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Geistesblitze der Ökonomie (III) Tobins Steuer ist populärer denn je

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Vorbild Keynes

Wie Europa zu den Plänen für die Börsensteuer steht
GroßbritannienDie Briten wollen die Einführung der Finanztransaktionssteuer mit allen Mitteln verhindern, da von London aus rund 20 Prozent der globalen Bankengeschäfte getätigt werden. Premierminister David Cameron will ein Veto gegen eine EU-weite Steuer einlegen. Allerdings gibt es... Quelle: dpa
...seit dem 17. Jahrhundert bereits eine Börsenumsatzsteuer im Aktienhandel. Sie beläuft sich auf 0,5 Prozent des Ankaufskurses der Aktie und bringt dem britischen Fiskus derzeit rund drei Milliarden Pfund pro Jahr. Quelle: Reuters
SchwedenEinen „Rohrkrepierer“ nennt Schwedens konservativer Finanzminister Anders Borg die Finanztransaktionssteuer. Er befürchtet, dass sie einen negativen Einfluss auf das wirtschaftliche Wachstum in der EU hätte. Schweden hat mit einer Börsensteuer bereits schlechte Erfahrungen gemacht:... Quelle: Reuters
...seit ihrer Einführung 1984 bis 1990 wanderte etwa die Hälfte des schwedischen Börsenumsatzes nach London ab. Aus diesem Grund schaffte sie der neue konservative Regierungschef Carl Bildt im Jahr 1991 wieder ab. Quelle: Reuters
Nicolas Sarkozy Quelle: rtr
Nicolas Sarkozy Quelle: rtr
ItalienDie Transaktionssteuer hat in Italien eine breite Mehrheit. Der Senat forderte Regierungschef Mario Monti auf, sich beim EU-Gipfel für deren Einführung einzusetzen - am liebsten in allen EU-Staaten. Quelle: Reuters

Völlig neu war diese Idee nicht: John Maynard Keynes hatte 1936 in seinem Hauptwerk „A General Theory of Employment, Interest and Money“ unter dem Eindruck des US-Börsencrashs von 1929 und der folgenden Weltwirtschaftskrise eine ähnliche Steuer vorgeschlagen, um „die Dominanz der Spekulation über das Unternehmertum einzudämmen“. Tobin griff den von Keynes skizzierten Vorschlag auf und arbeitete ihn aus. Erneut war es eine Krise, die dazu den Anstoß lieferte: 1971 brach das Bretton-Woods-System zusammen, das die Nachkriegsära geldpolitischer Kooperation beendete. US-Präsident Nixon hatte die Konvertibilität des Dollar zum Gold aufgehoben und damit das System fixer Wechselkurse aufgekündigt. Tobin sah dies mit Sorge. Nicht weil er flexible Wechselkurse ablehnte, sondern weil er ein unproduktives Eigenleben der Finanzmärkte fürchtete. „Ich glaube nicht, dass unser Grundproblem die Frage ist, ob wir ein System fixer oder flexibler Wechselkurse haben. Diese Diskussion verschleiert nur das eigentliche Problem, nämlich die exzessive internationale – oder besser interdevisengetriebene – Mobilität des privaten Finanzkapitals“, sagte er. Güter und Dienstleistungen, so Tobin, reagierten langsamer auf Preisbewegungen als Finanzströme. Die hohe Mobilität berge die Gefahr massiver Instabilitäten für die Realwirtschaft. Der Ökonom sah zwei Optionen, dies zu verhindern: entweder durch eine weltweite Integration der Geld- und Fiskalpolitik oder durch das genaue Gegenteil – indem man Länder finanziell segmentiere und ihre Finanzmärkte bändige. Diesen Weg hielt er nicht für besser, aber für realistischer.

Dass Tobin, ein überzeugter Keynesianer, sich zeitlebens mit der Macht der Finanzmärkte auseinandersetzte, kam nicht von ungefähr. 1918 im US-Bundesstaat Illinois als Sohn eines Journalisten und einer Sozialarbeiterin geboren, gehörte er jener Generation amerikanischer Ökonomen an, die in ihrer Jugend das Elend der Weltwirtschaftskrise miterlebt hatten. Er wusste aus eigener Anschauung, wohin falsche Wirtschaftspolitik und ein ungebändigter Finanzsektor führen können.

Von 1950 bis 1988 war Tobin Wirtschaftsprofessor an der Yale University in New Haven, Connecticut. 1981 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, allerdings nicht für seine – zugegeben theoretisch wenig anspruchsvolle – Tobin-Steuer, sondern primär für die von ihm entwickelte Portfoliotheorie, die das Investitionsverhalten der Finanzmärkte zu erklären versucht.

Die Tobin-Steuer verschwand derweil in der Versenkung. Schweden, das 1986 eine Transaktionssteuer auf Aktien- und Anleihegeschäfte einführte, schaffte sie angesichts sinkender Umsätze und enttäuschender Einnahmen wenige Jahre später wieder ab. Auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung spielte die Steuer zunächst kaum eine Rolle. Dann aber kamen die Neunzigerjahre mit der Peso-Krise 1994 in Mexiko, der asiatischen Währungskrise 1997 und der Rubel-Krise 1998. Sie offenbarten jene Risiken, vor denen Tobin ein Vierteljahrhundert zuvor gewarnt hatte: ein schneller, spekulationsgetriebener Abzug von Finanzkapital, der die Länder zu drastischen Zinserhöhungen zwang und in die Rezession trieb. Auf einmal war die Besteuerung von Devisentransaktionen wieder in der Diskussion. Ende 1997 verfasste Ignacio Ramonet in „Le Monde Diplomatique“ einen Leitartikel mit dem Titel „Die Märkte entwaffnen“, in dem er zur Durchsetzung der Tobin-Steuer die Gründung einer „Association pour une taxe Tobin pour l’aide aux citoyens“, kurz Attac, vorschlug. Dies war die Geburtsstunde der Anti-Globalisierungsbewegung Attac.

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