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Franken-Aufwertung Schweizer Wirtschaft unter Schock

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Stille in der Hauptstraße

Doch stimmt das? Inzwischen mehren sich die Meldungen von Industrieunternehmen, die ihre Standorte verlagern oder Mitarbeiter entlassen. So wird der Konzern SR Technics, der auf die Wartung von Flugzeugen spezialisiert ist, allein am Standort Zürich 500 Stellen abbauen. Siemens verlagert 150 Stellen ins Ausland, der Hörsystemhersteller Sonova 200, und der Bauausrüster Arbonia-Forster streicht 100 Jobs. Das sind nur vier Beispiele aus Dutzenden von Meldungen. Andere Unternehmen versuchen den Aufwertungsschock abzufedern, indem sie ihre Mitarbeiter in Euro bezahlen.

„Viele haben geglaubt, das war eine Stauchung, doch jetzt merken wir: Es könnte ein Bruch sein“, sagt Jean-Philippe Kohl, in der Geschäftsleitung des mächtigsten Industrieverbands Swissmem zuständig für Wirtschaftspolitik. Er vertritt die Unternehmen der Metall-, Maschinenbau- und Elektroindustrie, erst vor Kurzem hat er bei den Mitgliedern nachgefragt, wie sie auf die neue Kursrealität reagieren. Bleibt der Euro dauerhaft bei 1,05 Franken – und so sieht es derzeit aus –, wollen fast 20 Prozent der Unternehmen Produktion ins Ausland verlagern, knapp zehn Prozent planen das sogar für ihre Forschungsabteilung. Nach Schätzung des Industrieverbandes werden bis Jahresende 10 000 Arbeitsplätze in der Schweiz verloren gehen.

Diese Länder wollen in die EU
Türkei Quelle: dapd
Serbien Quelle: REUTERS
Albanien Quelle: REUTERS
Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien: Quelle: REUTERS
Montenegro Quelle: REUTERS
Island Quelle: Reuters
Bosnien-Herzegowina: Quelle: REUTERS

Stefanie Koch hat noch nicht aufgegeben, doch ihre Sorge vor dem Niedergang ist in der Stille zwischen den Regalen von „Kleidi Niederberger“ greifbar. Kochs Laden liegt nur fünf Minuten Fußweg vom überfüllten Lago entfernt und ist doch menschenleer. „An manchen Tagen kommt vormittags kein einziger Kunde ins Geschäft“, sagt Koch. Als „extravagante Damenmode“ angepriesen, vertreibt sie das, was der Volksmund Übergrößen nennt. Klientel dafür gibt es am Bodensee eigentlich genug. Doch Kochs Laden liegt auf der falschen Seite der Grenze, im Konstanzer Nachbarstädtchen Kreuzlingen, Kanton Thurgau, die Schweizer Seite halt.

Während drüben Einkaufswagen knapp werden, lockt hier der Totalausverkauf. „Wir haben schon alles versucht, Euro-Rabatt, drei Stücke zum Preis von zwei“, zählt Koch auf. „Aber das hat alles nichts gebracht.“ Das Einzige, was sich in Kreuzlingen derzeit wachsender Nachfrage erfreut, sind grenznahe Parkplätze.

Der Einkaufstourismus am Bodensee hat Tradition. Früher fuhren die Deutschen in die Schweiz, um Kaffee zu kaufen, die Schweizer drehten eine Runde über den See und kamen mit zollfreier Butter zurück. Seit dem Aufwertungsschock ist der Austausch eine recht einseitige Angelegenheit.

Deutsche Zollbeamte beschweren sich, sie seien nur noch damit beschäftigt, Ausfuhrbescheinigungen abzustempeln, mit denen sich Schweizer Touristen die Mehrwertsteuer erstatten lassen. Hoteliers mahnen, dass die überfüllten Innenstädte andere Touristen abschrecken. Und selbst um Hochzeitstermine müssen sich beide Seiten streiten: Immer mehr Schweizer kommen zum Heiraten inzwischen nach Deutschland, die Feier ist dort billiger.

Wirtschaftliche Beziehungen der Schweiz zu Deutschland und der EU

Gefährliche Routinen

Während der gesamte Schweizer Einzelhandel im Jahr 2015 auf rund 95 Milliarden Franken schrumpfen wird, dürften Schweizer im Ausland gut 11,5 Milliarden Franken vershoppen. Das entspricht zwölf Prozent der Gesamtausgaben der Haushalte. „Im Schnitt nehmen die Einkaufstouristen einen Weg von rund einer Stunde auf sich, um zu den Geschäften in Deutschland zu gelangen“, sagt Frauke Nitsch. Die Wissenschaftlerin von der Universität St. Gallen hat untersucht, wie sich das Konsumverhalten der Schweizer Einkaufstouristen seit dem Kurscrash verändert hat.

Die Hälfte aller Befragten gab an, bei einem einzelnen Besuch deutlich mehr einzukaufen. Und noch eins fiel Nitsch auf: „Wir haben Konsumenten aus fast allen Kantonen angetroffen, Einkaufstourismus scheint landesweit zur Routine zu werden.“ Mit anderen Worten: Was heute an Umsätzen aus der Schweiz verschwindet, kommt so schnell nicht wieder.

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