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Freytags-Frage

Welche Rolle spielen Ökonomen in der Gesellschaft?

Als Ökonom wird man mit der These konfrontiert, die Ökonomen hätten in der Krise versagt, weil sie sie nicht vorhergesagt haben. Die Eurokrise zeige deutlich die Schwächen dieser Berufsgruppe auf.

Ein Plädoyer für eine vielfältige Wirtschaftswissenschaft. Quelle: Fotolia

Richtig ist daran natürlich erstens, dass die Krise wirklich nicht vorhergesagt wurde, zumindest nicht in dieser Schärfe. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen gibt es keine eindeutige Wahrheit der Ökonomik. Dazu ist die Realität viel zu komplex; es gibt kaum klare Kausalitätsbeziehungen; vieles ist Einschätzungssache. Anders als Naturwissenschaftler können Sozialwissenschaftler - und dazu sind Ökonomen wohl zu zählen - keine kontrollierten Experimente durchführen. Sie konstruieren statt dessen theoretische Modelle über Kausalitätsbeziehungen, die dann mittels statistischer Methoden und vorliegender Daten getestet werden. Es werden dabei politische Rahmenbedingungen vorausgesetzt, die natürlich eine gewisse Konstanz aufweisen müssen.

Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten. Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Die Vorhersagekraft solcher Modelle hängt erst recht von der Konstanz der Rahmenbedingungen ab. Und da liegt das Problem hinsichtlich der Krisen. Denn sowohl die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise als auch die europäische Staatsschuldenkrise waren das Ergebnis eines grandiosen Politikversagens mit plötzlichem Politkwechsel. Im ersten Fall führte die als Eigenheimförderung ausgestaltete amerikanische Sozialpolitik im Verbund mit laxer Geldpolitik und innovativem (aber nicht unbedingt gemeinwohlorientiertem) Verhalten der Finanzmarktakteure (Stichwort strukturierte Anlageobjekte) zum Aufbau und zum Platzen einer Immobilienblase. Die Eurokrise ist vor dem Hintergrund der Notwendigkeit konstanter Rahmenbedingungen ebenfalls ein Problem für Prognostiker. Sie ist das Ergebnis unsolider Fiskalpolitik im Verbund mit zumindest ideenreicher – manche meinen sogar rechtswidriger - Interpretation der Regeln der EWU. Anders gewendet: Die Regeln der EWU galten nur solange, wie es den Eliten passte; das wurde in der Tat in vielen makroökonomischen Modellen nicht berücksichtigt.

Ökonomen dafür verantwortlich zu machen, dass sie unverantwortliches Handeln der politischen Eliten nicht korrekt antizipiert hätten, ist aber nicht schlüssig. Was würde es für einen Aufschrei in der Politik hervorrufen, wenn in den makroökonomischen Modellen der Bundesbank oder der Wirtschaftsforschungsinstitute systematisch eine Variable für kriminelle Energie europäischer Politiker eingebaut würde und diese auch noch zum Standardwissen in den Lehrbüchern erhoben würde?

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