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Fünf Indikatoren im Überblick Der verlängerte Lockdown spaltet die Wirtschaft

Fünf Indikatoren im Überblick: Der verlängerte Lockdown spaltet die Wirtschaft Quelle: Getty Images, dpa, Montage

Bund und Länder haben beschlossen, den Lockdown zu verlängern und zu verschärfen. Das dürfte die unter den Schließungen bisher schon leidenden Branchen und Unternehmen weiter belasten. Der Riss zwischen Industrie und Dienstleistern wird tiefer.

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Bund und Länder haben sich darauf geeinigt, den Lockdown bis zum 14. Februar zu verlängern. Zudem müssen Arbeitgeber ihren Beschäftigten, wo möglich, das Arbeiten im Homeoffice erlauben. Öffentliche Verkehrsmittel dürfen nur noch mit medizinischen Masken benutzt werden. Besonders der Dienstleistungssektor dürfte unter dem verlängerten Shutdown leiden. Dagegen laufen die Geschäfte in der Industrie, nicht zuletzt aufgrund der weiterhin hohen Nachfrage aus China, erstaunlich gut.

Hochfrequente Aktivitätsindikatoren, die die Commerzbank für die WirtschaftsWoche berechnet hat, bestätigen das Bild einer gespaltenen Wirtschaft. Während der stationäre Einzelhandel und das Gastgewerbe am Boden liegen, klingeln die Kassen bei den Online-Händlern. Und im Verarbeitenden Gewerbe haben die Bestelleingänge das Vorkrisenniveau längst wieder überschritten. Insgesamt allerdings dürften die Einbrüche bei den Dienstleistern stärker auf die gesamtwirtschaftliche Produktion durchschlagen als die Aufwärtsbewegung in der Industrie.

Experten rechnen daher für das erste Quartal mit einem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts um bis zu zwei Prozent gegenüber dem Vorquartal. Hier ein Überblick über die einzelnen Sektoren.



Die Entwicklung der einzelnen Indikatoren

Einzelhandel:
Vor rund einem Monat, mitten im Weihnachtsgeschäft, mussten die Einzelhandelsgeschäfte schließen. Ausgenommen davon sind Supermärkte, Apotheken, Optiker und Drogeriemärkte. Im übrigen Einzelhandel sind seither nur noch Click & Collect-Käufe erlaubt. Entsprechend ist die Kundenfrequenz im Handel (ohne Lebensmittel) eingebrochen. In der vergangenen Woche lag die Anzahl der Kunden im stationären Einzelhandel im Sieben-Tage-Durchschnitt um rund 61 Prozent niedriger als vor dem Ausbrauch der Corona-Pandemie Anfang des Jahres. Damit ist der Einbruch ebenso stark wie während des ersten Lockdowns im Frühjahr.

Dennoch: Der Einzelhandel hat im gesamten vergangenen Jahr preisbereinigt einen kräftigen Umsatzzuwachs von voraussichtlich mehr als vier Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielt. Maßgeblich dafür war der Boom im Onlinehandel. Von Januar bis November legte der Umsatz der Versandhändler um 23 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum zu. Möbel und Einrichtungsgegenstände verkauften sich im vergangenen Jahr ebenfalls wie warme Semmeln (plus sechs Prozent). Schlecht lief es hingegen für die Anbieter von Textilien und Schuhen (minus 21 Prozent). Wer im Homeoffice arbeitet, braucht halt weniger neue Hemden, Hosen und Schuhe.

Restaurants:
Noch düsterer als beim stationären Einzelhandel sieht die Lage im Gastgewerbe aus. Der Umsatz in der Branche liegt am Boden. Kneipen, Restaurants und Clubs sind geschlossen und werden es in den nächsten Wochen bleiben. Die Restaurantbesuche liegen daher faktisch um 100 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Im Juli und August konnten sich die Restaurants noch über bis zu 30 Prozent mehr Gäste freuen als im Vorjahr. Als die Neuinfektionszahlen im Oktober dann wieder nach oben sprangen, gingen die Restaurantbesuche auf Talfahrt.

Konjunkturexperten rechnen damit, dass es nach dem voraussichtlichen Ende des Lockdowns im Frühjahr einen Ansturm auf Clubs, Kneipen und Restaurants geben wird. Profitieren werden davon allerdings nur jene Betriebe, die die umsatzlose Zeit überleben. Wundern könnten sich die Gäste jedoch über die Preise, die dann für Speisen und Getränke aufgerufen werden. Viele Gastwirte dürften versuchen, die Umsatzverluste aus der Zeit des Lockdowns durch Preiserhöhungen auszugleichen.

