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Geistesblitze der Ökonomie (VIII)"You can’t beat the market"

Kaum ein Lehrsatz der VWL war lange so unangefochten und ist dann in der Finanzkrise derart diskreditiert worden wie die Effizienzmarkthypothese. Beide Extrempositionen werden ihr - und ihrem geistigen Vater Eugene Fama - nicht gerecht.Elke Pickartz 05.10.2013 - 06:00 Uhr

Mächtige Wall Street? Investoren können den Markt nicht dauerhaft überlisten.

Foto: AP

Man möchte nicht mit Eugene Fama tauschen, zumindest nicht in den vergangenen fünf Jahren. Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 hat der Chicagoer Starökonom einen schweren Stand: Kein Interview, kein Panel, kein Auftritt, bei dem der heute 74-Jährige nicht unter Beschuss gerät. Schadenfroh wollen viele von ihm wissen: Hält er an seinem Credo effizienter Märkte fest, oder gibt er zu, jahrzehntelang auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Fama aber bleibt dabei: "Märkte sind effizient und wenn nicht, wäre es unmöglich, das herauszufinden."

Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.

Foto: WirtschaftsWoche

Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gegen die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten.

Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA

Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt.

Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen.

Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA

Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen.

Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität.

Foto: dpa

Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien.

Foto: dpa

Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft.

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Amartya Sen wurde 1933 in der Universitätsstadt Santiniketan, Indien, geboren. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Der Ökonom erhielt 1998 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und wirtschaftlichen Entwicklung. Er veröffentlichte im Laufe seiner Karriere mehr als Hundert Forschungsschriften und ist Inhaber rund 90 Ehrendoktortiteln, zum Beispiel von der Universität Toronto. Ein zentraler Gedanke in seinem Werk ist die Idee der Freiheit, er betrachtet diese als die Basis des menschlichen Daseins, die jedes seiner Themen, wie Entwicklung, Armut, Hunger, Markt und Moral, durchdringt. Seine Thesen als liberaler, linker Theoretiker sind nicht unumstritten, so wird beispielsweise sein Begriff von Freiheit und Markt weder von Marktdogmatikern noch von deren Gegnern geteilt.

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In seiner Heimat ist die Arbeit von Friedrich List (1789 - 18 46) fast vergessen. Die letzte Neuauflage von Lists Hauptwerk liegt 80 Jahre zurück. Er ist der gedankliche Vater des Protektionismus. In Deutschland gilt sein Werk als überholt, doch es bietet theoretisches Rüstzeug, wie der Staat die Wirtschaftsentwicklung fördern kann - und wann er besser die Hände davon lassen sollte. In vielen Schwellenländern erfreut sich die Lehre von List daher großer Popularität.

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Der britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) machte an der Londoner Börse gute Gewinne und konnte sich Dank seines eigenen Vermögens ganz den ökonomischen Studien widmen. Er machte sich mit dem „Kornmodell“ einen Namen, das auf dem Paper Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock basiert, in dem er die freie Korneinfuhr empfiehlt. Nach ihm wurde auch die Ricardianische Äquivalenz benannt – ein Konzept, das sich mit der Wirkung von Steuersenkungen in der Gegenwart beschäftigt, die mit höheren Steuern in der Zukunft refinanziert werden sollen. Auf ihn geht auch die Theorie der komparativen Kostenvorteile zurück, ein Kernstück der Außenhandelstheorie und wesentliche Erkenntnis über die relativen Kostenvorteile internationaler Arbeitsteilung.

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Im Jahr 1987 erhielt der US-amerikanische Ökonom Robert Solow (*1924) den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Forschungen zur neoklassischen Wachstumstheorie. Solow entwickelte das sogenannte Solow-Modell, das im Gegensatz zu Keynes Auffassung die Nachfrageentwicklung nicht als bestimmende Determinante des Wirtschaftswachstums ansieht. Sein Solow-Modell erklärt das langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft nur durch technischen Fortschritt. Solow ist Emeritus-Professor am Massachusetts Institute of Technology.

