Gasölpreis auf Elfjahreshoch Putins Grüße an den Westen

Der Ukraine-Krieg treibt den Ölpreis auf den höchsten Stand seit Jahren. Quelle: imago-images, Bloomberg

Der Ukraine-Krieg treibt den Ölpreis auf immer neue Höhen. Das belastet die gesamte Volkswirtschaft. Kann der Ölpreis die Konjunktur kippen lassen und den Traum vom Post-Corona-Aufschwung beenden?

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Treffen sich zwei Autofahrer. „Verdammt, das Benzin ist schon wieder teurer geworden“, sagt der eine. Der andere antwortet: „Das macht mir nichts – ich tanke eh immer nur für 20 Euro“.

Witze wie dieser machen derzeit im Netz die Runde; viele Autofahrer können den Besuch der Tankstelle offenbar nur noch mit Sarkasmus ertragen. Laut ADAC kostete am vergangenen Sonntag der Liter Super E10 im bundesweiten Durchschnitt 1,81 Euro. Für einen Liter Diesel wurden an den Zapfsäulen rund 1,73 Euro fällig, nochmal 5,9 Cent mehr als drei Tage zuvor. Eine Tankstelle im schleswig-holsteinischen Eckernförde schaffte es in die Presse, als dort vor einigen Tagen erstmals ein Preis von über zwei Euro für einen Liter Super plus auf der Anzeigentafel erschien.

Und Entspannung ist nicht in Sicht. Die russische Invasion in der Ukraine und Putins Gemetzel lassen die Ölpreise und die damit zusammenhängenden Spritnotierungen in die Höhe schießen. Die Sorte Brent kostete Mitte der Woche 113 US-Dollar je Barrel, das ist der höchste Stand seit Juli 2014. Das amerikanische Leichtöl WTI kletterte erstmals seit August 2013 über die Marke von 110 Dollar je Barrel. Der Gasölpreis erreichte ein Elfjahreshoch.



Zu dem Höhenflug trägt bei, dass immer mehr Ölimporteure wegen des Krieges kein russisches Öl mehr kaufen. Auch akzeptieren mehrere Reedereien keine Transportaufträge mehr von und nach Russland. Faktisch hat sich dadurch das weltweit verfügbare Ölangebot deutlich verknappt. „Der Markt scheint mehr und mehr einen Wegfall der Öllieferungen aus Russland einzupreisen“, berichtet Carsten Fritsch, Rohstoffexperte der Commerzbank.

Lesen Sie auch das Interview mit Branchenanalyst Carsten Fritsch: „Für russisches Öl finden Sie kaum noch Käufer“

Nach Ansicht der Internationalen Energieagentur IEA ist die Lage an den Energiemärkten sehr ernst und die globale Energiesicherheit gefährdet. Dass die IEA die Freigabe von 60 Millionen Barrel aus strategischen Ölreserven von 31 Mitgliedsländern bekannt gab, beeindruckte die Märkte jedoch nur wenig. Denn diese Menge, so Fritsch, „würde einen Ausfall der russischen Öllieferungen von lediglich zwei Wochen abdecken“.

Was aber bedeutet das alles für das Wirtschaftswachstum? Nach einer Faustformel des Internationalen Währungsfonds reduziert ein Ölpreisanstieg um zehn Prozent die globale Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent. Das klingt auf den ersten Blick nicht viel. Angesichts einer jährlichen globalen Wirtschaftsleistung von rund 102 Billionen Dollar entspräche der Rückgang beim weltweiten BIP in absoluten Zahlen aber immerhin über 100 Milliarden Dollar. Und der Ölpreis ist in den vergangenen zwölf Monaten auch nicht nur um zehn Prozent gestiegen – sondern um rund 70 Prozent.

