WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Folgen der Finanzkrise Weltwirtschaftskrise auf dem Vormarsch

Die Weltbank rechnet dieses Jahr erstmals mit einem Schrumpfen der globalen Wirtschaftsleistung. Egal ob China, Japan oder Europa: Rund um den Erdball häufen sich die schlechten Nachrichten.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Immer weniger Quelle: dpa

Es ist ein Szenario des Schreckens: Fast überall auf der Welt bricht die Industrieproduktion massiv ein, die Aktienkurse in New York, London, Frankfurt und Tokio schmieren ab, die Entwicklungsländer kriegen keine Kredite mehr, Arbeitslosigkeit und Armut nehmen dramatisch zu – und selbst im aufwärtsstrebenden China leiden wieder mehr Menschen unter Hunger.

Was bis vor wenigen Monaten noch kein Ökonom erwartet hätte, ist inzwischen bittere Realität: Die Weltwirtschaft steckt in der tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Laut einer Vorhersage der Weltbank kommt es noch dicker: Erstmals wird die globale Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen. Besonders stark treffen wird dies die Entwicklungsländer.

Eine konkrete Prognose trauen sich die Experten der Weltbank nicht zu. Mit ihrer Einschätzung, dass am Ende des Jahres die Entwicklung der globalen Wirtschaftsleistung mit einem Minuszeichen versehen werden muss, ist die Weltbank aber noch pessimistischer als die Kollegen vom Internationalen Währungsfonds IWF. Der IWF ging noch vergangene Woche von einem weltweiten Wachstum von 0,5 Prozent aus. Ein globales Wachstum unter drei Prozent gilt bereits als Rezession.

Entwicklungsländer kommen kaum noch an Kredite

Die Weltbank geht davon aus, dass der Welthandel 2009 so stark zurückgehen wird wie seid 80 Jahren nicht mehr. Die globale Industrieproduktion könnte Mitte des Jahres um 15 Prozent unter dem Wert des Vorjahres liegen.

Die Entwicklungsländer leiden besonders. Sie müssen mit finanziellen Ausfällen von zig Milliarden rechnen. Die Weltbank warnt besonders vor der Gefahr, dass auslaufende Kredite angesichts der Krise nicht verlängert werden können. Die Ökonomen schätzen, dass in den Schwellenländern in diesem Jahr Kredite in Höhe von zwei bis drei Billionen fällig werden. Viele dieser Kredite seien von internationalen Großbanken in Fremdwährungen gewährt worden.

Die Weltbank, die den Entwicklungsländern zinsgünstige Kredite gewährt, sieht sich angesichts dieser Größenordnungen überfordert. Weltbank-Chef Robert Zoellick rief daher zu einer engen Zusammenarbeit zwischen den Industriestaaten, den internationalen Finanzinstitutionen und der privaten Wirtschaft auf. "Die globale Krise verlangt nach einer globalen Lösung", sagte Zoellick.

Selbst in China macht sich Angst breit

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz wies darauf hin, dass die Entwicklungsländer zudem unter den fallenden Rohstoffpreisen leiden. Durch protektionistische Tendenzen in den Industrieländern nehme der Geldfluss weiter ab, zumal viele Geberländer die Entwicklungshilfe drastisch zurückfahren würden. Dadurch verschärfe sich das "globale Ungleichgewicht".

Selbst im Wirtschaftswunderland China hat sich der Wind gedreht. Dort geht die Regierung zwar davon aus, dass die Wirtschaft auch in diesem Jahr wachsen wird. Doch das Wachstum ist nicht stark genug, um genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Tausende Fabriken, insbesondere in der Exportindustrie, haben dicht gemacht. Nach amtlichen Schätzungen haben bereits 20 Millionen Wanderarbeiter ihren Job verloren.

In den ärmsten Gebieten des Landes droht nun eine Lebensmittelknappheit. Der Kampf gegen die Armut sei ins Stocken geraten, die Not in viele Gebiete zurückgekehrt, sagte kürzlich der Vize-Agrarminister Fan Xiaojiang. In der chinesischen Regierung geht nun die Furcht vor sozialen Unruhen um. Zum Teil gab es bereits Proteste.

Toyota kürzt seine Produktion Quelle: REUTERS

Sorgen, allerdings auf einem anderen Niveau, machen sich auch in den Industriestaaten breit. Hier geht es nicht um Armut und Hunger, sehr wohl aber um deutliche Wohlstandseinbußen.

