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Frederick Taylor "Es braucht keine Hyperinflation, um Vermögen zu zerstören"

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"Notenbanken sollten nicht genötigt werden, Regierungen zu assistieren"

Wo die Inflation zuschlägt
Die Inflation frisst das Vermögen auf. Im Dezember lag die Preissteigerungsrate zwar nur bei 2,1 Prozent, von einer Preisexplosion ist Deutschland 2012 verschont geblieben. Jedoch machen die niedrige Zinsen vielen Anleger zu schaffen. Vor einigen Jahren konnten Anleger mit dem Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen solider Schuldner noch einen realen Vermögenerhalt genieren. Heute ist dies nicht mehr möglich. Gleichzeitig schrecken die großen Schwankungen an den Aktienmärkten viele Sparer von einem Investment ab. Wir zeigen ihnen mit welchen Vermögenswerten sich die Inflation ausgleichen lässt. Quelle: dpa
GeldmarktAm Geldmarkt ist momentan nicht viel zu holen. Die Niedrigzinspolitik der EZB drückt die Renditen von Sparbuch und Tagesgeld. Im Durchschnitt erzielten Anleger mit ihrem Tagesgeldkonto eine Rendite von 0,74 Prozent. Noch schlechter fuhren Sparer mit ihrem Sparbuch. Gerade einmal 0,37 Prozent gab es im Durchschnitt. Die Inflation lässt sich damit nicht ausgleichen. In Deutschland sind beide Anlageobjekte trotzdem nach wie vor der Renner. Quelle: gms
Deutsche StaatsanleihenDeutsche Staatspapiere gelten am Markt nach wie vor als sichere Anlage. Schließlich genießt die Bundesrepublik noch immer Triple-A-Status. Die Zinsen für deutsche Bundespapiere gingen dagegen im letzten Jahr dramatisch zurück. Gerade einmal 0,45 Prozent erhielten Anleger als Zinsgutschrift. Nach Abzug der Inflation steht damit ein realer Vermögensverlust von knapp 1,5 Prozent. Quelle: dpa
UnternehmensanleihenVor einigen Jahren standen Unternehmensanleihen aus den USA und Deutschland bei Anlegern hoch im Kurs. Schließlich lag der Zinskupon weit über der Inflationsrate. Zudem lag das Insolvenzrisiko deutlich niedriger, als vor der weltweiten Banken -und Staatsschuldenkrise. Heute werfen Unternehmensanleihen im Durchschnitt 1,66 Prozent ab. Allerdings liegen die Anleihen aus Deutschland deutlich vor ihren amerikanischen Konkurrenten. Mit einer Rendite von knapp über zwei Prozent gleichen deutsche Unternehmensanleihen sogar knapp die Inflationsrate aus. Die meisten amerikanischen Firmen bieten dagegen Zinsen weit unter zwei Prozent. Quelle: dpa
Anleihen SchwellenländerBrasilien gehört zweifelsohne zu den künftigen Wirtschaftsmächten dieses Planeten. Mit steigender Bonität und Attraktivität für ausländische Investoren dürfte der Refinanzierungssatz in den kommenden Jahren deutlich sinken. Heute liegt die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen aber noch bei knapp neun Prozent. Auch andere Schwellenländer bieten noch attraktive Zinssätze. Im Durchschnitt liegt dieser bei 2,29 Prozent. Quelle: dpa
Aktienmarkt - DividendenrenditeGerade einmal jeder fünfte deutsche Anleger investiert sein Geld in Aktien. Und das obwohl der Dax im abgelaufenen Jahr einen seiner besten Jahre aller Zeiten hingelegte. Einen Kursgewinn von knapp 30 Prozent verbuchte der deutsche Leitindex im Jahr 2012. Neben den Kursgewinnen profitierten die Anleger auch von soliden Dividendengewinnen. Im Durchschnitt betrugen diese im Dax 2,42 Prozent und lagen damit höher als in den amerikanischen Indizes. Anleger sollten einen Blick auf Unternehmen werfen, die über Jahre hinweg konstante Dividenden zahlten. Allerdings bleiben die Kursschwankungen ein nicht zu unterschätzendes Risiko und können die Dividendenrendite gegebenenfalls weit übersteigen. Quelle: rtr
Junk-BondsGemessen am aktuellen Zinsniveau sind Anleihen mit niedriger Bonität, umgangssprachlich auch Ramsch-Anleihen oder Schrottanleihen, der absolute Rendite-Knüller. Im Durschnitt kommen die Zocker-Papiere auf eine Rendite von 3,81 Prozent. Griechische Staatsanleihen bringen momentan, abhängig von der Laufzeit, eine Rendite von bis zu 30 Prozent - diese Papiere sind aber nur sehr wagemutigen Anlegern zu empfehlen. Quelle: dapd

Das muss aber doch nicht von Nachteil sein.

