WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Fünf Indikatoren im Überblick „Kaum noch Potenzial für eine weitere Erholung“

Wie schnell kommt die deutsche Wirtschaft aus der Krise? Ein neuer „Recovery Monitor“ gibt Antworten. Quelle: imago images

Die Zeichen, dass sich die deutsche Wirtschaft vom Lockdown erholt, mehren sich. Das zeigen aktuell alle fünf Teilindikatoren aus dem wöchentlichen „Recovery Monitor“ der WirtschaftsWoche.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Konjunkturprognosen aus dem Homeoffice sind für Ralph Solveen eine neue Erfahrung. Nicht nur, dass er und seine Kollegen aus der volkswirtschaftlichen Abteilung der Commerzbank das Großraumbüro mit dem heimischen Arbeitszimmer getauscht haben. Die Coronakrise hat auch das Kerngeschäft von Solveens Truppe, die Konjunkturprognose, auf den Kopf gestellt. Denn mit den traditionellen Instrumenten der Konjunkturanalyse lässt sich die aktuelle Krise nicht adäquat und schnell genug erfassen.

Die Prognostiker haben in Coronazeiten vor allem mit zwei Problemen zu kämpfen. Zum einen liefert das Statistische Bundesamt zentrale Daten wie Auftragseingang und Industrieproduktion mit einer Verzögerung von vier bis fünf Wochen. Dies macht in Zeiten, in denen fast täglich neue politische, medizinische und ökonomische Informationen auf uns herniederprasseln, bereits die Analyse des Ist-Zustands schwierig. Eine Ausnahme ist der Lkw-Maut-Index, der seit April täglich mit nur wenigen Tagen Verzug auf wiwo.de erscheint. Zum anderen gibt es für die Coronakrise kein historisches Vorbild.

Deshalb hat Solveen mit seinen Kollegen für die Geschäftskunden seiner Bank einen „Recovery-Monitor“ mit so genannten „Real-Time-Indikatoren“ entwickelt. Mittels schnell verfügbarer Daten soll das Zahlenwerk Aufschluss darüber geben, ob und wie stark es mit der Wirtschaft wieder bergauf geht. Dazu analysieren die Analysten Zahlen zum Stromverbrauch und Lkw-Verkehr, die Kundenzahlen im Einzelhandel, die Nutzerdaten des öffentlichen Nahverkehrs und die Zahl der abendlichen Restaurantbesuche. Diese Daten hingen eng mit der wirtschaftlichen Aktivität zusammen, sagt Solveen. Und sie zeigten früher als offizielle Zahlen zu Aufträgen und Produktion, ob das wirtschaftliche Leben wieder in Gang kommt.

Das Entsetzen über den historischen Absturz der deutschen Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal (minus 10,1 Prozent) war zwar allerorten groß. Doch in der Konjunktur gilt die alte Regel: Wer sehr tief fällt, kann danach umso steiler aufsteigen. Die Volkswirte des ifo-Instituts etwa rechnen im dritten Quartal mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 6,3 Prozent, die Kollegen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft sagen sogar ein Plus um die sieben Prozent voraus. Dabei hilft der wieder anziehende Konsum, aber auch die robuste Bauwirtschaft. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert für das Gesamtjahr bei den Bauinvestitionen trotz Rezession einen Zuwachs von 1,8 Prozent gegenüber 2019.



Die Entwicklung der einzelnen Indikatoren erklärt

Einzelhandel:
Angesichts der Furcht vor einer zweiten Ansteckungswelle gilt beim Besuch von Geschäften und Baumärkten weiterhin eine Mundschutzpflicht. Trotzdem lag die Kundenfrequenz im Einzelhandel (ohne Lebensmittel) Anfang September zum ersten Mal sogar über dem Vorkrisen-Niveau. Laut der von Google protokollierten Handy-Bewegungsdaten waren zuletzt rund drei Prozent mehr Besucher in den Geschäften unterwegs als vor dem Ausbruch der Pandemie. Laut Commerzbank könnte das darauf zurückzuführen sein, dass „die Infektionszahlen zuletzt nicht weiter stiegen und die zweite Viruswelle vorerst unter Kontrolle zu sein scheint“. Dennoch dürfte das Jahr 2020 für die Branche ein Geschäftsjahr zum Vergessen bleiben: Der Handelsverband HDE erwartet ein Umsatzminus von 40 Milliarden Euro. Einer Umfrage des Münchner ifo Instituts zufolge fürchtet jeder fünfte Einzelhändler um seine Existenz.

Restaurants:
Nachdem die Neuinfektionen in Deutschland zuletzt nicht weiter anstiegen, trauten sich auch wieder mehr Leute in die Restaurants. In der vergangenen Woche haben wieder deutlich mehr Bundesbürger eine Gaststätte aufgesucht als zuvor – aktuell liegt der Sieben-Tagesdurchschnitt 17 Prozent über dem Vorjahresniveau. Damit hat sich die Anzahl der Restaurantbesuche in den letzten drei Wochen fast verdreifacht. Das dürfte nicht nur am trockenen Spätsommer liegen, sondern auch daran, dass viele Gastronomen ihre Stellflächen im Außenbereich deutlich ausgeweitet haben.

