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Forschung im Sportfieber Alles über Fußball-onomics

In Innsbruck trafen sich unmittelbar vor der Europameisterschaft Ökonomen und diskutierten die wichtigsten Nebensachen der Welt. Zum Beispiel: Wie denkt ein Schiedsrichter? Und wer hat die besten Chancen beim Elfmeterschießen? Die Ergebnisse überraschen.

Das Runde muss ins Eckige - aber wie? Ökonomen suchen nach Antworten. Quelle: dpa

INNSBRUCK. Österreichs Nationalmannschaft hat gegen Ballack und Co. durchaus eine Chance. Zumindest ist der Innsbrucker Ökonom Michael Kirchler davon überzeugt. "Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Deutschland besiegen, liegt nach unseren Berechnungen bei neun Prozent", hat Kirchler auf Basis historischer Spieldaten ausgerechnet. Am kommenden Montag treten beide Mannschaften in Wien gegeneinander an.

Eine Niederlage des deutschen Teams wäre nicht nur hochgradig peinlich für Jogi Löw - sondern wohl auch eine schlechte Nachricht für alle Aktionäre von Adidas. Denn wenn große Nationalmannschaften unerwartet verlieren, fallen die Aktienkurse ihrer Trikothersteller durchschnittlich um fast ein halbes Prozent. Das hat Ökonom Kirchler zusammen mit Koautoren festgestellt. Würde Deutschland durch eine Niederlage gegen Österreich aus der Europameisterschaft ausscheiden, müsste Adidas gar mit einem doppelt so hohen Kurseinbruch rechnen.

Kirchlers Studie ist nur ein Beispiel dafür, dass die wichtigste Nebensache der Welt zu einem beliebten Forschungsobjekt für Ökonomen geworden ist. "Auch wenn es für die meisten nicht das Hauptforschungsfeld ist - das Thema kommt", sagt Marco Runkel, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Magdeburg.

Unmittelbar vor Beginn der EM haben sich in Innsbruck etwa 50 fußballbegeisterte Wirtschaftswissenschaftler getroffen, um über die neusten Studien zu diskutieren. Demnächst erscheint bei Cambridge Scholars Publishing zudem ein Sammelband "Myths and Facts about Football: The Economics and Psychology of the World?s Greatest Sport", herausgegeben unter anderem vom Mannheimer Ökonomen Carsten Schmidt.

Abgesehen davon, dass sich viele Forscher gerne wissenschaftlich mit ihrer Sportleidenschaft beschäftigen, sind sie auch überzeugt: Viele Ergebnisse und Gesetzmäßigkeiten der Fußballforschung lassen sich gut auf die Wirtschaft übertragen - vor allem, weil der Sport den Vorteil habe, dass Erfolg und Misserfolg klar zu identifizieren sind.

"Was ein neuer Manager bringt, ist in der Wirtschaft oft unklar", sagt der Münchener Ökonom Stefan Wagner. Viele verschiedene Faktoren seien entscheidend - etwa der Gewinn, der Aktienkurs oder das Presseecho. "Im Fußball kann man die Leistung einfach an der Tabelle ablesen", so Wagner.

Viele ökonomische Fußball-Studien widmen sich der Frage, wie Entscheidungsträger handeln, die unter Druck stehen. Vor allem die Männer in Schwarz stehen dabei im Fokus. Eine ganze Reihe von Studien zeigt: Schiedsrichter bevorteilen systematisch die Heimmannschaften. So haben Ökonomen nachgewiesen, dass die Unparteiischen Heimteams mehr unberechtigte Strafstöße zusprechen - oder auch mehr Nachspielzeit, wenn die Gastgeber knapp im Rückstand liegen.

Offenbar lassen sich die Schiedsrichter unbewusst von den Fangesängen beeinflussen. Darauf deutet zum Beispiel eine Studie von zwei britischen Ökonomen hin, die zwei Gruppen von Schiedsrichtern Videos mit strittigen Fouls zeigten. Bei dem einen Teil schalteten die Forscher den Ton aus, bei dem zweiten nicht. Das Ergebnis war deutlich: Wer die Fangesänge hörte, der entschied deutlich öfter zugunsten der Heimmannschaft. Solche Tests im Labor lassen sich in der Realität selten überprüfen - kann doch kein Schiedsrichter tatsächlich seine Ohren verschließen.

Als aber 2007 in Italien nach blutigen Fan-Krawallen mehr als 20 Spiele in leeren Stadien stattfinden mussten, nutzten zwei schwedische Forscher die unerwartete Gelegenheit: Sie werteten die Spiele aus und kamen zu dem Ergebnis: Die Schiedsrichter bestraften Fouls der Heimteams deutlich härter als in vergleichbaren Spielen vor vollen Rängen.

