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Freytags-Frage

Welche Bedeutung haben Schwellenländer für die deutsche Wirtschaft?

Die wirtschaftliche Bedeutung der Schwellenländer hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Auch sind die wirtschaftlichen Beziehungen und der Außenhandel deutscher Unternehmen in diesen Ländern überproportional gewachsen. Wie kann die Bundesregierung die deutsche Wirtschaft in diesen Ländern unterstützen?

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Die wirtschaftliche Dynamik der Schwellenländer lässt sich nicht wegdiskutieren. Gerade die BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) sind recht stark gewachsen. Quelle: dpa

Vor kurzem merkte ein Vertreter der deutschen Industrie auf einem Workshop quasi nebenbei an, dass der deutsche Mittelstand in Zukunft seine Umsatzzuwächse ausschließlich in den Schwellenländern erzielen würde. Diese Bemerkung ließ aufhorchen, macht sie doch zweierlei deutlich: Erstens wird der entwickelten Welt nicht mehr sehr viel zugetraut, und zweitens setzen einige Akteure auf die neuen Märkte in Schwellenländern und Entwicklungsländern.

Diese Volkswirtschaften geben 2050 den Ton an
Skyline Berlin schön Quelle: dpa
Eine Frau verkauft Hülsenfrüchte Quelle: REUTERS
Platz 9: Russland und der IranDank erneut hoher Ölpreise und einer stark steigenden Konsumnachfrage ist das russische BIP im Jahr 2011 laut amtlicher Statistik um 4,3 Prozent gewachsen. Für die kommenden drei Jahre sagen die HSBC-Experten Wachstumsraten in ähnlicher Größenordnung voraus. Sie gehen davon aus, dass Russland bis 2050 durchschnittlich um 3,875 Prozent wächst. Damit würde das Riesenreich in der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt von Rang 17 (2010) auf Rang 15 steigen. Ebenfalls eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,875 Prozent bis 2050 prophezeit die britische Großbank dem Iran. Im Jahr 2011/2012 betrug das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge circa 480 Milliarden US-Dollar. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und Kfz-Industrie. Die Inflationsrate wird von offizieller Seite mit 22,5 Prozent angegeben, tatsächlich liegt sie bei über 30 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt offiziellen Angaben zufolge 11,8 Prozent. Quelle: dpa-tmn
Ginza-Viertel in Tokio Quelle: dpa
Mexikanische Flagge Quelle: dapd
Copacabana Quelle: AP
Baustelle in Jakarta Quelle: AP

Dies ist Anlass genug, einmal nachzuhaken. Drei Fragen sind hier von Interesse:

1. Sind die Industrieländer wirklich so schwach, dass von ihnen keine Dynamik mehr ausgeht?

2. Haben die Schwellenländer wirklich die hier angedeutete Bedeutung?

3. Und wenn dem so ist, wie kann die deutsche Politik die Wirtschaft unterstützen, wenn es darum geht, diese Märkte zu bedienen und langfristige Beziehungen und Strukturen aufzubauen?

Es ist mit Blick auf die erste Frage festzuhalten, dass die Industrieländer schon länger in einer Krise stecken. Japan ist dabei ein besonders schwieriger Fall, dauert die Strukturkrise doch schon über 20 Jahre. Die fehlende Kraft zu wirtschaftspolitischen Reformen wird mit Niedrigzinspolitik kompensiert, ohne dass nachhaltiges Wachstum erzielt würde. Der Eurozone droht ein ähnliches Schicksal, wenn die politischen Eliten nicht bald umschwenken und die (in den Mitgliedsländern unterschiedlich) notwendig gewordenen Reformschritte bald einleiten. Dann nämlich würden die Regierungen von den niedrigen Zinsen abhängig und Probleme müssten mit höheren Staatsausgaben verdeckt werden. Die USA weist etwas mehr Dynamik auf, steht aber ebenfalls vor enormen Herausforderungen. Stichworte sind beispielsweise Schuldenabbau auf allen Ebenen und Investitionen in die Infrastruktur. Insgesamt ist das Bild eher grau, und die oben zitierte Aussage zu Umsatzzuwächsen ist in dieser Hinsicht vermutlich realistisch.

