihre Berechtigung. Als reinigende Gewitter sorgen sie dafür, dass die Übertreibungen und Fehlsteuerungen, die ein monetär induzierter Boom mit sich bringt, korrigiert werden. Der Niedergang der Konjunktur, schrieb der österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973), ist „das Gewahrwerden der Folgen des durch die Kreditausweitung vorgetäuschten Aufstiegs“. Eine Rezession sei in diesem Sinn daher „wirtschaftlicher Fortschritt“, weil sie die Ressourcen wieder dorthin lenkt, wo sie den höchsten Nutzen stiften. 

Bekämpft die Fed die Inflation aus Angst vor einer Rezession nur halbherzig, hätte dies nicht nur für die USA weitreichende Folgen. Als wichtigste Notenbank der Welt gibt die Fed mit ihren geldpolitischen Entscheidungen den globalen Inflationstrend vor. Kleinere Länder wie etwa Neuseeland, Ungarn oder Polen können sich trotz höherer Leitzinsen kaum von diesem Trend abkoppeln. Pumpt die Fed weiter Geld in die Wirtschaft, fließt ein Teil davon in Hochzinsländer ab und treibt dort die Preise nach oben. 

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Auch deshalb ist es wichtig, dass die Fed hart bleibt beim Kampf gegen die Inflation. Knickt sie beim ersten Anzeichen einer konjunkturellen Verlangsamung ein, ist der Kampf gegen die globale Inflation kaum mehr zu gewinnen.       

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