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Gast-Kommentar Wachstum allein macht uns nicht glücklich

Anna Herrhausen ist seit 2016 Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft und leitet die Abteilung Kunst, Kultur und Sport bei der Deutschen Bank. Quelle: Presse

Um das Bruttoinlandsprodukt kreisen Politik, Medien und Wirtschaft. Aber folgen Wohlstand, Zusammenhalt, Gerechtigkeit und Klimaschutz allein dem Wachstum? Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Weil es das ist: nicht wahr. Ein Gastbeitrag.

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Anna Herrhausen ist seit 2016 Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft und leitet die Abteilung Kunst, Kultur und Sport bei der Deutschen Bank.

Performance and Health, lose übersetzt als Leistung und Substanz: Als Führungskräfte in Unternehmen prüfen wir regelmäßig Kennzahlen in diesen beiden Dimensionen, um zu beurteilen, wie es der Abteilung, dem Bereich oder auch dem gesamten Unternehmen geht.

Und als Bürger? Geht es um unsere Volkswirtschaft, zählt vor allem eine Zahl: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Dabei interessiert uns vor allem seine Veränderung, also das Wirtschaftswachstum.

Anfang des Jahres bangten wir um das BIP. Um wie viel war es geschrumpft? Jetzt wollen wir nach vorn schauen: Die Hoffnung auf baldige Impfung gegen Covid-19 verbinden wir mit der Hoffnung auf ein Anspringen des Wachstums. Mehr noch: Sobald es die Pandemielage erlaubt, soll das Wachstum angekurbelt werden. Warum dieser Fokus auf Wachstum? Ist das die richtige Strategie?

Für die Dominanz dieser einen Größe für die Erfassung unserer Volkswirtschaft werden meist die folgenden Begründungen angeführt: Erstens, je höher das BIP – je größer also die Leistung der Volkswirtschaft –, desto mehr Ressourcen stehen zur Verfügung, die wiederum in die Substanz investiert werden können. Somit folgt schnell der Umkehrschluss: Wenn wir mehr Infrastruktur, Bildung, Forschung, Gesundheitswesen, Kultur, Transferleistungen, Rechtsstaatlichkeit, Verteidigung, Schuldenabbau haben wollen, müssen wir mehr Wachstum haben.

Zweitens, das höhere BIP spiegelt nicht nur ein Mehr für alle wider, sondern enthalten hierin ist auch ein Besser: Innovationen steigern die Qualität der Produkte und Dienstleistungen, und zwar nicht nur was den Nutzen für den Konsumenten anbelangt, sondern auch was die Schonung natürlicher Ressourcen betrifft. Wieder folgt schnell der Umkehrschluss: Wenn wir ökologischer wirtschaften wollen, müssen wir mehr Wachstum haben.

Kann das sein? Wohlstand, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Generationengerechtigkeit, Leben innerhalb der planetaren Grenzen – das alles wird erreicht, indem wir mehr erzeugen und mehr konsumieren? Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Weil es das ist: nicht wahr.

Wir wissen inzwischen – durch persönliche Erfahrung oder durch Studium entsprechender Analysen –, dass es auch bei jahre- oder jahrzehntelangem Wachstum bestimmten Gruppen in der Gesellschaft nicht besser geht. Vielen geht es sogar schlechter. Auch die Entkopplung von ökonomischem Wachstum vom ökologischen Input will und will nicht eintreten. Dabei macht es keinen fundamentalen, höchstens einen graduellen Unterschied, ob konservative, sozialdemokratische, grüne und/oder wirtschaftsliberale Kräfte das Land regieren.

„What gets measured, gets managed“: (Nur) was gemessen wird, wird gemanagt – auch das erleben wir im Unternehmen täglich. Übertragen auf unsere Volkswirtschaft, heißt das: Automatisch wird die Substanz nicht erhalten und werden wir den Zusammenhalt unserer Gesellschaft nicht stärken.

Es ist deshalb höchste Zeit, dass wir die Macht der einen Zahl eindämmen. Im Wahljahr 2021 haben amtierende und angehende Wirtschafts- und Finanzpolitiker hier eine besondere Chance.

Bereits 2010, motiviert durch die Finanzkrise, hat der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy eine Expertenkommission damit beauftragt zu untersuchen, wie sich Wohlstand und sozialer Fortschritt besser messen ließen als allein über das BIP. Die Kommission plädierte in ihrem Abschlussbericht dafür, zu Messungen zur Wirtschaftsleistung explizit Indikatoren für Lebensqualität und Nachhaltigkeit aufzunehmen. Nur so könne ein ausgewogeneres Bild über Zustand und Zukunft der Volkswirtschaft eines Landes gezeichnet werden.

In den vergangenen zehn Jahren hat es hierzu zahlreiche weiterführende Arbeiten gegeben. Es wurden Folgekommissionen beauftragt und Bürgerdialoge abgehalten. Renommierte Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eingängig betitelte Alternativen wie „Die Donut-Ökonomie“ ausgearbeitet. Sogar Praxisbeispiele gibt es inzwischen! Aber wir reden auch im Jahr 2021 immer noch und vor allem vom Wachstum. Vom Wachstum des BIPs. Wir dürfen das jetzt ändern.

Zugegeben: die Wahl der Indikatoren ist nicht einfach. Wirkungszusammenhänge sind nicht eindeutig zu bestimmen, und auch dem Vorwurf der Klientelpolitik möchte man sich nicht aussetzen. Vermutlich haben wir deshalb noch kein Dashboard mit einer leicht zu erfassenden Anzahl von bis zu fünf Indikatoren.

Aber wir könnten ja mal anfangen. Wir könnten Wirtschaftswachstum immer in einem Atemzug nennen, zum Beispiel mit dem Erreichungsgrad für CO2-Neutralität, dem Grad der Ungleichheit, dem Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am BIP, der Zufriedenheit der Bürger. Wenn wir ganz mutig sein wollen, klammern wir Wachstum sogar aus und beschreiben die gesamtwirtschaftliche Entwicklung nur entlang dieser vermeintlich qualitativen Indikatoren.

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Ich bin zuversichtlich, dass wir zu einem adäquateren Bild unserer Volkswirtschaft kommen würden. Dann könnten wir sie besser in den Dienst unserer Gesellschaft stellen – der heutigen und der zukünftigen.

Mehr zum Thema: Die Euro-Geldmenge wächst mit zweistelligen Raten. Das dürfte früher oder später auch die Güterpreise kräftig steigen lassen.

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