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Freytags-Frage

Wohin entwickelt sich die Volkswirtschaftslehre?

Jahrelang wurde die Volkswirtschaftslehre von Theoretikern dominiert. Ob Klimawandel oder Armut – viele Themen sind zu kurz gekommen. Warum die Zeit der angewandten Forscher gekommen ist und wie das die VWL verändert.

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Nobelpreisträger Angus Deaton befasst sich mit aktuellen Themen wie der Ursache der Flüchtlingskrise Quelle: dpa

Am Montag hat die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm Angus Deaton mit dem „Wirtschaftsnobelpreis“ ausgezeichnet. Professor Deaton hat sich mit Armut und Konsumverhalten beschäftigt und ist ein profunder Kenner der Entwicklungspolitik und ihrer Probleme. Seine empirischen Studien basieren auf eigenen theoretischen Arbeiten, einem eigenen empirischen Modell und eigenen Datenerhebungen, die aber von ihm selber ständig weiterentwickelt wurden; sie sind also schlüssig in seine Forschungsagenda integriert.
Auch die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen sind darauf aufgebaut. Damit unterscheidet sich Deaton wohltuend von den permanent in der Öffentlichkeit polemisierenden Nobelpreisträgern Stiglitz und Krugman, deren großartige theoretische Arbeiten wenig Eingang in ihre wirtschaftspolitischen Vorschläge gefunden haben.

Der Wirtschaftsnobelpreis: Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre

Der Bedarf an theoretischer Forschung sinkt

Mit seinen Arbeiten hat Deaton direkt viele Entwicklungsorganisationen beraten und war damit einflussreich. Der Nobelpreis 2015 geht also an einen angewandten Forscher, der ein wirklich wichtiges Themenfeld (Armutsbekämpfung und Entwicklung) mit innovativen Methoden behandelt und sich nicht vor wirtschaftspolitischen Aussagen drückt. Dazu kann man der Akademie in Stockholm (und natürlich dem Preisträger selber) nur gratulieren.

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    Diese Verleihung – wie auch diejenigen zuvor – deutet zudem an, in welche Richtung sich die Volkswirtschaftslehre entwickelt hat und auch weiter entwickeln dürfte. Der Erkenntnisfortschritt in theoretischer Hinsicht dürfte im Zeitablauf geringer werden. Denn die meisten Zusammenhänge scheinen theoretisch erforscht; Neues dürfte bestenfalls inkrementell sein. Insofern scheint der Bedarf an theoretischer Forschung eher abzunehmen als zu wachsen.

    Wichtiger hingegen wird mit Sicherheit die angewandte Forschung werden, denn es gibt zahlreiche ungelöste Probleme in der Weltwirtschaft.

    Armut als Ursache der Flüchtlingskrise

    Die Armutsbekämpfung ist eines der drängendsten, wie die Preisverleihung an Angus Deaton auch dokumentiert. Daran hängt sehr vieles: Ein großer Anteil der Flüchtlinge, die zur Zeit an Europas Grenzen auf Einlass und auf Teilhabe am Wohlstand drängen, kommen wegen der großen Armut und der Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern. Es ist davon auszugehen, dass die meisten von ihnen die Wanderung nicht als erste Option in ihren Lebensentwürfen geplant haben, sondern ihr Glück lieber zuhause und mit ihren Familien und Freunden suchen würden. Armutsbekämpfung vermindert wohl Flüchtlingsströme.

    Zehn Mythen über den Nobelpreis

    Ein anderes – verwandtes – Thema ist der mit Wachstum verbundene Umwelt- und Klimawandel. Hier können Ökonomen wenig zu den naturwissenschaftlichen Zusammenhängen sagen. Sie können aber sehr wohl Hinweise zur Organisation der weltweiten Ressourcennutzung, also der Allokation geben. Gerade in Verbindung mit der angestrebten Entwicklung vieler Regionen wird die Ressourcennachfrage eher steigen als sinken mit der Folge steigender klimaschädlicher Emissionen. Die Wahl eines Mechanismus zur Eindämmung dieser Emissionen ist entscheidend dafür, ob die Reduktion gelingt. Ökonomen haben einige Optionen aufgezeigt, die über Apelle und Verbote hinausgehen und erfolgversprechend sind.

    Handelshemmnisse belasten ärmere Bevölkerungsschichten

    Damit sind auch Verteilungsfragen im Allgemeinen angesprochen. Denn neben der Armut und der Zuteilung von Emissionsrechten bestehen auch in den reichen Ländern Verteilungsprobleme, die weitgehend politische Ursachen haben. Die Volkswirtschaftslehre bietet einige Erklärungen für politische Entwicklungen, denn die anreiztheoretischen Überlegungen gelten nicht nur für Konsumenten und Unternehmen, sondern auch für Politiker und die Verwaltung. Mit entsprechenden Regelsystemen kann zu einer gerechteren Verteilung beigetragen werden.

    Als Beispiel dafür kann man die internationale Handelspolitik heranziehen. Obwohl Handelshemmnisse bekanntermaßen zu gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsverlusten im Inland und im Ausland beitragen, sind sie ein beliebtes politisches Instrument. Ihr Hintergrund ist dabei zumeist ein verteilungspolitischer Konflikt. Man denke nur an die Sicherung der heimischen Landwirtschaft oder der heimischen Textilindustrie.

