Geistesblitze der Ökonomie (VI) Wie die Spieltheorie bei Entscheidungen hilft

Spieltheorie und experimentelle Forschung zählen heute zu den zentralen Disziplinen der Wirtschaftswissenschaft. Ein wichtiger Wegbereiter dafür war der US-Ökonom John F. Nash mit seinem "Nash-Gleichgewicht" – ein Mann, der über 30 Jahre unter Schizophrenie litt.

John Forbes Nash Quelle: Laif

Große Ideen brauchen manchmal nur wenig Platz. John Forbes Nash genügte 1950 eine einzige Seite im renommierten US-Journal "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS), um die Spieltheorie und damit die gesamte Wirtschafts- und Sozialwissenschaft zu revolutionieren. Mit wenigen Worten definierte er in seinem Aufsatz ein Lösungskonzept für das, was Wissenschaftler "strategische Interaktionen" nennen. In diesen Entscheidungssituationen treffen Individuen ihre Entschlüsse nach bestimmten Regeln, die das Endergebnis für jeden einzelnen Mitspieler beeinflussen. Mithilfe der Spieltheorie und Nashs Ideen lassen sich derartige Entscheidungsraster mit mathematischer Präzision durchleuchten.

Soll eine Bäckerei die Preise senken, nachdem die Konkurrenz am Ort das Gleiche getan hat? Soll ein Unternehmen eine Fusion anstreben oder nicht? Solle man in der Rushhour die überfüllte Stadtautobahn oder eine Umgehungsstraße nehmen? Welche Preise können bei der Auktion von Mobilfunkfrequenzen aufgerufen werden? Und schießt man beim Elfmeterschießen eher in eine Ecke oder in die Mitte? All diese Entscheidungen können mit ein paar Anpassungen in die Form eines Spiels gebracht werden. Und über dessen Ausgang liefert Nashs Gleichgewicht eine Vorhersage.

Durchbruch schon mit 21

Das grundlegende Prinzip ist einfach erklärt. Angenommen, Peter und Paul befinden sich in einer Konfliktsituation. Zwischen ihnen hat sich genau dann ein Nash-Gleichgewicht eingestellt, wenn keiner der beiden seine Lage verbessern kann, indem er alleine von seiner aktuellen Strategie abweicht. Legten sowohl Peter als auch Paul ihre Strategien offen und nähmen die Entscheidung des anderen als gegeben hin, würde trotzdem keiner der beiden sein Verhalten ändern. "Das Nash-Gleichgewicht ist ein stabiler Zustand, der sich nicht aus sich selbst heraus zerstört", sagt Christian Rieck, Autor eines Spieltheorie-Lehrbuchs und Professor an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Der Vorteil: Es sind keine regulierenden Eingriffe von außen nötig, um diese Stabilität zu gewährleisten.

