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Franken-Aufwertung Schweizer Wirtschaft unter Schock

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Besserung nicht in Sicht

Das widerspräche all dem, was über Jahrzehnte das Selbstverständnis der Schweizer Wirtschaft ausgemacht hat. „Die Überbewertung des Franken hat dem Produktionsstandort Schweiz stets geholfen, da er uns gezwungen hat, innovativer zu sein“, analysiert Verbandsvertreter Kohl. „Das funktioniert bei einer Überbewertung um vier oder fünf Prozent“ schränkt Kohl ein, „jedoch nicht bei rund 20 Prozent wie aktuell.“

Manche rufen deswegen bereits wieder nach neuen Eingriffen der Schweizerischen Nationalbank (SNB). So forderte die Schweizer Uhrenbranche in einer Resolution die SNB dazu auf, zum alten Mindestkurs von 1,20 Euro zurückzukehren. Der Gewerkschaftsbund wünscht sich gar einen Mindestkurs von 1,30 Euro, nur dann sei der Standort wettbewerbsfähig. Die meisten Industrievertreter aber wissen, dass die SNB das kaum leisten kann. Sie hatte bis Ende 2014 Devisenreserven im Wert von fast 500 Milliarden Franken angehäuft, „alleine im Januar hätten wir für 100 Milliarden Franken intervenieren müssen“, rechnete Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg vor.

Trotz aller Hilflosigkeit gibt es dennoch Unternehmen, die mit der neuen Wechselkursrealität ganz gut zurechtkommen. Nobelkonzerne wie Schokoladenhersteller Lindt vermelden Umsatzrekorde, auch die Pharmakonzerne Roche und Novartis bleiben gelassen. Hier gilt: Güter, bei denen der Preis keine große Rolle spielt – wie Medikamente oder Luxusprodukte – sind von der Aufwertung kaum betroffen.

Unternehmen aber, die viel exportieren und ihre Waren vorwiegend in der Schweiz produzieren, sind besonders betroffen. Das gilt vor allem für drei Branchen: Maschinenbau, Tourismus und Einzelhandel. Allein in Graubünden sind in den vergangenen Monaten zwei große Hotels pleitegegangen – dabei liegt die entscheidende Wintersaison noch in weiter Ferne. Auch Schweizer Unternehmen, die mit ausländischen Firmen auf ihrem Heimatmarkt konkurrieren, geraten durch den Kursrutsch ins Hintertreffen. Insbesondere mittelständische Zulieferer leiden unter der Aufwertung.

„Die Struktur der Schweizer Wirtschaft könnte sich durch die dauerhafte Aufwertung grundsätzlich verändern“, sagt Konjunkturforscher Siegenthaler. „Wir dürften immer abhängiger von wenigen Erfolgsbranchen werden.“ So hat sich seit 2000 der Beitrag der Pharmaindustrie an schweizerischen Exporten mehr als verdoppelt, derweil ist der Anteil von Maschinenbau und Elektrotechnik um die Hälfte gesunken. Dort arbeiten aber immer noch 25 Prozent aller Beschäftigten. Noch schwächt zudem der einsetzende Aufschwung in Europa die Folgen ab. „Die Folgen am Arbeitsmarkt werden sich wahrscheinlich in den kommenden Monaten verstärkt zeigen“, sagt Siegenthaler. „In einem Jahr dürfte die Bilanz der Aufwertung deutlich negativer ausfallen als heute.“

Konjunktur



Nur eine Schweizer Branche wird sich vermutlich auch dann noch gerne an den Frankenschock erinnern. Denn im Januar fiel nicht nur der Mindestkurs, auch eine neue Zollregel trat in Kraft: Wer Pizza aus Deutschland in die Schweiz liefert, muss sie seitdem verzollen, selbst wenn sie schon in der Schlange kalt geworden ist. Pizzerien zwischen Kreuzlingen und Basel haben seitdem eine Sorge weniger – und endlich mal wieder einen echten Wettbewerbsvorteil.

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