Auch die deutsche Wirtschaft erhält durch die hohen Preise für fossile Energieträger einen Dämpfer. Selbst wenn die Preise für Öl, Gas und Kohle auf dem aktuellen Niveau verharren, verteuert sich die Importrechnung Deutschlands in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr um 50 Milliarden Euro, haben die Ökonomen der Commerzbank in einer Studie ausgerechnet. Das entspricht rund 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Putins Krieg lässt die Öl- und Gaspreise steigen, meint Branchenanalyst Carsten Fritsch. Die Sanktionen gegen Russland wirken. Doch auf die Verbraucher kommen längerfristig höhere Preise zu, etwa beim Tanken.
von Ben Mendelson

Die immer höheren Energiekosten beeinflussen über mehrere Kanäle die Wachstumsperspektiven in Deutschland. „Steigende Energiepreise reduzieren die Kaufkraft der privaten Haushalte, da bei gegebenen Einkommen weniger für andere Waren und Dienstleistungen ausgegeben werden kann. Dies belastet den privaten Konsum und damit die Konjunktur“, warnt Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Münchner ifo Instituts.

Schon rechnen Ökonomen verschiedene Szenarien durch: Sollte der Ölpreis weiter auf 120 Dollar steigen, hätte dies für die Wirtschaft der gesamten Euro-Zone spürbare Folgen. Die Inflationsrate – im Februar lag sie bereits bei 5,8 Prozent – würde nach Berechnungen der Berenberg Bank dann im Jahresdurchschnitt um einen Prozentpunkt höher ausfallen als ohne den Ölpreisanstieg. Der Kaufkraftentzug sowie die Stimmungseintrübung dürften die Eurozone 0,6 Prozentpunkte Wachstum kosten, so die Berenberg-Ökonomen.

Richtig ist allerdings auch: So sehr der Ölpreis die Konjunktur belastet, ruinieren kann er sie nicht. In den vergangenen gut 40 Jahren hat sich die Effizienz des Öleinsatzes verdreifacht. Das liegt zum einen am technischen Fortschritt, zum anderen am Strukturwandel, in dessen Folge die Bedeutung der vergleichsweise wenig energieintensiven Dienstleistungen gegenüber der Industrie gestiegen ist.



Gemessen an der Wirtschaftsleistung sei die „Belastung durch die steigenden Energiepreise derzeit immer noch geringer als bei den beiden großen Ölkrisen in den Siebzigerjahren“, sagt Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen. Damals habe sich die Energierechnung Deutschlands um jeweils rund zwei Prozentpunkte im Verhältnis zum BIP erhöht, diesmal sind es bislang 1,3 Prozentpunkte.

Lesen Sie auch: Was Putins Eskalation für die Energiepreise bedeutet

Dass die Wirtschaft damals im Gefolge der Ölpreiskrisen in die Rezession stürzte, lag vor allem an der Reaktion der Bundesbank. Um der in Gang gekommenen Lohn-Preis-Spirale die monetäre Alimentierung zu entziehen, traten die Frankfurter Währungshüter kräftig auf die geldpolitische Bremse und rissen die Leitzinsen hoch. Der Konflikt zwischen Geld- und Lohnpolitik trieb die Wirtschaft in eine Stabilisierungsrezession.

Unsicher bleibt derweil, wie nachhaltig der aktuelle Ölpreisanstieg ist. Mittelfristig könnte der Trend zur De-Globalisierung den Ölpreis durchaus drücken. Findet weniger globaler Handel statt und legen Güter im Schnitt weniger Transportkilometer zurück, sinkt die Öl- und Benzinnachfrage. Auch die Klimawende ist derzeit zwar vom Krieg überlagert, aber nicht abgesagt. Die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen wird langfristig zurückgehen – und damit auch die Preise.



Aktuell ist das nur ein schwacher Trost. Die Konjunktur für Benzinpreis-Witze jedenfalls dürfte vorerst intakt bleiben. Sagt der Tankwart zum Kunden, der gerade ein altes Auto vollgetankt hat: „Der Wert ihres Fahrzeugs hat sich soeben verdoppelt.“

Mehr zum Thema: Welche weiteren Sanktionen gegen Putin sind noch möglich? Ein Ölembargo käme den Westen teuer zu stehen. Aber es gibt eine Alternative.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%