Foto: Julia Zimmermann für Wirtschaftswoche

Als Prophet war Marx (1818 – 1883) ein Versager, als Soziologe ein Riese, als Ökonom vor allem ein gelehrter Mann: Karl Marx, der Theoretiker des Industriekapitalismus, wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die Notwendigkeit der Revolution beweisen. Der Mauerfall hat ihn ideologisch entlastet und als originellen Denker rehabilitiert. Seine Lehren über Produktionsfaktoren und die Verteilung von Produktionsmitteln sowie der von ihm geprägte Begriff des Mehrwerts spielen noch heute eine große Rolle.

Foto: WirtschaftsWoche, AP

Walter Eucken zählt zu den wichtigsten Vordenkern der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Der Mitbegründer des Ordoliberalismus hat analysiert, wie eine marktwirtschaftliche Ordnung konstruiert sein muss, die Wachstum schafft, Macht begrenzt und den Menschen dient. Der religiös geprägte Eucken glaubte an den Markt, aber nicht an dessen Unfehlbarkeit, er sah die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessengruppen den Wettbewerb aushebeln können – und wollen. Noch während des zweiten Weltkrieges arbeitete er heimlich am theoretischen Grundgerüst der bis heute gültigen sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.

Foto: Pressebild

Friedrich August von Hayek (1899-1992) war ein leidenschaftlicher Weltverbesserer. Sein ganzes Forscherleben hat er daran gearbeitet, Planwirtschaft und Kollektivismus wissenschaftlich zu widerlegen, er war leidenschaftlicher Gegner des Sozialismus und Modernisierer des klassischen Liberalismus. Führ ihn waren Freiheit, Eigentum, Gleichheit vor dem Gesetz, Wettbewerb und Marktwirtschaft Eckpfeiler der Zivilisation. Seine Tiraden gegen den Wohlfahrtsstaat haben jahrzehntelang die intellektuelle Brillanz seiner Theorie komplexer Ordnungen überschattet. Der gebürtige Wiener wurde als erster Ausländer an die renommierte London School of Economics berufen. Im März 1944 veröffentlicht er als seine leidenschaftliche Abrechnung mit Sozialismus und Nationalsozialismus, „Der Weg zur Knechtschaft“.

Foto: WirtschaftsWoche

John Maynard Keynes (1883 – 1946) löste mit seiner Analyse der Unterbeschäftigung in der Weltwirtschaftskrise eine Revolution des ökonomischen Denkens aus. Er forderte, der Staat solle in Krisensituationen die Nachfrage ankurbeln, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Seine Ideen bedeuteten eine radikale Abkehr von der bisherigen Wirtschaftlehre, die die Angebotsseite ins Zentrum allen wirtschaftlichen Handelns stellte, und beeinflussen bis auf den heutigen Tag Ökonomen, Zentralbanker und Finanzminister.

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Joseph Schumpeter hat das Grundgesetz des Kapitalismus erforscht: ewiger Wandel durch „schöpferische Zerstörung“. Keiner sah so klar wie er, dass in seinen Krisen nicht nur der Kapitalismus selbst auf dem Spiel steht, sondern auch die Atmosphäre des Fortschritts. Schumpeter gilt als der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts. Er hat in zahlreichen Wirtschaftsdisziplinen deutliche Spuren hinterlassen und Begriffe wie „Wagniskapital“, „Firmenstrategie“ und den vierten Produktionsfaktor „Unternehmertum“ sowie das Kreativitätsprinzip eingeführt. Schumpeters Erkenntnisse machen den modernen Kapitalismus bis heute aktuell.

Foto: WirtschaftsWoche

Der amerikanische Ökonom Milton Friedman hat die Geldtheorie revolutioniert und sein Leben lang für freie Märkte und weniger Staat gekämpft. Als intellektueller Gegenspieler von John Maynard Keynes spaltete er Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Zwischenzeitlich galt er als widerlegt. Jetzt zeigt sich: Friedmans Erkenntnis, dass die Geldmenge die Konjunktur und die Inflation bestimmt, ist aktueller denn je. Die Steuerung der Geldmenge durch Staaten und Notenbanken sah er als eine der wenigen Stellgrößen einer Wirtschaft, in der staatliches Eingreifen sinnvoll und gegebenenfalls nötig war. Er entwickelte die Idee der Bildungsgutscheine, das Konzept der negativen Einkommensteuer und lieferte den Regierungen die Blaupause für flexible Wechselkurse.