Zehn Entscheidungsfallen, in die wir regelmäßig tappen
Spontan macht großzügigWer spontane Entscheidungen trifft, ist spendabel – wer dagegen lange zögert, neigt eher zur Knausrigkeit. Das fanden Forscher der Universität Harvard in einer Studie mit 2000 Teilnehmern heraus. In einem Experiment wurden die Probanden in Vierergruppen eingeteilt und sollten jeweils Geld in einen Topf werfen. Das wurde später verdoppelt und auf alle Gruppenmitglieder aufgeteilt. Die Personen, die ihr Geld schneller in die Gemeinschaftskasse warfen, gaben in der Regel auch mehr Geld  ab als diejenigen, die sich mit ihrer Entscheidung länger Zeit ließen. Quelle: Fotolia
Weniger ist manchmal mehr Wer bei seinen Kaufentscheidungen zwischen einer großen Auswahl an Produkten wählen kann, wird mit seiner Entscheidung am Ende nicht unbedingt glücklicher sein. Das Phänomen beschreibt Verhaltenspsychologe Barry Schwartz oft am Beispiel des Jeans-Kaufs. Wer vor einer riesigen Auswahl an Jeans mit verschiedenen Farben und Schnitten steht, hat es schwer die richtige zu finden. Zum einen dauert die Entscheidung deutlich länger als bei einer kleinen Auswahl, zum anderen kommen zu Hause die Selbstzweifel: Habe ich das richtige Model gewählt, gibt es vielleicht bessere? Ähnliches passiert in Restaurants mit umfangreichen Speisekarten. Studien zeigen, dass Kunden im Supermarkt mehr kaufen, wenn die Auswahl kleiner ist. Quelle: REUTERS
Actionspiele beeinflussen Entscheidungen positivVerhaltensforscher der Universität Rochester haben herausgefunden, dass Actionspiele dabei helfen, Entscheidungen schnell und korrekt zu treffen. Die Spieler können der Studie zufolge besser einschätzen, was um sie herum vorgeht. Das hilft im Alltag beim Autofahren oder anderen Multitasking-Situationen. Probanden der Studie waren 18 bis 25-Jährige, die nicht regelmäßig spielten. Quelle: dpa
Sport macht effektivÄhnlich positiv wirkt sich Sport auf Entscheidungen aus. Wer sich im sportlichen Wettkampf gegen den Gegner durchsetzen will, muss schnelle Entscheidungen treffen. Eine Studie an 85 Handballern zeigte, dass deren Aktionen umso effektiver waren, je weniger Zeit sie vorher zum Nachdenken hatten. Quelle: dpa
Wahl nach ÄußerlichkeitenVersuchen zufolge hängen Wahlentscheidungen stark von der äußeren Erscheinung des jeweiligen Politikers ab. In einer Studie beurteilten die Testpersonen Wahlplakate aus der Schweiz. Obwohl sie nichts über die Politiker wussten, sondern nur ihr Aussehen kannten, trafen sie insgesamt fast die gleiche Wahlentscheidung wie die echten Wähler.   Quelle: dpa
Bequemlichkeit für mehr Gesundheit Wer sich vornimmt, im neuen Jahr, ab morgen oder nächster Woche endlich gesünder zu essen, wird voraussichtlich scheitern: Denn nur wenn gesünder auch gleichzeitig bequemer heißt, ist das Vorhaben erfolgversprechend. Ist die Salatbar näher als das Nachspeisenbuffet, greifen mehr Menschen zur Tomate. Schließt die Tür des Aufzugs sehr langsam, benutzen mehr Leute die Treppe. Dies zeigten Versuche an der Universität Cambridge.  Quelle: Creative Commons-Lizenz
Sohn zur Mutter, Tochter zum VaterBei der Partnerwahl lassen sich Menschen offenbar stark von ihrer Familie beeinflussen. Einer Studie der ungarischen Universität Pécs zeigt, dass Männer sich gerne für Lebenspartnerinnen entscheiden, deren Gesichtszüge denen der Mutter ähneln. Andersherum wählen Frauen gerne Männer, in denen sich der Vater wiedererkennen lässt. Quelle: dpa

Mit nur 21 Jahren legte Nash damit den Grundstein für die Analyse menschlicher Interaktionen. "Die Auswirkungen des Nash-Gleichgewichts auf die Wirtschafts- und Sozialwissenschaft ist vergleichbar mit der Entdeckung der DNA-Doppelhelix auf die Biologie", schreibt der Wirtschaftsnobelpreisträger Roger Myerson in einer Würdigung von Nashs Werk. Dank Nash wurde die Spieltheorie zu einer zentralen Analysemethode, nicht nur in der Wirtschaftswissenschaft. "Sie erlaubt es, alle sozialen, ökonomischen und auch biologischen Interaktionen in eine klare Form zu bringen", sagt Axel Ockenfels, Professor an der Universität Köln.

"In der Realität gibt es keine Nullsummenspiele"

Vor Nash war die Spieltheorie noch nicht universell einsetzbar. Sie befasste sich in ihren Anfängen, maßgeblich geprägt durch John von Neumann und Oskar Morgenstern, nur mit sogenannten Nullsummenspielen. Das heißt, was eine Partei gewinnt, verliert die andere. "In der Realität gibt es aber kaum Nullsummenspiele. Es geht immer um Konflikt und Kooperation", sagt Ockenfels. Das Element der Kooperation brachte Nash zum ersten Mal ein. "Damit hat Nash die Tür aufgemacht zu diesem riesigen Universum von Spielen", so Ockenfels.

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