Märkte von morgen

Was zweitens die Schwellenländer angeht, so kann die Dynamik der letzten Jahre nicht wegdiskutiert werden. Gerade die BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) sind recht stark gewachsen und haben dabei zum Teil (mit der Ausnahme Russlands und zum Teil Chinas) erhebliche Fortschritte hinsichtlich marktwirtschaftlicher Öffnung machen können. Allerdings sind im Moment auch Probleme und Rückschritte erkennbar, die wohl zu erwarten waren. So hat die wirtschaftliche Dynamik soziale Ungleichgewichte hervorgerufen, da nicht alle Menschen in den BRICS gleichermaßen am Aufschwung beteiligt worden sind. Es sind also Konsolidierung und sozialer Ausgleich erforderlich, um den Aufhol- und Wachstumsprozess besser zu legitimieren. Auch hat der Wachstumsprozess in den beteiligten Ländern die Korruption nicht beseitigen können.

Überproportional gewachsen

Die Wachstumsmärkte von morgen
Platz 9: MalaysiaMit einer verhältnismäßig kleinen Bevölkerung von 28 Millionen Einwohnern kann Malaysia kaum punkten. Auch die verhältnismäßig hohen Arbeitskosten von 15,6 Dollar (absolutes BIP geteilt durch BIP pro Person) machen das Land nicht außergewöhnlich attraktiv. Spannend ist Malaysia vielmehr als Beschaffungsmarkt. Die Befragten der Studie von Valuneer und ICC zu Trends internationaler Einkaufsmanager bewerteten den Markt überaus positiv. Quelle: Exklusivranking für die WirtschaftsWoche in Kooperation mit Valueneer. Für das Ranking wurde nach der Attraktivität als Absatz- sowie als Beschaffungsmarkt unterschieden und Indikatoren wie Lohnkosten, Wachstumsraten, Importvolumen, Rohstoffreichtum und Bevölkerungsgröße herangezogen und unterschiedlich gewichtet. Quelle: AP
Platz 8: GhanaDas afrikanische Land kann mit seinem starken Wachstums punkten. 2011 stieg das BIP um 13,5 Prozent. Kein anderer der 50 betrachteten Wachstumsmärkte wies solche Steigerungsraten auf. Dazu lockt Ghana mit günstigen Arbeitskosten. Allerdings gilt das westafrikanische Land nach wie vor als wenig sicher und sehr korrupt. Quelle: REUTERS
Platz 7: Polen Das Land punktet bei deutschen Investoren vor allem durch seine räumliche Nähe als günstiger Beschaffungsmarkt. Die politische Lage ist stabil. 39 Millionen Einwohner freuen sich über ausländische Waren. 2011 gingen immerhin Importe im Wert von 170 Milliarden Dollar ins Land. Auch wenn die Lohnkosten verhältnismäßig hoch sind - Polen bleibt ein attraktiver Markt. Quelle: dpa
Platz 6: AlgerienDas Land erreicht in keiner Kategorie Bestwerte, kann aber als Beschaffungsmarkt überzeugen (Platz 2). Einkaufsmanager sehen viel Potenzial, außerdem verfügt das Land über immense Rohstoff-Ressourcen im Wert von 72 Milliarden Dollar. Die Arbeitskosten sind mit 7,3 Dollar noch deutlich geringer als z.B. in der Türkei (14,5 Dollar) oder Mexiko (14,6 Dollar). Damit erreicht Algerien insgesamt Platz 6. Quelle: AP
Platz 5: TürkeiIm Ranking der besten Absatzmärkte erreicht die Türkei mit einer durchschnittlich kaufkräftigen, aber dafür umso größeren Bevölkerung von 75 Millionen Einwohnern einen guten dritten Platz. Im Jahr 2011 wuchs das BIP um satte 8,5 Prozent. Als Beschaffungsmarkt ist das Land dafür weniger attraktiv (Platz 10 von 50). Insgesamt: Platz 5. Quelle: dpa
Platz 4: MexikoBereits 328 Milliarden Dollar Direktinvestitionen flossen 2011 nach Mexiko - der höchste Wert im Ranking. Dazu locken 112 Millionen Einwohnern. Diese Kombination macht Mexiko zum zweitbesten Absatzmarkt der Welt für die deutsche Wirtschaft - so die Experten von Valuneer. Als Beschaffungsmarkt kann das Land weniger überzeugen: Platz 11. Insgesamt reicht es für Rang vier. Quelle: dpa
Platz 3: Südkorea1723 Dollar pro Kopf steckte Südkorea im Jahr 2011 in Forschung und Entwicklung - und damit mehr als alle anderen untersuchten Ländern. Als Beschaffungsmarkt belegt Südkorea den vierten Platz. Als Absatzmarkt überzeugt der asiatische Staat, weil er bereits im Jahr 2011 Importe im Wert von 525 Milliarden Euro einführte. Quelle: dpa

