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Forum Deutschlands ökonomische Stärke ist eine Illusion

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Im längerfristigen Vergleich weisen selbst Euro-Krisenländer eine bessere wirtschaftliche Entwicklung auf als Deutschland. Für eine sichere Zukunft braucht das Land vor allem eines: mehr Investitionen!

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Marcel Fratzscher Quelle: dpa

Deutschland schwimmt auf einer Welle der Euphorie. „Die Wirtschaft brummt, und wir stehen so gut da wie seit Langem nicht“, so die öffentliche Meinung. Aber spiegelt die Stimmung reale Fakten oder eine Illusion? Wie gut geht es Deutschland wirklich – nicht nur im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, sondern im Vergleich mit unseren eigentlichen Möglichkeiten? Schöpfen wir unser Potenzial aus? Ist die deutsche Wirtschaft für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet?

Es gibt viele gute Gründe für die Euphorie in Deutschland – kaum ein Land in Europa hat sich so gut von der globalen Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 erholt und ist heute wirtschaftlich und politisch so stabil. Eine außergewöhnliche Leistung ist der Rückgang der Arbeitslosenquote von fast 12 Prozent 2005 auf heute 6,9 Prozent. Seit 2009 haben 1,2 Millionen Menschen mehr einen Arbeitsplatz erhalten. Zu Recht stolz ist Deutschland auch auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen.

Die größten Wirtschaftsmächte 2060
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in ihrer Langfristprognose dramatische Veränderungen in der Weltwirtschaft bis 2060 prognostiziert. "Schnell wachsende Schwellenländer werden in den kommenden 50 Jahren einen immer größeren Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung erbringen", heißt es dazu bei der OECD. Die alten Industrienationen werden das Nachsehen haben. Die Verschiebung in Richtung Niedriglohnländer werde dort dazu beitragen, die Lebensstandards zu verbessern. "So dürfte sich etwa das Pro-Kopf-Einkommen in den ärmsten Ländern bis 2060 vervierfachen", so die OECD. Nachfolgend die Top-Ten der Wirtschaftsnationen, wie sie die OECD für das Jahr 2060 vorhersagen. Quelle: REUTERS
Platz 10: Deutschland Quelle: dpa
Platz 9: RusslandDie einstige Weltmacht kann sich dank hoher Rohstofferträge besser halten. Dennoch würde Russland um drei Plätze im internationalen Vergleich zurückfallen und nur noch 2,3 Prozent zur Weltwirtschaftsleistung beisteuern. 2011 waren es noch 3,6 Prozent. Im Schnitt würde Russland bis 2060 noch um jährlich 1,9 Prozent wachsen. Quelle: AP
Platz 8: GroßbritannienDie Briten lägen der OECD-Prognose 2060 wieder zwei Plätze vor Deutschland, statt wie 2011 zwei Plätze dahinter. Die Insel soll dann für 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich sein und damit um nur einen Platz abrutschen. 2011 lag das Land mit einem Anteil von 3,5 Prozent auf Platz sieben. Das Durchschnittswachstum schätzten die Experten für die nächsten Jahrzehnte auf jährlich 2,1 Prozent. Quelle: REUTERS
Platz 7: MexicoDas Schwellenland gehört zu den Wirtschaftstigern der Zukunft und soll seine wirtschaftliche Bedeutung in der Welt in den kommenden fünf Jahrzehnten um sieben Prozent steigern und dann 2,7 Prozent zum Weltwirtschaftsprodukt beisteuern. Damit würde Mexico um vier Plätze vorrücken. Die OECD schätzt für Mexico eine jährliche Wachstumsrate von 3,0 Prozent im Durchschnitt. Quelle: dapd
Platz 6: IndonesienIndonesien wird eine regelrechte Aufholjagd starten. 2011 rangierte das Inselreich noch auf Platz 16 und hatte einen Anteil am globalen Wirtschaftsprodukt von 1,7 Prozent. Der soll mit einem jährlichen Wachstum um 4,1 Prozent auf immerhin 3,0 Prozent ansteigen. Quelle: REUTERS
Platz 5: JapanDie Japaner werden noch mehr als andere alte Industrienationen durch ihre Überalterung gebremst. 2060 wird das für Japan dennoch nur eine Verschlechterung um zwei Plätze bedeuten; der Anteil an der Weltwirtschaft bis dahin von 6,7 auf 3,2 Prozent zurückgehen. Das Durchschnittswachstum läge bis dahin laut Prognose bei 1,3 Prozent. Quelle: dpa

Eine weitere bemerkenswerte Leistung ist die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte – diese schrieben bereits 2012 wieder schwarze Zahlen, und die Überschüsse sollen in den nächsten Jahren weiter steigen. Aber wieso hat Deutschland ein so kurzlebiges Gedächtnis – wieso blenden wir das Jahrzehnt vor der Krise heute aus? Die Fakten seit 1999, dem Beginn der Währungsunion, zeigen ein völlig gegensätzliches Bild: Kaum ein Land in Europa ist so schwach gewachsen wie Deutschland. Selbst im Euro-Krisenland Spanien ist seit 1999 die Wirtschaft bis heute stärker gewachsen als in Deutschland.