Foto: AP

Reinhard Selten ist Deutschlands bislang einziger Wirtschafts-Nobelpreisträger und ein Vorreiter volkswirtschaftlicher Laborversuche. Als Pionier der experimentellen Wirtschaftsforschung hat er die Spieltheorie verfeinert und damit etwa die Analyse von Verhandlungssituationen – etwa bei Lohnverhandlungen – deutlich weiterentwickelt. Selten erhielt den Nobelpreis für Wirtschaft 1994. Er begründete ein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Bonn, dessen Koordinator er noch heute ist – im Alter von 81 Jahren..

Foto: dpa

Der US-Ökonom Robert Shiller fordert eine neue Volkswirtschaftslehre, die sich der Psychologie von Menschen und Märkten öffnet. Lange war er ein Rufer in der Wüste – in der Finanzkrise ist er zum Massenprediger geworden. Bereits 2005 warnte er vor einer US-Immobilienkrise – die letztlich Auslöser der Finanz- und Schuldenkrise war. Seine Theorien zur Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) gelten als Gegenentwurf zur lange propagierten Rationalität der Märkte. In seinen Hauptwerken geht es um Herdentrieb und irrationale Übertreibungen.

Foto: WirtschaftsWoche

Paul Anthony Samuelson (1915-2009) wurde 1970 mit dem Ökonomie-Nobelpreis ausgezeichnet. Er zählte zu den vielseitigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, und prägte die Volkswirtschaftslehre wie kaum ein anderer. Samuelson modernisierte den Keynesianismus, indem er Keynes' sowie neoklassische Theorien zu einer Synthese verband, darüber hinaus forcierte er als erster Ökonom die systematische Mathematisierung seines Fachs. Sein in 19 Sprachen übersetztes Standartwerk "Economics" ist bis heute das meistverkaufte VWL-Lehrbuch aller Zeiten.

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Der schottische Ökonom Adam Smith (1723-1790) gilt als Urvater der Nationalökonomie. Er untersuchte als Erster systematisch die wohlstandsfördernde Wirkung von Arbeitsteilung und freien Märkten, und entwickelte die Ökonomie zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin, wo sie zuvor nur als wenig beachteter Teil anderer Fachrichtungen galt. Sein Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen" findet sich auch heute noch auf den Literaturlisten von Volkswirtschaftsstudenten wieder, er gilt als Begründer dessen, was heute als die klassische Nationalökonomie bezeichnet wird. Seine Ideen sind noch immer Basis jeder angebotsorientierten Wirtschaftspolitik.

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Eugene Francis Fama, geboren 1934 in Boston als Enkel sizilianischer Einwanderer, gilt als der Begründer der Effizienzmarkthypothese (EMH). Diese geht im Kern davon aus, dass die Preise an den Finanzmärkten die vorhandenen Informationen zu den gehandelten Vermögenswerten vollständig widerspiegeln. Neue Informationen sind transparent und werden von rational handelnden Marktteilnehmern fortwährend eingepreist. Kurz gesagt: Der Investor entscheidet stets rational, der Markt aggregiert die Informationen. Folglich können weder Käufer noch Verkäufer den Markt auf Dauer schlagen.

Das klingt banal, hat jedoch weitreichende Folgen. Jahrzehntelang war die EMH das Mantra der Finanzmarkttheorie und trug zur Deregulierung der Finanzmärkte bei. In den Neunzigerjahren wuchs die Zahl der Kritiker, doch erst mit dem Beinahe-Kollaps des weltweiten Finanzsystems nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers 2008 war es vorbei mit dem ökonomischen Konsens. "Die (Effizienzmarkt-)Theorie wurde auf dem Weltwirtschaftsgipfel 2009 offiziell zu Grabe getragen. Es gab keine Trauergäste", spottete die britische "Times".