Dennoch sind die wirtschaftlichen Beziehungen und der Außenhandel deutscher Unternehmen in diesen Ländern überproportional gewachsen und geben zu Hoffnungen Anlass. Sollte sich der Wachstumsprozess in den Schwellenländern vertiefen, werden wohl tatsächlich Umsatzzuwächse größeren Ausmaßes möglich.

Bezieht man noch weitere Länder, z.B. in Lateinamerika oder Sub-Sahara Afrika in die Betrachtung ein, hellt sich das Bild noch etwas weiter auf. Denn auch für diese Länder wird ein stabiles Wachstum vorhergesagt. Mit wachsendem Einkommen wird vermutlich die Nachfrage nach hochwertigen deutschen Produkten - gerade im Investitionsgüterbereich - ansteigen, so dass auch von dieser Seite einige Impulse für die deutsche Exportwirtschaft zu erhoffen sind.

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Das führt drittens zu der Frage, wie die Bundesregierung die deutsche Wirtschaft in diesen Ländern unterstützen kann. Neben den wohl zum Standardrepertoire gehörenden Investitionsschutzabkommen und Exportversicherungen zählen auch gute diplomatische Beziehungen, innovative Strategien der Entwicklungszusammenarbeit und eine Initiative zum Abschluss der Doha-Runde.

Um nicht missverstanden zu werden: Diese diplomatischen Beziehungen dürfen durchaus mit kritischen Tönen hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen oder anderen Konflikten versehen sein. Sie sollten aber mit Verve geführt werden. So verwundert es doch sehr, dass zum 50. Jubiläum der Afrikanischen Union Ende Mai in Addis Abeba kein bekannter deutscher Politiker zugegen war; immerhin gab es ein auf der Website der Bundesregierung abgedrucktes Glückwunschschreiben. Es waren insgesamt wohl nur wenige Besucher von anderen Kontinenten anwesend, doch die deutsche Präsenz hätte hier sehr wohl positiv auffallen können.

Was die Entwicklungszusammenarbeit angeht, so ist ein Schwenk in der offiziellen Haltung nicht zu übersehen. Entwicklungszusammenarbeit wird nicht mehr als eine Einbahnstraße angesehen in dem Sinne, dass wir Entwicklungshilfe zahlen oder Projekte durchführen und uns dann wieder zurückziehen. In dieser Sicht wäre es geradezu unanständig, Entwicklungszusammenarbeit mit eigenen wirtschaftlichen Interessen zu verknüpfen. Das ist falsch und heute nicht mehr aktuell. Stattdessen werden Entwicklungszusammenarbeit und wirtschaftliche Zusammenarbeit zunehmend als Komplemente angesehen. Dies ist richtig, denn Wachstum in Entwicklungsländern wird durch Außenhandel viel mehr stimuliert als durch traditionelle Maßnahmen und Entwicklungshilfe.