Ähnlich wie die Spielleiter seien auch Richter und Politiker gefährdet, sich vom Druck der Massen einschüchtern zu lassen, warnen die Autoren. "Nur wenn sie wissen, wie leicht man sich beeinflussen lässt, können sie lernen, damit umzugehen", sagte die britische Wissenschaftlerin Katie Page.

Die Erkenntnisse der Forschung sollten bei Schiedsrichter-Lehrgängen unbedingt berücksichtigt werden, fordert Page. Sie präsentierte in Innsbruck eine Studie, in der sie zeigte, dass die Parteinahme für das Heimteam immer größer wird, je mehr Zuschauer im Stadion sind. Dafür hatte sie ihren Computer mit Daten aus fast 40 000 Fußballspielen gefüttert, die Internetdatenbanken wie etwa soccerbase.com bereithalten.

Weniger Glück mit der Datenlage hatten Marc Lenz, Matthias Sutter und Martin Kocher, als sie untersuchen wollten, ob beim Elfmeterschießen tatsächlich meist die gewinnen, die zuerst schießen. Die Spielprotokolle der Datenbanken waren nicht genau genug. Die Forscher mussten daher im Archiv der Kölner Sporthochschule Dutzende Jahrgänge der Sportzeitschrift "Kicker" wälzen und die Daten per Hand herausschreiben. Doch die Arbeit lohnte sich - durch die Auswertung von rund 200 deutschen und italienischen Pokalspielen konnten die Forscher mit zwei alten Fußball-Mythen aufräumen: Weder gewinnt die Heimmannschaft öfter noch die, die zuerst schießt. Ziel der Studie war aber nicht nur, Binsenweisheiten zu widerlegen, sondern auch, das Verhalten von Entscheidungsträgern in Drucksituationen zu untersuchen, bei denen es um extrem viel Geld geht. "Elfmeterschießen sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich sozialer Druck auf die Leistung auswirkt", sagt Marc Lenz, "das dürfte für alle Organisationen interessant sein."

Die Idee für die Studie war den Forschern 2006 vor dem Fernseher gekommen, als den überforderten Schweizern beim Elfmeterschießen im WM-Achtelfinale gegen die Ukraine kein einziger Treffer gelang. Tatsächlich stellten die Ökonomen fest: Wenn Profis gegen Amateure spielen, verschießen sie die entscheidenden Elfmeter deutlich öfter als sonst.

"Das könnte daran liegen, dass sie ohnehin schon mutlos sind, weil sie nicht eher gewonnen haben", sagt Marc Lenz. Darüber hinaus versagen Heimteams in den späteren Runden der Pokalwettbewerbe bei den wichtigen Elfmetern häufiger - die gut gemeinte Unterstützung der eigenen Fans kann also auch zur Belastung werden. Nicht nur die Schweizer, auch die Österreicher sollten also unbedingt vermeiden, bei der EM in ein Elfmeterschießen zu kommen.

Auch wenn die Fußballforschung ernst gemeint ist, manche Projekte muten etwas skurril an: Etwa wenn ein Forscher mit den Methoden der Spieltheorie berechnet, wie oft ein einarmiger Torhüter beim Elfmeter in die handlose Ecke springen sollte. Oder wenn ein anderer vorschlägt, die Stärke eines Teams am durchschnittlichen Abstand zum eigenen Tor im Moment der Balleroberung zu messen. Ein Teilnehmer der Konferenz wagte sich sogar an die Frage, um wie viel ein englischer Erstligist seinen Etat erhöhen müsste, um am Ende der nächsten Saison einen Punkt mehr zu haben: ziemlich genau 500 000 Pfund nämlich.

Wer gerne mit Aktien spekuliert, sollte sich die Studie von Michael Kirchler ansehen. Er und seine Kollegen konnten feststellen, dass der Börsenkurs eines Ausrüsters auch dann eindeutig steigt, wenn zwei seiner Teams gegeneinander spielen. "Wir Finanzmarktforscher wundern uns darüber", sagt Kirchler, "denn so ein Spiel bringt ja keine neuen Informationen über die Firma." Für Adidas - Aktionäre wäre es jedenfalls optimal, wenn das EM-Endspiel von Deutschland und Frankreich bestritten würde - denn beide tragen Trikots des deutschen Ausrüsters.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Partien der Deutschen nicht von Kyros Vassaras aus Griechenland gepfiffen werden. Die britischen Ökonomen Peter Dawson und Stephen Dobson stellten nämlich fest, dass griechische Schiedsrichter die meisten Gelben und Roten Karten verteilen.

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