Doch ist die Effizienzmarkttheorie tatsächlich tot? Famas Theorie habe in der Finanzkrise versagt, sagen ihre Kritiker, die Zeit sei reif für ein neues Paradigma. Fama hält dagegen: Bislang habe niemand einen belastbaren Gegenentwurf präsentiert. Er sei Empiriker und brauche Beweise.

Harter Schlag - Eugene Fama glaubt unverdrossen an die Effizienz der Finanzmärkte.

Foto: WirtschaftsWoche

Die Debatte um die Effizienz von Märkten ist so alt wie die Nationalökonomie. Ökonomen-Urvater Adam Smith nahm an, dass die Märkte wie von unsichtbarer Hand gesteuert in ein natürliches Gleichgewicht streben. Der britische Ökonom John Maynard Keynes hingegen sah die Märkte von "animal spirits" beeinflusst und daher oft nicht rational und reibungslos agierend. In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts untersuchte die Moderne Portfoliotheorie das Investitionsverhalten an den Märkten. Sie kam unter der Annahme rationaler, nutzenmaximierender Investoren zu dem Schluss, dass Anleger ihr Vermögen breit streuen sollten, um die Risiken zu minimieren und ihre Renditen zu verbessern - eine Idee, auf der Effizienzmarkttheoretiker aufbauten.

Welche Wirtschaftsbücher erweitern 2013 unseren Horizont? Es folgt ein erster Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn die Titel kommen in zwei Schwüngen auf den Markt, von Mitte Februar bis Mitte April und im Herbst rund um Frankfurter Buchmesse im Oktober. Was in der zweiten Jahreshälfte passiert, ist nur bedingt absehbar, zudem gibt es Jahr für Jahr Überraschungen ...

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... so gewann den Deutschen Wirtschafsbuchpreis 2012 ein bis dahin hierzulande weitgehend unbekannter Autor. Tomás Sedlácek überzeugte die Jury mit seinem Werk „Die Ökonomie von Gut und Böse“ (Hanser Verlag)  noch ein wenig mehr als die starke Konkurrenz. 2013 wird Tomás Sedlácek gleich zwei Bücher veröffentlichen …

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Im Februar erscheint „Bescheidenheit für eine neue Ökonomie“ (Hanser Verlag). In der Tat ganz bescheiden beschränkt sich der Autor hier auf 128 Seiten. Man möchte es beinahe ein „Zwischenbuch“ nennen. Denn im Herbst erscheint dann „Fetisch der Ökonomie“. Im Interview mit dem „Spiegel“ beschreibt Sedlácek den Fetisch als etwas, das einen „einfachen Weg verspricht, unser Verlangen zu befriedigen“, bis das zu groß wird und die Menschen zum Sklaven des Fetisch würden. Das Wirtschaftswachstum sei einer der größten Fetische und Sedlácek geht der Frage nach, warum dieses Wachstum eigentlich sein muss.

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Die wohl interessanteste Autobiografie erscheint am 12. April im Econ Verlag. Sheryl Sandberg, Jahrgang 1969, hat ihren bisherigen Lebensweg aufgeschrieben. Und da war ja auch schon einiges los:  Nach dem Studium in Harvard arbeitete sie bei der Weltbank und als Stabchefin von Finanzminister Larry Summers unter Bill Clinton. Danach machte sie das Anzeigengeschäft für Google rentabel. Auf einer Party lernte Sandberg 2007 Mark Zuckerberg kennen. Sie hat aus der coolen Klitsche Facebook ein profitables Unternehmen gemacht und ist auch Mitglied des Verwaltungsrates. In ihrer Autobiografie „Lean in“ betont sie, wie Frauen den Weg an die Spitze schaffen können.

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Ein echtes Highlight der ersten Jahreshälfte ist das Buch „Makers“ von Chris Anderson (Hanser Verlag), das Ende Januar erscheint. Der Chefredakteur der renommierten Zeitschrift „Wired“ gilt als einer der Zukunftskenner schlechthin. Anderson geht davon aus, dass das Internet nicht nur die Welt der Kommunikation dramatisch verändert hat, sondern auch die Welt der Dinge. Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen industriellen Revolution. Jeder kann selbst Produkte (Foto: Objekte aus einem 3D-Drucker) designen und fertigen – mit vergleichsweise geringem Aufwand zum Beispiel dank neuartiger 3D-Drucker.