Nein, da haben Sie recht. Grundsätzlich begrüße ich eine kritische Haltung gegenüber spendablen Regierungen und legeren Notenbankern. Ich fürchte nur, dass die Deutschen mehr und mehr dogmatisch an die Frage herangehen und nicht pragmatisch. Deutschland darf nicht zu stur auf Haushaltsdisziplin setzen. Als Führungsnation in Europa muss Berlin auch immer die ganze Währungsunion im Blick halten. Momentan ist festzustellen: Der Druck auf die Preise ist in Südeuropa  an einigen Stellen zu stark. Eine leichte Lockerung der Sparpolitik, ein bisschen Inflation würde hier helfen. Die Deutschen müssen von ihren Ängsten loslassen.

Ist die Lehre aus der Entstehung der Schuldenkrise nicht gerade, dass Griechenland, Portugal & Co. über ihre Verhältnisse gelebt haben und es verpasst wurde, sie rechtzeitig zu disziplinieren?

Natürlich haben die Länder über ihre Verhältnisse gelebt. Die Angleichung an die wirtschaftlichen starken Nationen sollte mit aller Macht vollzogen werden. Da wurden überhastet große Lohnerhöhungen durchgesetzt. Das sehen inzwischen auch Teile der griechischen Gesellschaft so. Die meisten Griechen verstehen, dass es nicht so weitergehen konnte wie vor dem Ausbruch der Krise 2010. Doch aus den Fehlern der Vergangenheit sollte man Griechenland & Co. heute keinen Strick drehen. Ohne fiskalpolitische Disziplin geht es nicht. Aber ohne Wirtschaftswachstum kommt Griechenland nicht aus der Krise.

Frederick Taylor erklärt in seinem aktuelle Buch

Reicht entschiedenes Handeln der Regierungen, um die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Oder sollte die Politik auch durch die Europäische Zentralbank flankiert werden?

Notenbanken stehen immer wieder unter dem Druck der Regierungen. Die Vertreter der Weimarer Republik drängten die Bundesbank nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags zu einer immer lockeren Geldpolitik. Die Folgen sind bekannt. Heute gibt es auf die Europäische Zentralbank aus 17 europäischen Hauptstädten Druck und Forderungen. Nein, eine Notenbank sollte niemals Politik betreiben und nie genötigt werden, Regierungen zu assistieren.

Die EZB ist in der Krise immer mehr zu einer heimlichen Regierung geworden. Sie pumpt massiv Geld in den Markt, um die Wirtschaft anzukurbeln, erklärt aber, rechtzeitig auf die Bremse zu treten. Wie glaubhaft ist die Bekenntnis der Notenbank?

Es ist ein Drahtseilakt. Es ist sehr sehr schwer, den entscheidenden Moment zu finden, die geldpolitischen Zügel wieder anzuziehen. Kommt man zu spät, galoppiert die Inflation möglicherweise schon und dann wird es immer schwerer, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Im Moment sind die inflationären Tendenzen in der Euro-Zone aber gering.

Auch hier muss man differenzieren. Künstlichen Niedrigzinsen sind schließlich auch eine Art Inflation und vernichten Vermögen. Wenn Sie nur 0,5 Prozent Zinsen auf Ihre Ersparnisse bei der Bank bekommen, die Inflationsrate aber 1,5 oder 2,0 Prozent beträgt, dann verlieren Sie schleichend Geld. Es braucht keine Hyperinflation, um Vermögen zu zerstören. Und ein zweiter Punkt ist entscheidend: Nicht ich muss überzeugt sein, dass die EZB rechtzeitig eingreift, sollte die Inflation anziehen, sondern die Bürger in Europa und die Investoren.  Man kann auch ohne hohe Inflationsraten das Vertrauen in eine Währung reduzieren. Die EZB ist auf dem besten Weg dahin.

 

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