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Freytags-Frage

Is it Live or is it Dead?

..oder: Das Geschäftsmodell der Grateful Dead. Die Rockband hat ihr letztes Konzert gegeben. Damit verlässt eine Band die Bühne, die den Kapitalismus in seiner besten Form gelebt hat.

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Grateful Dead: Phil Lesh, from left, Bill Kreutzmann, Bob Weir, Mickey Hart Quelle: AP

Die Grateful Dead haben in Chicago ihre Abschiedsvorstellungen gegeben. Zwanzig Jahre nach dem Tod von Jerry Garcia und fünfzig Jahre nach ihrer Gründung haben die überlebenden Bandmitglieder  beschlossen, sich als Band zu verabschieden. Bleibt dennoch zu hoffen, dass die überlebenden Gründungsmitglieder, allesamt Herren im Rentenalter, aber ohne Pensionärshaltung, nämlich Bob Weir, Phil Lesh, Bill Kreutzman, Mickey Hart und Robert Hunter, auch in den kommenden Jahren noch weiter spielen werden.

Was macht die Dead aus, damit sie in einer wirtschaftspolitischen Kolumne auftauchen? Neben ihrer vielseitigen, dynamischen und großartigen Musik, die die Geschichte nordamerikanischer Musik in einem unverwechselbaren Stil auffängt und umfasst, zeichnet sich die Band durch ein interessantes Geschäftsmodell aus. Nebenbei bemerkt: Nebenbei bemerkt: Die akademische Welt befasst sich regelmäßig mit dem Phänomen.

Die besten Rocksongs über Geld
Muse: AnimalsAuf dem jüngsten Album „The 2nd Law“ beschreibt Muse-Sänger und –Komponist Matthew Bellamy mit „Animals“ die Rücksichtslosigkeit des Finanzsystems. Der Text ist eine ironische Aneinanderreihung von Börsenweisheiten, inklusive des berüchtigten „Buy, when blood is on the street.“ Das Lied endet mit der Aufforderung „Kill yourself Come on and do us all a favour“, gefolgt von der Geräuschkulisse des New Yorker Börsenparketts.  Quelle: AP
Pink Floyd: MoneyDas Album “The Dark Side of the Moon” von 1973 ist das erfolgreichste der legendären Art-Rock-Band Pink Floyd (hier Gitarrist Roger Waters bei einem Konzert 2013 in Bukarest). In „Money“, das mit dem rhythmischen Klappern einer Ladenkasse beginnt, werden die Freuden des Reichtums, aber auch seine Vergänglichkeit und die Verderbtheit der Gier besungen: „Money it’s a gas“, das Geld ist ein Gas – und dringt in alle Ritzen der menschlichen Existenz ein. Der Satz ist ein Zitat des französischen  Denkers Gilles Deleuze Quelle: AP
erJanis Joplin: Mercedes BenzDie große und erste weiße Meisterin des rauchigen Blues brachte zum Ausdruck, was Millionen träumen: „Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ? My friends all drive Porsches, I must make amends. Worked hard all my lifetime, no help from my friends, So Lord, won't you buy me a Mercedes Benz ?” Deutsche Luxus-Autos waren auch unter amerikanischen Rock-Größen der rebellischen 1960er Jahre stets ein Hit. Quelle: dpa
The Beatles: TaxmanDer von George Harrison (links) komponierte Eröffnungssong des Beatles-Albums „Revolver“ (1966) war eine offene Kritik an den hohen Steuern der damaligen britischen Labour-Regierung unter „Taxman“ Harold Wilson: „If you drive a car, I'll tax the street. If you try to sit, I'll tax your seat. If you get too cold I'll tax the heat. If you take a walk, I'll tax your feet” Das Thema hat natürlich nie an Aktualität verloren, oder wie Harrison einmal sagte: „There’s always a taxman“.   Quelle: dpa
Abba Quelle: dpa
The Smiths: Paint a vulgar pictureDie “Smiths” waren eine der stilbildenden Bands der 1980er Jahre. Ihr Sänger Morrissey (im Bild während eines Konzert im Januar 2013) inszeniert sich bis heute gerne als einsame Künstlernatur, der dem Treiben der Welt distanziert gegenübersteht. In seinem Smiths-Song „Paint a Vulgar Picture“ kritisiert er die Ausbeutung eines toten Sängers durch eine geldhungrige Plattenfirma:  “At the record company meeting. On their hands - a dead star. And oh, the plans they weave. And oh, the sickening greed.” Ja, wenn die krank machende Gier nicht wär! Quelle: AP
bDire Straits: Money for NothingDer größte Hit der Dire Straits von 1985 ist eine ironische Auseinandersetzung mit dem Musik-Geschäft. Er ist aus der Perspektive eine einfachen Menschen gesungen, der sich darüber empört, dass Rockstars „Geld für nichts“ bekommen und „Chicks for free“ obendrein. Komponist und Sänger Mark Knopfler behauptete, das Lied sei entstanden, nachdem er das Gespräch zweier Arbeiter in einem Plattenladen belauscht habe. Quelle: dpa

