WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Fünf Indikatoren im Überblick Altmaier hebt Konjunkturprognose an – doch die Sorgen bleiben

Wie schnell kommt die deutsche Wirtschaft aus der Krise? Ein neuer „Recovery Monitor“ gibt Antworten. Quelle: imago images

Deutschlands Wirtschaft steuert auf den nächsten Lockdown zu, trotzdem hebt Altmaier die Konjunkturprognose an. Der aktuelle „Recovery Monitor“ der WiWo zeigt, wo es vergleichsweise gut läuft und wo Gefahr droht.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Mehr Corona-Neuinfektionen, mehr politisch verfügte Kontaktverbote und nun auch noch ein neuer Lockdown ab dem 2. November: Die Risiken für die deutsche Konjunktur nehmen dramatisch zu. Daher kann es nicht verwundern, dass der Geschäftsklimaindex des Münchner ifo Instituts im Oktober zum ersten Mal seit April wieder gefallen ist. Besonders im Dienstleistungssektor, in dem soziale Kontakte eine große Rolle spielen, trübt sich die Stimmung der Unternehmen ein. Dagegen hat sich das Klima in der Industrie, wohl nicht zuletzt aufgrund der anziehenden Nachfrage aus China, zuletzt leicht verbessert.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hob die Konjunkturprognose für das laufende Jahr trotz des Teil-Lockdowns im November am Freitag leicht an. Das Wirtschaftsministerium rechnet demnach mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland von 5,5 Prozent. Anfang September hatte das Wirtschaftsministerium noch ein Minus von 5,8 Prozent vorhergesagt. Finanzminister Olaf Scholz sieht in der aktuellen Konjunkturprognose Grund für Zuversicht. „Wir stehen in diesem Jahr deutlich besser da als im Frühjahr befürchtet“, sagte der Vizekanzler am Freitag. Allerdings hieß es aus dem Wirtschaftsministerium: „Nur wenn es uns gelingt, die Kurve der Neuinfektionen wieder abzuflachen, kann sich der Erholungsprozess unserer Wirtschaft dauerhaft fortsetzen und schwerer Schaden für Unternehmen und Beschäftigte verhindert werden.“

Hochfrequente Aktivitätsindikatoren, die die Commerzbank für die WirtschaftsWoche berechnet hat, bestätigen das Bild einer gespaltenen Konjunktur. Während der Einzelhandel und das Gastgewerbe leiden, laufen die Geschäfte im Verarbeitenden Gewerbe passabel. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Bricht der Dienstleistungssektor ein, fehlt der Industrie ein wichtiger Absatzmarkt. Im Folgenden ein Überblick über die Sektoren.



Die Entwicklung der einzelnen Indikatoren erklärt

Einzelhandel:
Im Einzelhandel lässt die Kundenfrequenz bereits deutlich nach. In der vergangenen Woche lag die Anzahl der Kunden im stationären Einzelhandel im Sieben-Tage-Durchschnitt um rund 12 Prozent niedriger als vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang des Jahres. Ausschlaggebend dafür dürfte die Sorge der Menschen vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus sein. Die Ermahnungen von Seiten der Politik, soziale Kontakte auf ein Minimum zu beschränken, zeigen Wirkung. Damit hat sich die Situation im Handel seit Mitte September – damals war die Anzahl der Neuinfektionen noch vergleichsweise gering - deutlich verschlechtert. Im Spätsommer lag die Kundenfrequenz in den Geschäften noch über dem Vorkrisenniveau. Während die Kunden den stationären Einzelhandel zunehmend meiden, weiß sich der Versandhandel vor Bestellungen kaum zu retten. Das Online-Geschäft brummt. 

Restaurants:
Ähnlich wie im stationären Einzelhandel sieht die Lage im Gastgewerbe aus. Die Menschen halten sich mit sozialen Kontakten zurück. Daher meiden sie Besuche von Restaurants, Kneipen und Bars. Nach Angaben der Reservierungsplattform Open Table lagen die Restaurantbesuche in der vergangenen Woche im Sieben-Tage-Durchschnitt um rund 9 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Im Juli und August hatten sie ihr Vorjahresniveau noch um mehr als 20 Prozent überschritten. Damals hatte die Möglichkeit im Freien zu Speisen die Menschen in Scharen in die Restaurants gelockt. Mit Beginn der kalten Jahreszeit entfällt diese Möglichkeit, auch wenn viele Restaurants versuchen, das Speisen an der frischen Luft mit Wärmepilzen attraktiv zu gestalten. Die Ökonomen der Commerzbank fürchten, dass der Umsatz im gesamten Gastgewerbe auf eine erneute Flaute zusteuert. 