Märkte genauer in den Blick zu nehmen

Stärken und Schwächen der BRIC-Staaten
Die Skyline der Millionen-Metropole Shanghai, China Quelle: REUTERS
Leute shoppen auf den Straßen von Sao Paulo, Brasilien Quelle: dapd
Der ehemalige brasilianische Präsident Lula da Silva mit ölverschmierten Händen auf einer Ölplattform vor Bacia De Campos Quelle: dpa
Indien befindet sich laut einer Studie der Weltbank zu den Rahmenbedingungen für unternehmerische Tätigkeiten nur auf Platz 132. Genehmigungen, Kredite bekommen, Vertragseinhaltung - alles ist auf dem Subkontinent mit erheblichen Aufwand und Unsicherheiten verbunden. Hinzu kommt Korruption, eines der größten Probleme für das Land. Transparency International listete Indien im Jahr 1999 noch auf Patz 72, elf Jahre später ist das Land auf Platz 87 im Korruptionsindex abgerutscht. Nicht nur für die ausländischen Unternehmen ist Korruption ein Ärgernis, weil sie stets fürchten müssen, dass Verträge nicht eingehalten werden. Korrupte Beamte und Politiker sind auch eine enormes Problem für die mittleren und unteren Schichten, denen schlicht das Geld zur Bestechung fehlt. Um öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die den Bürgern per Gesetz zustehen, müssen laut Transparency International mindestens 50 Prozent ihrer Befragten Bestechungsgelder zahlen. Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Analysten gehen davon aus, dass die Direktinvestitionen in Indien um ungefähr 31 Prozent zurückgegangen sind und aus dem indischen Aktienmarkt etwa 1,4 Milliarden Euro abgezogen worden sind. Besonders brisant: nach einer Studie der Washingtoner Global Financial Integrity Organisation leitete die Liberalisierung und Markt-Deregulierung im Jahr 1991 die Hochzeit der Korruption und des illegalen Geldtransfers ein. Im Bild: Der Antikorruptions-Aktivist, Anna Hazare, im August 2011 in Neu Delhi. Hazare ging für zwölf Tage in einen Hungerstreik, um gegen die grassierende Korruption seines Landes zu protestieren. Tausende Sympathisanten unterstützen den Aktivisten bis zum Schluss seiner Aktion. Quelle: dapd
Verkehrsstau auf dem Delhi-Gurgaon Expressway, in Neu Delhi, Indien. Quelle: AP
Im Bild: eine Fabrikarbeiterin in einer Textilfabrik aus der Provinz Anhui, China. Quelle: REUTERS
Im Bild: Ein Eierverkaufsstand in Jiaxing, Zhejiang Provinz. Quelle: REUTERS

Deshalb ist ein weiteres Instrument zur Unterstützung der deutschen Wirtschaft in den Schwellen- und Entwicklungsländern eine beherzte Initiative zum Abschluss der Doha-Runder der Welthandelsorganisation. Seit 2001 läuft die Runde, seit mehreren Jahren tritt sie auf der Stelle. Grund dafür sind vor allem die protektionistischen Agrarpolitiken in den Industrieländern. Besonders perfide sind die Förderung der Baumwoll- und der Erdnussproduktion in den USA sowie die Zuckerförderung in der EU. Leider hat die EU gerade einen Rückschritt vollzogen.

Nachdem in den vergangenen Jahren eine Entkoppelung der Förderung der Landwirte von ihrer Produktion stattgefunden hatte, wurde sie vor wenigen Tagen wieder teilweise zurückgenommen. Die Bundesregierung sollte in dieser Frage endlich über ihren Schatten springen und die Agrarmarktöffnung vorantreiben. Die deutsche Wirtschaft und ihre Mitarbeiter haben sehr viel zu gewinnen, von den deutschen Konsumenten nicht zu reden.

Konjunktur



Insgesamt sind die Aussichten der Schwellen- und Entwicklungsländer in der Zukunft nicht schlecht. Angesichts der Strukturschwäche der Industrieländer, deren Ende nicht abzusehen ist, wäre es grob fahrlässig von der Wirtschaft, aber auch von der Bundesregierung, diese Märkte nicht genauer in den Blick zu nehmen.

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