Die Band bzw. Ihre Mitglieder leben die Form des Kapitalismus, die jedem Ordnungspolitiker das Herz höher schlagen lassen würde – würden die Ordnungspolitiker die Grateful Dead nur kennen. Die Dead als Geschäftsleute sind innovativ, kreativ, verantwortungsvolle Arbeitgeber mit Blick auf die Stakeholders (Stichwort Corporate Social Responsibility) sowie gleichzeitig wohltätig und staatsfern.

Zeitlebens war ihr Geschäftsmodell darauf ausgerichtet, eine Gemeinschaft von Fans und Freunden zu schaffen, die die Live-Auftritte in großer Zahl besuchen würde, denn die Dead sind eine, wenn nicht die typische Live-Band. Enmtsprechend innovativ war die Band in technischer Hinsicht, wenn es um den Sound ging. Auf den Konzerten war es jedem Besucher immer gestattet, diese Konzerte mitzuschneiden und sog. Bootlegs zu produzieren. Andere Künstler verbieten dies, ohne zu verhindern, dass diese Aufnahmen gemacht werden und zirkulieren. Die Dead haben das Potential erkannt.

The Grateful Dead Quelle: dpa

Denn unter den Anhängern der Band – Deadheads genannt – hat sich schnell ein Markt für die Konzertaufnahmen gebildet. Dieser wurde natürlich dadurch gefördert, dass kein Konzert dem andern glich. In fünfzig Jahren wurden immer wieder neue Stücke gespielt, und es gab keine Touren mit streng vorgegebener Setlist. Das führte dazu, dass jedes Konzert anders war. Am Freitag den 3. Juli, war das Programm komplett anders als am Sonntag, den 5. Juli. Die Aufnahmen der Tapeheads sind legendär und zu einem Großteil heute offiziell veröffentlicht. Jeder Deadhead hat ein eigenes Lieblingskonzert.

Vorbildlicher Kapitalismus

Auf diese Weise bildete sich um die Grateful Dead Konzerte eine eigene Kultur heraus. Viele Fans reisten mit – bei der letzten Reise nach Europa im Herbst 1990 waren rund 2000 Amerikaner mit dabei, die z.B. der Stadt Essen ein eigentümliches Flair von “Flower Power“ gaben.

Diese Fans schufen einen Markt für Devotionalien aller Art, z.B. T-Shirts, Poster und eben für Schallplatten, Cassetten oder CDs. Auf diese Weise konnten alle im Umfeld der Dead ihren Lebensunterhalt verdienen.