So vermeldete Japan heute erstmals seit 13 Jahren ein Leistungsbilanzdefizit, das Land hat also erstmals mehr Waren und Dienstleistungen importiert als exportiert. Der Fehlbetrag lag im Januar bei  172,8 Milliarden Yen (1,39 Milliarden Euro), wie die japanische Regierung in Tokio mitteilte. Experten hatten zwar mit einem Defizit gerechnet, dieses aber drastisch niedriger auf 15,3 Milliarden Yen veranschlagt.

Der exportabhängigen japanischen Wirtschaft macht vor allem die eingebrochene weltweite Nachfrage zu schaffen. Zugleich gehen die Erlöse der Unternehmen im Ausland wegen des starken Yen kräftig zurück. „Das ist eine schlechte Entwicklung für eine Exportwirtschaft“, sagte UBS-Volkswirt Akira Maekawa. „Wir erwarten eine weitere Verschlechterung der Leistungsbilanz.“

Gerade bei dem Export von Waren geht es steil bergab. Die Handelsbilanz, die nur die Warenströme erfasst, weitete ihr Defizit von 197,9 Milliarden Yen im Vormonat auf 844,4 Milliarden Yen aus. Viele Industrieunternehmen wie Toyota oder Sony haben bereits die Produktion gedrosselt und bauen Arbeitsplätze ab.

Verzweifelte Reaktionen der japanischen Regierung

Damit zumindest der inländische Konsum am Laufen bleibt, greift die verzweifelte Regierung zu immer skurrileren Maßnahmen. Im Rahmen eines neuen Ausgabenprogramms werden nun 16 Milliarden Euro Bargeld unter das Volk gemischt. Jeder Bürger erhält rund 100 Euro, Senioren und Jugendliche erhalten noch etwas mehr. Experten sehen die Bargeld-Verteilung allerdings skeptisch, denn es ist fraglich, ob die sparsamen Japaner das Geld überhaupt ausgeben.

Auch in Europa nimmt die Angst vor der Krise zu. Nach Einschätzung der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft werden vor allem junge Menschen leiden. „Europa wird 3,5 Millionen Arbeitsplätze verlieren. Besonders junge Leute werden betroffen sein“, sagte der tschechische Arbeitsminister Petr Necas heute in Brüssel, wo der Ministerrat über mögliche Hilfen für die Opfer der Krise beriet. Auch für Einwanderer und Niedriglohnbezieher sei die Gefahr größer, arbeitslos zu werden. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in Europa wird nach Angaben von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso im Jahr 2010 durchschnittlich zehn Prozent erreichen.

Wirtschaftsforscher machen sich unterdessen noch ganz andere Sorgen. Sie sehen die gemeinsame europäische Währung erstmals vor der Zerreißprobe. "Nachdem der Euro zehn Jahre lang in einer Schönwetterphase groß werden konnte, steht ihm nun eine vorzeitige Reifeprüfung bevor, die schwerer kaum ausfallen könnte“, warnte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Viele südeuropäische Staaten hätten seit 1999 an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und enorme Leistungsbilanz-Defizite aufgebaut. Verschärft durch die Finanzkrise könnten diese Fehler aus der Vergangenheit im Euro-Raum erhebliche Spannungen auslösen.

Börsenkurse rutschen weiter ab

In Griechenland, Spanien, Italien und Portugal seien die Preise und Lohnstückkosten deutlich stärker als im Durchschnitt der Euro-Zone gestiegen, erläuterte Hüther. Das hat Exporte verteuert, Importe verbilligt. Die Folge: Die Leistungsbilanz der Länder rutscht immer weiter ins Minus.

In der Währungsunion haben die Länder keine Möglichkeit, die eigene Währung abzuwerten, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder zu verbessern. „Vielmehr müssen die Staaten zur Wiederherstellung ihrer Wettbewerbsfähigkeit eine Phase von schwachen Lohn- und Preisanstiegen durchstehen“, sagte Hüther. Das wäre allerdings mit unpopulären Maßnahmen verbunden. Hüther schließt daher nicht aus, dass in Südeuropa politische Forderungen nach einem Austritt aus der Währungsunion aufkommen könnten.

Passend zum trüben Bild, das die Wirtschaftsforscher zeichnen, entwickelten sich heute auch die Börsen: In Japan verlor der Nikkei-225-Index 1,21 Prozent und rutschte auf 7.086 Zähler. Damit schloss er auf dem tiefsten Stand seit 26 Jahren. Auch an den europäischen Börsen ging es abwärts. Der Deutsche Aktienindex (Dax) verlor heute bis gegen Mittag rund 1,6 Prozent auf nur noch knapp über 3.600 Punkte.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%