Personennahverkehr:
Normalerweise zählt der öffentliche Personennahverkehr im Herbst und Winter mehr Fahrgäste, da viele Pendler in der dunklen Jahreszeit vom Fahrrad und Motorrad auf die Bahn umsteigen. Davon kann derzeit jedoch keine Rede sein. Die Nutzung von Bus und Bahn hat zuletzt deutlich nachgelassen. Anfang der Woche nutzten 34 Prozent weniger Personen den öffentlichen Nahverkehr als Anfang des Jahres. Zu Beginn des Monats hatte das Minus nur bei 14 Prozent gelegen. Offenbar arbeiten wieder mehr Menschen von zu Hause, um eine drohende Ansteckung in den Massenverkehrsmitteln zu vermeiden. Während des Lockdowns im April war das Fahrgastaufkommen allerdings doppelt so stark eingebrochen. Damals lag es um mehr als 70 Prozent unter dem Niveau zu Jahresbeginn. 

Stromverbrauch:
Der Stromverbrauch hat sich normalisiert. Zuletzt lag er im Sieben-Tage-Durchschnitt leicht über dem Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2019. Das deutet darauf hin, dass sich die Industrie erholt. Auf sie entfällt der größte Teil des gewerblichen Stromverbrauchs. Im September lag dieser noch um etwa 5 Prozent unter dem Schnitt der Jahre 2017 bis 2019, im Mai und Juni hatte das Minus zum Teil bei mehr als 10 Prozent gelegen. Ob sich der im Stromverbrauch widerspiegelnde Aufwärtstrend der Industrie fortsetzt, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung der Auslandskonjunktur ab. Sollte diese im Gefolge der vielerorts verfügten Lockdown-Maßnahmen einbrechen, dürfte darunter auch die Nachfrage nach deutschen Industrieprodukten leiden. 

Lkw-Verkehr:
Der LKW-Verkehr unterschreitet das Niveau aus dem Vorkrisenmonat Februar mit einem Minus von 1,4 Prozent nur noch leicht. Im April, zur Hochzeit des Lockdowns, hatte das Minus bei rund 15 Prozent gelegen. Dass der LKW-Verkehr sich wieder auf sein Vorkrisenniveau zubewegt, ist ein Zeichen für die Erholung der Industrie. Sie ist ein wichtiger Auftraggeber für das Speditionsgewerbe. Auch hier gilt allerdings: Der weitere Fortgang der Dinge ist von der Nachfrage nach deutschen Produkten aus dem Ausland und damit vom dortigen Infektionsgeschehen abhängig.

Die Methodik im Detail

Indikator Stromverbrauch: Rund drei Viertel des in Deutschland verbrauchten Stroms entfallen auf den Unternehmenssektor, allein die Industrie steht für fast 50 Prozent des Gesamtverbrauchs. Daher lässt sich für die vergangenen Jahre ein Zusammenhang zwischen dem Stromverbrauch und der Industrieproduktion sowie dem Bruttoinlandsprodukt nachweisen. Die Rohdaten zum Strom werden von der Bundesnetzagentur im 15-Minuten-Takt zur Verfügung gestellt. Um natürliche Schwankungen auszugleichen, geht in den „Recovery Monitor“ ein Sieben-Tage-Durchschnitt ein, der mit der durchschnittlichen Entwicklung der vergangenen drei Jahre verglichen wird.

Indikator ÖPNV: Wenn das wirtschaftliche Leben Fahrt aufnimmt, gehen auch wieder mehr Menschen zur Arbeit oder zum Einkaufen – und fahren dann auch häufiger mit Bus und Bahn. Um die Nutzerzahlen im ÖPNV zu messen, verwenden die Commerzbank-Ökonomen anonymisierte Daten der Reiseplanungs-App Moovit, und zwar aus den Städten Hamburg, München, Berlin und Bremen sowie den Regionen Rhein-Main und Rhein-Ruhr. Verglichen wird ein Sieben-Tage-Durchschnitt mit einer typischen Woche der Vor-Corona-Zeit (6. bis 12. Januar 2020).

Indikator Kundenfrequenz im Handel: Volle Geschäfte machen logischerweise mehr Umsatz als leere: Die Ökonomen analysieren daher, wie viele Kunden (beziehungsweise Mobiltelefone) sich in Einzelhandelsgeschäften (ohne Lebensmittel) befinden. Verglichen werden die aktuellen Werte mit dem Median der entsprechenden Wochentage zwischen dem 3. Januar und 6. Februar, also vor dem Shutdown.

Indikator Restaurantbesuche: Beleben sich Wirtschaft und soziales Leben, verlassen die Leute auch häufiger das Haus – und gehen zum Beispiel essen. Mithilfe einer Reservierungsplattform analysieren die Commerzbank-Ökonomen, wie sich die Zahl der abendlichen Restaurantbesuche entwickelt.

Indikator Lkw-Verkehr: Über 80 Prozent des Güterverkehrs in Deutschland läuft über die Straße. Lahmt die Wirtschaft, werden weniger Waren transportiert – und umgekehrt. Insofern lassen sich Rückschlüsse auf die Industrieproduktion ziehen. Wie stark der Warenverkehr zu- oder abnimmt, lässt sich mithilfe der Lkw-Mautdaten erfassen, die das Statistische Bundesamt wöchentlich aktualisiert.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%