Diese Musiker verdienen das meiste Geld
Platz 12: Jay ZJay Z musste sich seiner Gattin Beyoncé mit „nur“ 60 Millionen Dollar (48 Millionen Euro) und Rang zwölf in der Bestverdienerliste geschlagen geben. Quelle: AP
Platz 11: Taylor SwiftNicht einmal unter die ersten Zehn schaffte es Taylor Swift. Trotzdem läuft ihre Karriere rund. Den Beweis dafür liefert ihr Kontostand: 64 Millionen Dollar (52 Millionen Euro) verdiente sie dieses Jahr. Quelle: dpa
Platz 10: Toby KeithIn Deutschland spricht man nicht so gerne über das eigene Gehalt. Umso spannender, wenn man den Stars in den Geldbeutel schauen kann: Das US-amerikanische „Forbes Magazine“ hat wieder seine Liste der bestverdienenden Musikstars vorgelegt. Für 2014 finden sich smarte Rap-Mogule, R'n'B-Königinnen und fast vergessene Alt-Stars. Auf Platz zehn landet Toby Keith. Der hierzulande vergleichsweise unbekannte Countrysänger ist eine regelrechte Geldmaschine: Mit einem eigenen Musiklabel, einer Schnell-Restaurant-Kette und einem Agaven-Schnaps („Wild Shot“) verdiente der Superreiche mit Cowboyhut 65 Millionen Dollar (53 Millionen Euro). Quelle: AP
Platz 9: Calvin HarrisEr ist der bestverdienende DJ der Welt. Pro Live-Show soll Harris angeblich eine Gage von rund 150.000 Dollar kassieren – und davon spielt er im Jahr jede Menge. Schon im vergangenem Jahr meldete „Forbes“, dass Calvin Harris ein Vermögen von 33 Millionen Euro besitze – in diesem Jahr sind es 66 Millionen Dollar (54 Millionen Euro). Quelle: REUTERS
Platz 8: Paul McCartneyDas älteste Mitglied der Top Ten: Für den 72-Jährigen hat sich die diesjährige Tour allemal gelohnt. Für jede Stadt, in der er rockte, kassierte er mehr als 3,5 Millionen Dollar ein. Für das ganze Jahr ist da die stolze Summe von 71 Millionen Dollar (57 Millionen Euro) zusammengekommen. Quelle: dpa
Platz 7: One DirectionJetzt schon ausgesorgt: Sie haben nicht mal die 30 erreicht, verdienen aber schon mehr als alternde Rockstars. Mit einem Verdienst von 75 Millionen Dollar (60 Millionen Euro) landen die Jungs auf Rang sieben der musikalischen Großverdiener 2014 – dank einer Pepsi-Werbung und einem Nummer-eins-Album. Quelle: dpa
Platz 6: Justin BieberEine Überraschung in diesem Jahr: Justin Bieber muss sich in diesem Jahr mit Platz sechs begnügen – immerhin mit 80 Millionen Dollar (64 Millionen Euro). Auch wenn er dieses Jahr mehr Schlagzeilen mit Skandalen als mit seiner Musik machte, verdiente der Jungstar dank seiner Tour einige Millionen mehr. Quelle: AP

Darüber hinaus wurden diese und viele Millionen Deadheads über die Jahre treue Besucher der Konzerte und kauften nebenbei auch die offiziell verlegten Schallplatten und CDs. Zur Vermarktung letzterer gründeten die Dead ihr eignes Schallplatten-Label. Auch waren sie unter den ersten, die das Internet umfassend nutzten. Ihre Geschäfte wickelte die Band immer in einer Art Familienunternehmen ab, zu dem Dutzende von Freunden, Familienmitgliedern und Fans gehörten. Dem Vernehmen nach herrschte eine besondere Form der Mitbestimmung in diesem „Unternehmen“.

Zur Unterstützung von sozial Schwächeren, zur Förderung des Umweltschutzes und zur Hilfe von Künstlern gründete die Band bereits 1983 die Rex Foundation. Heute gründet nahezu jeder Künstler oder Sportstar eine Stiftung, damals war es neu und ungewöhnlich.

Schließlich zur Staatsferne: Es ist nicht vorstellbar, dass Jerry Garcia sich beim Landesmusikpreis des Kultusministers für Nachwuchsbands beworben hätte. Die Bandmitglieder waren bzw. sind zu sehr Individualisten, die sich ungern in eine Struktur einbinden lassen hätten. Die Band hat aber auch für ihre Verluste – z.B. durch das verwehte Konzert bei den Pyramiden von Gizeh 1978 – selber eingestanden.

Konjunktur



Wie gesagt, diese Art des mittelständischen – und individualistischen – Kapitalismus ist vorbildlich. Innovative Unternehmer mit großartigen weltweit nachgefragten Produkten: als Tipp für den Feierabend hier der Link zu Althea aus der WDR-Rocknacht im März 1981, ab Minute 55:45, mit einer fairen Unternehmensstrategie, die allen Beteiligten nützt, also neudeutsch eine win-win-Situation schafft, mit hoher Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber und einem bürgerschaftlichem Engagement: Die Väter der Sozialen Marktwirtschaft wären mit Sicherheit begeisterte Deadheads gewesen!

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