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wurde fast ausschließlich durch eine zurückhaltende Lohnentwicklung verbessert, das Produktivitätswachstum hat sich nur mäßig mit dem europäischen Durchschnitt entwickelt. Es gibt kaum ein Industrieland, in dem Reallöhne und reale Konsumausgaben so schwach gewachsen sind wie in Deutschland. Viele deutsche Arbeitnehmer stehen vom Reallohn her heute sogar schlechter da als vor 15 Jahren. Diese Fakten sollten uns Anlass geben, kritisch zu hinterfragen, ob Deutschland auf dem richtigen Weg ist.

Großer ökologischer Umbau

Was der deutschen Wirtschaft Mut und Angst macht
Konsum Quelle: dpa
Investitionen Quelle: dpa
Angstmacher: EurokriseSie hat sich dank dem Einschreiten der Europäischen Zentralbank (EZB) merklich beruhigt. Seit ihr Chef Mario Draghi Ende 2012 den unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen kriselnder Euro-Länder angekündigt hat, hat nach Ansicht der Finanzmärkte die Gefahr einer Staatspleite in Spanien und Italien deutlich abgenommen. Doch die Ruhe könnte sich als trügerisch erweisen. So reagieren die Börsianer zunehmend nervös auf die Umfrageerfolge von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der bei der Parlamentswahl kommende Woche in Italien wieder kandidiert. Berlusconi will viele Reformen seines Nachfolgers Mario Monti wieder zurücknehmen und beispielsweise die Immobiliensteuer wieder abschaffen. Quelle: REUTERS
Angstmacher: Euro-StärkeDie Gemeinschaftswährung steht unter Aufwertungsdruck. Seitdem die japanische Notenbank ihre Geldschleusen geöffnet hat, ist der Euro um 20 Prozent im Verglich zum Yen gestiegen. Dort sitzen einige der größten Konkurrenten der deutschen Exporteure, darunter Autokonzerne wie Toyota und viele Maschinenbauer. Sie können ihre Produkte dank der Yen-Abwertung billiger anbieten. Quelle: dpa
Auch im Vergleich zu anderen Währungen ist der Euro teurer geworden. Experten warnen bereits vor einem Abwertungswettlauf. Noch können die deutschen Exporteure mit dem Wechselkurs gut leben. Die größere Sorge ist, dass weniger konkurrenzfähige Euro-Länder wie Frankreich oder Italien darunter leiden. Das würde am Ende auch Deutschland treffen, das fast 40 Prozent seiner Waren in die Währungsunion verkauft. Quelle: dpa

Der globale Wettbewerb wird immer härter. Riesige Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien drängen mit Macht auf den globalen Markt. Deutschland sieht einem großen ökologischen Umbau entgegen, von dem die Energiewende nur einer der wichtigen Aspekte ist. Und Deutschland steht erst am Anfang eines tief greifenden demografischen Wandels, der viele der von uns erwarteten sozialen Leistungen und Sicherheiten infrage stellt.

Wie gut ist Deutschland für die Zukunft gewappnet? Die Antwort ist ernüchternd. Alle diese Herausforderungen erfordern ein hohes Maß an Flexibilität und eine strukturelle Anpassung der deutschen Wirtschaft.

Dies erfordert vor allem Investitionen. Darin aber liegt Deutschlands größte Schwäche und Verwundbarkeit. Kaum ein Land investiert so wenig wie Deutschland. Die Investitionen relativ zur Wirtschaftsleistung sind von 20 Prozent 1999 auf 17 Prozent 2012 gefallen, eine der niedrigsten Quoten global. Deutschlands Investitionslücke beträgt seit 1999 jährlich knapp drei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung, so eine Studie des DIW Berlin.

Das sind etwa 80 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Geldern, die jährlich in Bildung, Infrastruktur, Forschung und Entwicklung, Vorbereitung auf den ökologischen und demografischen Wandel und anderen Bereichen fehlen. Deutsche Unternehmen und Individuen investieren immer häufiger im Ausland als zu Hause. Dabei haben Investitionen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren mit die höchsten Renditen im internationalen Vergleich erzielt.

Konjunktur



Auch die staatliche Investitionsquote ist deutlich gesunken und zählt zu den niedrigsten unter den Industrienationen. Berechnungen des DIW zufolge ist der Wert der öffentlichen Infrastruktur seit 1991 um zehn Prozent relativ zur jährlichen Wirtschaftsleistung gesunken. Für jeden sichtbar zeigt sich dies unter anderem im schlechter werdenden Zustand von Straßen, Brücken und öffentlichen Gebäuden. Die deutsche Investitionslücke schwächt das Wachstum und gefährdet den Wohlstand. Der Zeitpunkt, diese Lücke zu füllen, könnte besser nicht sein: Der Staat, aber auch Unternehmen und Haushalte, konnten sich
noch nie so günstig finanzieren wie heute.

Deutschland läuft nicht so sehr Gefahr, öffentliche Schulden aufzubauen, die künftige Generationen begleichen müssen. Die Gefahr liegt eher darin, dass wir künftigen Generationen die Grundlage entziehen, im globalen Wettbewerb wirtschaftlich zu bestehen. Das sollte eine der zentralen Prioritäten für Bund, Länder und Kommunen in den kommenden Jahren sein.

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