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Gbureks Geld-Geklimper

Die Droge Geld und die eingebildete Deflation

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Die lockere Geldpolitik ist längst noch nicht zu Ende. Der EZB bleibt kaum etwas anderes übrig, als den USA und Japan nachzueifern. Allmählich spricht sich herum, mit welchen Methoden.

Der EZB bleibt kaum etwas anderes übrig, als den USA und Japan nachzueifern. Quelle: dpa

Wieder einmal geht das Gespenst der Deflation und damit die Angst vor einem Crash um. Als Argumente müssen herhalten: die verminderten Anleihenkäufe der US-Notenbank Fed, die Börsenturbulenzen in einigen Schwellenländern und schrumpfende Bankkredite speziell in der Eurozone. Alles zusammen ist überwiegend an den Haaren herbeigezogen. Denn weder hat die Fed ihre Anleihenkäufe beendet noch war die Aufregung an den Schwellenländerbörsen besonders groß (sondern in Tokio) noch erweist sich das Schrumpfen der Euro-Bankkredite als unaufhaltsam.

Wie in Zentralbanken hineinregiert wird
Europäische Zentralbank (EZB)"Das vorrangige Ziel ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten", heißt es in Artikel 105 des Maastricht-Vertrags. Zwar soll die EZB auch für Stabilität an den Märkten sorgen und die Wirtschaftspolitik der EU unterstützen. Das allerdings nur, wenn dadurch das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird. Diese klare Abgrenzung hat anfangs funktioniert. Seit der Euro-Krise jedoch ist die Geldpolitik Teil der EU-Wirtschaftspolitik. Die EZB begründet ihre Eingriffe mit ihrem Mandat der Marktstabilität und behauptet, dass hierdurch die Geldwertstabilität nicht gefährdet sei. Quelle: dapd
Europäische Zentralbank (EZB)Auch wenn EZB-Chef Mario Draghi früher bei Goldman Sachs arbeitete, besitzen private Banken bei der Zentralbank keine direkte Mitsprache. Das EZB-Kapital von 5,76 Milliarden Euro liegt bei den 27 Notenbanken der EU, die sich – bis auf ein paar Anteile der österreichischen Nationalbank – in öffentlichem Besitz befinden. Die Euro-Finanzminister wählen die Mitglieder des sechsköpfigen Direktoriums per Mehrheitsentscheid, die Regierungschefs bestätigen die Wahl. Auch das EU-Parlament darf mitreden. Vergangene Woche lehnten die Abgeordneten die Nominierung des angesehenen Luxemburger Nationalbankpräsidenten Yves Mersch für einen Sitz im EZB-Direktorium ab. Einziger Grund: sein Geschlecht. Sharon Bowles, Vorsitzende des Währungsausschusses: "Wir sind dagegen, dass die mächtigste Institution der EU ausschließlich von Männern geleitet wird." Quelle: dapd
Bank of England (BoE)Die "Old Lady" von der Londoner Threadneedle Street ist die älteste Notenbank der Welt. Doch erst 1997 wurde sie nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank in eine – relative – politische Unabhängigkeit entlassen. Der Einfluss der Politik ist geblieben: Der britische Schatzkanzler gibt der Notenbank ein konkretes Inflationsziel von 2,0 Prozent vor. Wird dieses Ziel verfehlt, muss der Notenbankchef dies gegenüber der Regierung rechtfertigen. Quelle: REUTERS
Bank of England (BoE)Am meisten leidet die Unabhängigkeit der BoE aber dadurch, dass sie mit Aufgaben zugeschüttet wird. Die BoE muss sich nicht nur um eine stabile Währung, sondern auch um die Konjunktur und Stabilität des Finanzsektors kümmern, im nächsten Jahr kommt die Bankenaufsicht hinzu. Zudem ist die persönliche Unabhängigkeit mancher Mitglieder im Zentralbankrat fraglich: Ben Broadbent etwa arbeitete vor seiner Zeit bei der BoE jahrelang für Goldman Sachs. Zuvor war schon sein Kollege David Robert Walton, Chefökonom von Goldman Sachs in Europa, Mitglied im Zentralbankrat geworden. Bis Ende August 2012 saß dort zudem mit Adam Posen ein Geldpolitiker, der enge Verbindungen zu Starinvestor George Soros pflegt. Quelle: dpa
Federal Reserve System (Fed)Die amerikanische Fed – ein Hort politischer Unabhängigkeit? Mitnichten. Die unter einem Dach zusammengeschlossenen zwölf regionalen US-Zentralbanken gehören 3000 privaten Instituten, darunter Großbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Die Geldhäuser können direkt bei der Geldpolitik mitmischen, denn sie bestimmen die Direktoren der regionalen Fed-Ableger. Die Direktoren sind an der Wahl der regionalen Fed-Präsidenten beteiligt – und von diesen wiederum sitzen einige im Offenmarktausschuss, dem wichtigsten Gremium der Notenbank, das über die Geldpolitik der USA entscheidet. Der amerikanische Kongress hat der Zentralbank drei Ziele gesetzt, die nicht unbedingt miteinander harmonieren: Die Fed soll die Preise stabil halten, so viele Arbeitsplätze wie möglich garantieren und die Zinsen möglichst niedrig halten. Quelle: REUTERS
Federal Reserve System (Fed)Die Regierung darf den Währungshütern zwar nicht ins Tagesgeschäft hineinreden, aber Zentralbankpräsident Ben Bernanke muss dem Parlament regelmäßig Rede und Antwort stehen. Sollte es anhaltende Konflikte zwischen Fed und Politik geben, kann der Kongress die Unabhängigkeit der Fed beschneiden. Jüngste Debatten ließen darauf schließen, "dass es breite Unterstützung für Restriktionen geben könnte, wenn der Kongress mit der Fed-Politik nicht zufrieden ist", warnt der renommierte US-Ökonom Martin Feldstein. Die Notenbank stehe vor einem Dilemma: "Strafft sie die Geldpolitik, um die Inflation einzudämmen, riskiert sie Gegenmaßnahmen des Kongresses, die ihr die künftige Inflationsbekämpfung erschweren." Quelle: dapd
Bank of Japan (BoJ)Auf dem Papier ist die BoJ unabhängig, aber der politische Druck steigt. Mittlerweile ist es zur Regel geworden, dass ranghohe japanische Politiker offen drohen, das Notenbankgesetz zu ändern, falls die BoJ ihre Geldpolitik nicht noch stärker lockert. Was die Ankäufe von Fremdwährungen betrifft, um den Auftrieb des Yen abzumildern, handelt die Notenbank bereits im Auftrag der Regierung. Quelle: REUTERS