    Wer schon den Friedensnobelpreis bekam
    2017Mit dem Friedensnobelpreis 2017 für die internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican) hat die Jury ein klares Signal für ein Verbot von Atomwaffen gesetzt. „Wir leben in einer Welt, in der das Risiko, dass Atomwaffen zum Einsatz kommen, größer ist als lange Zeit“, sagte die Chefin des norwegischen Nobel-Komitees Berit Reiss-Andersen am Freitag. „Wir senden Botschaften an alle Staaten, vor allem die mit Atomwaffen.“ Sie seien aufgefordert, ihre Verpflichtungen zum Verzicht auf Nuklearwaffen einzuhalten. Ican erhält die weltweit wichtigste politische Auszeichnung unter anderem für ihre „bahnbrechenden Bemühungen um ein vertragliches Verbot solcher Waffen“. Die Organisation hat maßgeblich am UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen mitgewirkt, der im Juli unterzeichnet wurde und von 122 Staaten unterstützt wird. Quelle: dpa
    Nobelpreis 2015 Santos Quelle: AP
    2015Den Friedensnobelpreis 2015 erhielt das tunesische Quartett für den nationalen Dialog - für die Bemühungen, eine pluralistische Demokratie in Tunesien im Zuge des Arabischen Frühlings aufzubauen. Es stieß einen friedlichen politischen Prozess an, als das Land kurz vor dem Ausbruch eines Bürgerkriegs stand. Das Quartett besteht aus dem tunesischen Gewerkschaftsverband (UGTT), dem Arbeitgeberverband (UTICA), der Menschenrechtsliga (LTDH) und der Anwaltskammer. Diese vier Mitglieder repräsentieren verschiedene Bereiche und Werte in der tunesischen Gesellschaft: das Arbeitsleben, die staatliche Fürsorge, Grundsätze des Rechtsstaates und die Menschenrechte. Quelle: BR Quelle: dpa
    Friedensnobelpreis für Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai Quelle: dpa
    2013 Mit den Chemiewaffen-Vernichtern der OPCW wurde ebenfalls eine Organisation ausgezeichnet. Quelle: dpa
    2012Der Friedensnobelpreis geht an die Europäische Union. Die EU erhalte die Auszeichnung, weil sie "mehr als sechs Jahrzehnte zur Verbreitung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen hat", begründete der Vorsitzende des Norwegischen Nobelkomitees, Thorbjörn Jagland, in Oslo am Freitag die Entscheidung. Die EU war bereits mehrfach als möglicher Träger des Friedensnobelpreises gehandelt worden. Quelle: Handelsblatt Online
    2010Sehr zum Ärger der chinesischen Machthaber zeichnet das Nobelkomitee den chinesischen Regimekritiker Liu Xiaobo (rechts) aus. Er unterstützte im Dezember 2008 mit 302 anderen chinesischen Intellektuellen das im Internet veröffentlichte Bürgerrechtsmanifest Charta 08. Quelle: REUTERS

    Diese Maßnahmen treffen die Ärmsten in den reichen Ländern, die einen sehr hohen Anteil ihres Einkommens für Nahrung und Kleidung ausgeben müssen, und die Entwicklungsländer gleichermaßen; sie tragen damit zumindest indirekt zu den Wanderungsbewegungen bei.

    Der Zwang zur Spezialisierung gefährdet die Volkswirtschaftslehre

    Was die Volkswirtschaftslehre wirklich kann, ist somit das Denken in Zusammenhängen; früher nannte man das Denken in Ordnungen. Um im Beispiel zu bleiben: Es reicht nicht festzustellen, dass Milchquoten den bedrohten Landwirten helfen (und damit vordergründig gerecht und fair erscheinen). Man muss die Zweit- und Drittrundeneffekte sehen. Denn mit der Unterstützung einer Gruppe erzwingt man Ausweichreaktionen bei anderen Gruppen (unter anderem den Landbewohnern in Sub-Sahara Afrika), die möglicherweise neue Probleme erzeugen.

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      Die Politik neigt dazu, diese Probleme dann erneut isoliert anzugehen und so eine Interventionsspirale zu erzeugen, ohne wirkliche Lösungen zu erreichen. Ökonomen sind hier hilfreich und weisen spezielle Expertise im Aufspüren dieser Zusammenhänge auf.

      Konjunktur



      Diese Expertise droht allerdings dadurch verschüttet zu werden, dass der Zwang zur Publikation eine immer tiefere Spezialisierung bei jungen Forscherinnen und Forschern der Volkswirtschaftslehrte erfordert, die dann nicht mehr zum Denken in Ordnungen gezwungen werden und es wohl nicht mehr erlernen. Deshalb muss die Volkswirtschaftslehre darauf achten, dass angewandte Forschung in den Rankings entsprechend gewürdigt wird. Ansonsten droht sie in der Tat irrelevant zu werden.

      Die Auszeichnung der Königlichen Akademie an Professor Deaton ist ein gutes Signal in diese Richtung.

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