Freytags-Frage

Müssen wir uns auf Deflation einstellen?

Die Angst vor einem Preisverfall treibt die EZB um. Befürchtet wird eine Abwärtsspirale, die die Wirtschaft in der Euro-Zone schwächeln lässt. Doch wie wahrscheinlich ist eine Deflation in Deutschland überhaupt?

Zehn Tipps gegen die Deflation
Die Deflationsangst in der Euro-Zone ist weiterhin groß, in den vergangenen Monaten fiel die Inflationsrate eher mager aus. Doch für eine Panik gibt es keinen Grund. Wer die niedrige Teuerung ausschließlich verteufelt, tut ihr Unrecht. Quelle: AP
Deflation herrscht dann, wenn die Preise über einen längeren Zeitraum sinken. Eine wirtschaftliche Situation also, in der das Angebot an Waren und Dienstleistungen größer ist als die Nachfrage - das drückt die Preise. Verbraucher könnten dann eigentlich kaufen. Aber sie tun es nicht, weil sie annehmen, dass die Preise weiter sinken. Ein Einnahmeausfall ist die Folge. Was dagegen gemacht werden kann... Quelle: dpa
... der Staat sollte versuchen, durch eigene Investitionen die Nachfrage zu stimulieren. Das Sanieren von öffentlichen Gebäuden oder Investitionen in andere große Bauprojekte können ein erster Schritt sein. Quelle: dpa
Möglich wäre auch der Ausbau von neuen Bahnstrecken oder Autobahnen. Durch staatliche Investitionen sinkt zusätzlich die Arbeitslosigkeit, während der Konsum weiter steigt. Quelle: dpa
Ein weiteres Maßnahmenbündel wären Steuersenkungen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Im Detail bedeutet das: Die Senkung der Unternehmenssteuern schafft Anreize, um in die Produktion zu investieren; eine Senkung der Einkommenssteuer entlastet die Arbeitnehmer. Quelle: dpa
Die Senkung des Leitzinses könnte einer Deflation entgegen wirken, weil so günstigere Kredite vergeben werden können... Quelle: dpa
... aber es kann eben auch sein, dass das mal nicht klappt - wie in Japan. Der Staat kämpft bereits seit 1990 mit einer deflationären Entwicklung seiner Wirtschaft. Zinssenkungen sollten das eigentlich eindämmen, aber die Nachfrage hat sich dadurch trotzdem nicht verbessert. Der Leitzins liegt mittlerweile bei um die null Prozent. Quelle: REUTERS

EZB-Präsident Mario Draghi hat sich erneut mit der Sorge um das Preisniveau zu Wort gemeldet und den Ankauf von Staatsanleihen in Aussicht gestellt. Die Inflationsrate ist nicht zuletzt wegen des niedrigen und endlich an die Kunden weitergegebenen Ölpreises extrem gering. Im November lag sie im Durchschnitt der Eurozone bei 0,3 Prozent (Preisniveau im Vergleich zum Vorjahresmonat). Dabei fallen die recht großen Unterschiede zwischen den Mitgliedern ins Auge. In Österreich betrug die Inflationsrate 1,5 Prozent, in Deutschland 0,5 Prozent. In Griechenland (-1,2 Prozent) und Spanien (-0,5 Prozent) war sie negativ.

Das zeigt zweierlei: Erstens wird es für die EZB schwierig, eine Geldpolitik zu machen, die allen Ländern gerecht wird. Das gab es allerdings auch in Phasen deutlich höherer durchschnittlicher Inflation, und es gilt für jeden Währungsraum, also damals auch in der D-Mark-Zeit (auch zwischen Husum und Frankfurt gibt es eine unterschiedliche Preisentwicklung; die Inflationsrate in Frankfurt ist mit Sicherheit deutlich über der in Husum). Insofern ist dies ein Problem, das die Geldpolitik kennt und das lösbar erscheint.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Zweitens haben gerade die Länder, in denen die Inflationsrate niedrig bis negativ ist, fallende Kosten und damit fallende Preise nötig, damit die Wettbewerbsfähigkeit der dort ansässigen Unternehmen steigt. In der niedrigen Inflation drückt sich in gewisser Weise der Erfolg der Anpassungsstrategie und der wirtschaftspolitischen Reformen aus. Man muss auch davon ausgehen, dass die Preise wieder anziehen, wenn die Reformen wirklich durchschlagen. Insofern ist es grob fahrlässig, dort die Inflation anheizen zu wollen. Dieser Umstand macht nebenbei deutlich, dass es der EZB wohl nicht um Deflationsbekämpfung geht.

Ist Deflation wirklich das Problem?

Für diese Kolumne sind die Motive der EZB allerdings zweitrangig. Wichtig ist aber, ob Deflation wirklich das vorrangige geldpolitische Problem ist. Um dies beurteilen zu können, sollte man nochmals genauer auf die einzelnen Preise und deren Beiträge zur Inflation blicken. Ein wesentlicher Treiber der niedrigen Inflationsrate ist wie gesagt der sinkende Ölpreis.

Diese Entwicklung hat durchaus positive Wirkungen auf die Kaufkraft der Menschen. Die ökologischen Konsequenzen wären gesondert zu diskutieren. Fest steht außerdem, dass diese Tendenz nicht ewig anhalten wird. Man kann davon ausgehen, dass der Ölpreis früher oder später wieder steigen wird.

Wer vom billigen Öl profitiert – und wer verliert
Jemand arbeitet an einer Tragfläche eines Flugzeugs Quelle: PR
Autos Quelle: AP
Jemand greift nach Körperpflegeprodukten in einem Regal Quelle: REUTERS
Containerschiff Quelle: dpa
Lastwagen der Deutschen Post Quelle: dpa
Packungen mit Medikamenten Quelle: dpa
Anlage mit Tank, auf dem BASF steht Quelle: dpa

Außerdem ist es kein Ausdruck einer depressiven Stimmung, eines Abwartens, dass der Ölpreis fällt. Nur wenn die Menschen heute nichts kaufen, weil sie morgen eine weitere Preissenkung erwarten, und dann lieber bis übermorgen warten, wäre der Preisverfall wirklich gefährlich.

Der gesunkene Ölpreis ist nicht durch hiesige Konsumenten verursacht. Er ist vielmehr das Ergebnis strategischer Kalküle anderswo, und muss deshalb eher in die Kategorie Windfall-Profit eingeordnet werden. Denn im Winter muss geheizt werden, und viele Berufstätige brauchen das Auto unabhängig vom Spritpreis. Zusammengefasst: Der Ölpreisverfall ist kein Beleg für Deflation.

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