Das erste Argument ist lächerlich, weil die Anleihenkäufe der Fed trotz Verminderung um monatlich 10 Milliarden Dollar weiter gehen und ein Ende auf spürbar niedrigerem Niveau nicht abzusehen ist. Einschließlich der japanischen Stimuli addieren sich die Liquiditätsspritzen allein der USA und Japans auf monatlich 120 Milliarden Dollar. Die Droge Geld bleibt also immer noch so reichlich vorhanden, dass Deflation, nur weil 10 Milliarden Dollar weniger fließen, unwahrscheinlich ist.

Draghi lässt sich schon wieder etwas einfallen

Das zweite Argument unterstellt, dass die in Relation zu den 120 Milliarden Dollar eher unbedeutend um 10 Milliarden Dollar verminderten amerikanischen Stimuli angeblich den folgenden Effekt haben: Anleger zögen Geld aus Schwellenländern wie Indien, Indonesien oder Brasilien ab, um es in Dollar zu investieren, weil die USA neben den seit einiger Zeit erhöhten Anleihenrenditen auch mehr  Sicherheit böten. Dabei sprechen die jüngsten Daten zur US-Konjunktur kaum für einen Wirtschaftsaufschwung, der diesen Namen verdient, sodass die Fed ihre Anleihenkäufe nicht mal eben drastisch reduzieren wird. Und zu argumentieren, die genannten Schwellenländer litten unter Geldabzügen, ist in Anbetracht der Fakten unsinnig. Bester Beweis: Innerhalb Jahresfrist sind deren Währungen im Verhältnis zum Dollar und zum Euro entweder leicht gestiegen (indische Rupie und indonesische Rupiah) oder nur geringfügig gefallen wie der brasilianische Real.

Das dritte Argument scheint da ungleich schwerer zu wiegen, weil schrumpfende Bankkredite die Konjunktur dämpfen und letzten Endes zur Deflationsmentalität führen könnten. Damit würden Schulden über kurz oder lang real steigen und auf Kredite angewiesene Unternehmen wie auch verschuldete Privatleute in die Bredouille bis hin zur Pleite geraten.

Die daraus erwachsende Gefahr ist indes weniger groß, als Pessimisten unterstellen, weil die Europäische Zentralbank sie bereits erkannt hat: Kein Geringerer als ihr Präsident Mario Draghi persönlich deutete beim Weltwirtschaftsforum in Davos an, die EZB könne den Banken Kredite abkaufen, auf diese Weise deren Bilanzen entlasten und so vor allem den Banken in den Euro-Krisenländern dazu verhelfen, neue Kredite zu gewähren.

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