Personennahverkehr:
Der jüngste Aufwärtstrend bei den Fahrgastzahlen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ist zuletzt wieder deutlich ins Stocken geraten. Nach Daten der Reiseplanungs-App Moovit, die die Nutzung für den ÖPNV in sechs Städten Deutschlands beschreibt, wurden zuletzt etwa 29 Prozent weniger Personen befördert als vor Corona. Für Bus, Bahn und Co. ist das ein herber Rückschlag, denn: Drei Wochen zuvor hatte sich die Fahrgastzahl bereits bei „nur“ 18 Prozent unter dem Vorkrisen-Niveau eingependelt. Die Furcht, sich durch den engen Kontakt in öffentlichen Verkehrsmitteln mit dem Virus zu infizieren, hält aber offenbar noch immer viele Menschen davon ab, in Busse und Bahnen zu steigen. Viele Firmen halten zudem ihre Homeoffice-Regelungen aufrecht, was per se zu weniger Verkehr führt. Das spiegelt sich auch in den Daten zum Pkw-Verkehr wider.

Stromverbrauch:
Der Stromverbrauch kommt nicht so wirklich in Schwung. Nachdem Anfang Juni das Wiederanfahren der Produktion in Branchen wie der Autoindustrie den Verbrauch angekurbelt hatte, pendelt er seitdem in einer relativ geringen Schwankungsbreite – liegt aber jeden Tag weiterhin unter Vorjahresniveau. Im Juni gab es an zwei Tagen hintereinander mit einem Minus von etwa zwölf Prozent sogar das drittniedrigste Niveau seit dem Ausbruch der Pandemie. Nur Anfang Mai, am Hochpunkt des Lockdowns, war der Stromverbrauch noch geringer. Nach einem kleinen Hoffnungsschimmer Ende August geht es seit September nun peu à peu mit Schwankungen weiter nach unten: Während der Stromverbrauch Ende August kurzzeitig nur noch 1,3 Prozent unter seinem Normalwert lag, verzeichnete er zuletzt wieder ein Minus von rund vier Prozent.

Lkw-Verkehr:
Der Lkw-Verkehr als Indikator für die wirtschaftliche Aktivität im Land befindet sich fast wieder auf Vorkrisenniveau. Seit rund zwei Monaten liegt der Güterverkehr auf Deutschlands Straßen etwa drei Prozent unter dem Vor-Corona-Level – ohne jedoch weiter zuzulegen. Anfang September ist er sogar wieder leicht gefallen, nachdem er Mitte August kurzzeitig seinen Vorkrisenwert erreicht hatte. „Die meisten unserer Echtzeitindikatoren deuten darauf, dass die Erholung in Deutschland weit fortgeschritten ist, so dass kaum noch Potenzial für eine weitere Erholung vorhanden ist“, heißt es in einer Analyse der Commerzbank. Der Lkw-Verkehr scheint sich also vorerst auf seinem neuen Corona-Niveau eingependelt zu haben.

Die Methodik im Detail

Indikator Stromverbrauch: Rund drei Viertel des in Deutschland verbrauchten Stroms entfallen auf den Unternehmenssektor, allein die Industrie steht für fast 50 Prozent des Gesamtverbrauchs. Daher lässt sich für die vergangenen Jahre ein Zusammenhang zwischen dem Stromverbrauch und der Industrieproduktion sowie dem Bruttoinlandsprodukt nachweisen. Die Rohdaten zum Strom werden von der Bundesnetzagentur im 15-Minuten-Takt zur Verfügung gestellt. Um natürliche Schwankungen auszugleichen, geht in den „Recovery Monitor“ ein Sieben-Tage-Durchschnitt ein, der mit der durchschnittlichen Entwicklung der vergangenen drei Jahre verglichen wird.

Indikator ÖPNV: Wenn das wirtschaftliche Leben Fahrt aufnimmt, gehen auch wieder mehr Menschen zur Arbeit oder zum Einkaufen – und fahren dann auch häufiger mit Bus und Bahn. Um die Nutzerzahlen im ÖPNV zu messen, verwenden die Commerzbank-Ökonomen anonymisierte Daten der Reiseplanungs-App Moovit, und zwar aus den Städten Hamburg, München, Berlin und Bremen sowie den Regionen Rhein-Main und Rhein-Ruhr. Verglichen wird ein Sieben-Tage-Durchschnitt mit einer typischen Woche der Vor-Corona-Zeit (6. bis 12. Januar 2020).

Indikator Kundenfrequenz im Handel: Volle Geschäfte machen logischerweise mehr Umsatz als leere: Die Ökonomen analysieren daher, wie viele Kunden (beziehungsweise Mobiltelefone) sich in Einzelhandelsgeschäften (ohne Lebensmittel) befinden. Verglichen werden die aktuellen Werte mit dem Median der entsprechenden Wochentage zwischen dem 3. Januar und 6. Februar ,also vor dem Shutdown.

Indikator Restaurantbesuche: Beleben sich Wirtschaft und soziales Leben, verlassen die Leute auch häufiger das Haus – und gehen zum Beispiel essen. Mithilfe einer Reservierungsplattform analysieren die Commerzbank-Ökonomen, wie sich die Zahl der abendlichen Restaurantbesuche entwickelt.

Indikator Lkw-Verkehr: Über 80 Prozent des Güterverkehrs in Deutschland läuft über die Straße. Lahmt die Wirtschaft, werden weniger Waren transportiert – und umgekehrt. Insofern lassen sich Rückschlüsse auf die Industrieproduktion ziehen. Wie stark der Warenverkehr zu- oder abnimmt, lässt sich mit Hilfe der Lkw-Mautdaten erfassen, die das Statistische Bundesamt täglich aktualisiert.

Mehr zum Thema
Corona macht die traditionelle Konjunkturforschung zu einem Glücksspiel. Wie Deutschlands Prognostiker mit der neuen Lage umgehen – und auf welche unkonventionellen Daten und Methoden sie dabei setzen. Konjunkturprognosen: Propheten im Ausnahmezustand.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%