Personennahverkehr:
Die Bundesregierung hat die Beschäftigten aufgefordert, möglichst von zu Hause aus zu arbeiten, um die Ansteckungsgefahr in den Betrieben und im öffentlichen Nah- und Fernverkehr zu reduzieren. Allerdings liegt die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs schon jetzt um 57 Prozent unter der Vorkrisenzeit. In der ersten Oktoberhälfte, bevor die Neuinfektionszahlen erneut in die Höhe schossen, hatte das Minus nur zwischen 13 und 20 Prozent betragen. Im Frühjahr, während des ersten Lockdowns nutzten rund 70 Prozent weniger Fahrgäste als in der Vorkrisenzeit die Busse, S-Bahnen und Straßenbahnen. Das bescherte den Fahrradhändlern Rekordumsätze. Ob der Umstieg auf den Drahtesel nun in gleichem Maße gelingt, ist allerdings fraglich. Das winterliche Schmuddelwetter dürfte viele Menschen davon abhalten, die S-Bahn gegen das Fahrrad zu tauschen.

Stromverbrauch:
Blickt man auf den Stromverbrauch, könnte man fast den Eindruck gewinnen, der Lockdown hinterließe keine Bremsspuren in der Konjunktur. Zwar brach der Stromverbrauch über Weihnachten ein. Das dürfte jedoch nicht zuletzt an den Werksferien gelegen haben, die vor allem in der Industrie über die Feiertage üblich sind. Ein ähnliches Muster zeigte sich im Schnitt der Jahre 2017 bis 2019. Mittlerweile ist der Verbrauch wieder deutlich gestiegen – ein Zeichen dafür, dass die Industrie, der größter Stromverbraucher in Deutschland, ihre Produktion wegen der guten Auftragslage hochgefahren hat. 

Lkw-Verkehr:
Ein ähnliches Bild wie beim Stromverbrauch bietet sich beim Lkw-Verkehr. Die Fahrleistungen großer Lkws auf deutschen Bundesautobahnen sackte in der Zeit um den Jahreswechsel deutlich unter ihr Vorkrisenniveau. Die Ökonomen der Commerzbank führen dies auf Probleme mit der Saisonbereinigung zurück, sehen darin aber kein Indiz für einen Aktivitätseinbruch. In den vergangenen Tagen hat sich die Fahrleistung deutlich erholt und fast das Vorkrisenniveau erreicht. Die kräftige Industrieproduktion und der Bestellboom der Konsumenten bei Online-Händlern kurbeln das Geschäft der Speditionen an. 

Die Methodik im Detail

Indikator Stromverbrauch: Rund drei Viertel des in Deutschland verbrauchten Stroms entfallen auf den Unternehmenssektor, allein die Industrie steht für fast 50 Prozent des Gesamtverbrauchs. Daher lässt sich für die vergangenen Jahre ein Zusammenhang zwischen dem Stromverbrauch und der Industrieproduktion sowie dem Bruttoinlandsprodukt nachweisen. Die Rohdaten zum Strom werden von der Bundesnetzagentur im 15-Minuten-Takt zur Verfügung gestellt. Um natürliche Schwankungen auszugleichen, geht in den „Recovery Monitor“ ein Sieben-Tage-Durchschnitt ein, der mit der durchschnittlichen Entwicklung der vergangenen drei Jahre verglichen wird.

Indikator ÖPNV: Wenn das wirtschaftliche Leben Fahrt aufnimmt, gehen auch wieder mehr Menschen zur Arbeit oder zum Einkaufen – und fahren dann auch häufiger mit Bus und Bahn. Um die Nutzerzahlen im ÖPNV zu messen, verwenden die Commerzbank-Ökonomen anonymisierte Daten der Reiseplanungs-App Moovit, und zwar aus den Städten Hamburg, München, Berlin und Bremen sowie den Regionen Rhein-Main und Rhein-Ruhr. Verglichen wird ein Sieben-Tage-Durchschnitt mit einer typischen Woche der Vor-Corona-Zeit (6. bis 12. Januar 2020).

Indikator Kundenfrequenz im Handel: Volle Geschäfte machen logischerweise mehr Umsatz als leere: Die Ökonomen analysieren daher, wie viele Kunden (beziehungsweise Mobiltelefone) sich in Einzelhandelsgeschäften (ohne Lebensmittel) befinden. Verglichen werden die aktuellen Werte mit dem Median der entsprechenden Wochentage zwischen dem 3. Januar und 6. Februar, also vor dem Shutdown.

Indikator Restaurantbesuche: Beleben sich Wirtschaft und soziales Leben, verlassen die Leute auch häufiger das Haus – und gehen zum Beispiel essen. Mithilfe einer Reservierungsplattform analysieren die Commerzbank-Ökonomen, wie sich die Zahl der abendlichen Restaurantbesuche entwickelt.

Indikator Lkw-Verkehr: Über 80 Prozent des Güterverkehrs in Deutschland läuft über die Straße. Lahmt die Wirtschaft, werden weniger Waren transportiert – und umgekehrt. Insofern lassen sich Rückschlüsse auf die Industrieproduktion ziehen. Wie stark der Warenverkehr zu- oder abnimmt, lässt sich mithilfe der Lkw-Mautdaten erfassen, die das Statistische Bundesamt wöchentlich aktualisiert.

Mehr zum Thema: Diese Branchen sind 2021 besonders von Pleiten bedroht.

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