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Bücher über Innovationen sind ohnehin ein Trend im ersten Halbjahr. Gunter Dueck ist ein wahrer Querdenker, was der Titel seines schon im Januar erscheinenden Buches entspricht: „Das Neue und seine Feinde“ (Campus Verlag). Die Feinde von Innovationen seien ausgerechnet die, die mit Forschungsmilliarden um sich werfen: In Unternehmen herrsche Blockadehaltung, die Wissenschaft sei im „Elfenbeinturm“. Ein wertvoller Ratgeber, der sich und dem Leser das Leben nicht zu einfach macht.

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Einen weiteren Zukunftstrend beschreiben die drei Autoren Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg. Sie kümmern sich um „Biohacking. Gentechnik aus der Garage“ (Hanser Verlag). Genforschung ist nämlich nicht mehr nur den Großkonzernen vorbehalten.  Sie gehen der Frage nach, wer hinter dem Hacking der Lebens-Codes steckt und wie die Politik auf sie reagieren sollte.

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Ganz in der Zukunft lebt Micael Dahlén beileibe nicht. Der Schwede warnt in „Nextopia“ (Campus Verlag) vor der „Erwartungsgesellschaft“. Nie zufrieden, immer auf der Suche nach etwas Neuem. Seine Erkenntnisse erklären uns die Welt neu, wirbt der Verlag und ergänzt schelmisch: „Auf ein besseres Buch können sie lange warten.“

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Eine entscheidende Frage der Zukunft ist, welches Land den Zugang zu den wichtigsten Rohstoffen hat. Der US-Starblogger Stephen Leeb ist hier sehr skeptisch für die westlichen Nationen. China sei auch aufgrund der politischen Struktur entscheidende Schritte voraus bei der Sicherung von praktisch allen wesentlichen Rohstoffen. „Die gelbe Gefahr“ (Finanzbuch Verlag) heißt sein Buch und ist äußerst lesenswert.

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Ein weiteres sehr beachtenswerten Buch zum Thema China stammt von Frank Sieren und erscheint Ende Februar: „Geldmacht China“ (Hanser Verlag) untersucht wie der Titel schon andeutet den Aufstieg des Yuan. Sieren beschreibt, wie Chinesen die Schwäche der westlichen Währungen gezielt nutzen und welche langfristigen Folgen das hat.

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China gilt als Klimasünder, ist bei weitem aber nicht der einzige. Hans von Storch und Werner Krauß setzen sich in ihrem Buch „Die Klimafalle“ (Hanser Verlag, erscheint Ende Februar) kritisch mit der Nähe von Politik und Klimaforschung auseinander. Da klagen die Autoren also ihre eigene Zunft hat – eine spannende Konstellation. In seinem Buch „Intelligent wachsen. Die grüne Revolution“ (Hanser Verlag) beschreibt Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, die Möglichkeiten für Unternehmen, die sich mit dem Klimawandel verbinden. Wie für einen Grünen-Politiker zu erwarten ist, steht die Grundthese, dass sich Ökologie und Wachstum nicht im Weg stehen müssen.

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30 Bücher, in zwölf Sprachen übersetzt, einer der bekanntesten Business-Speaker in Deutschland: Im Februar veröffentlicht Hermann Scherer sein neues Buch. In „Schatzfinder“ (Campus Verlag) rät der Autor, den Durchschnitt hinter sich zu lassen und „Regeln zu brechen“. So finde man die Schätze in seinem Inneren. Lesenswerter, als es die zugegeben etwas gestanzt wirkenden Schlagwörter vermuten lassen.

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Dieser Ratgeber ist eher nichts für Gläubige Menschen, sondern eine „Bibel für Opportunisten“. „Deal. Du gibst mit, was ich will!“ (Campus Verlag) ist ein Buch voller Ratschläge, wie Sie schlechte Geschäfte vermeiden und Ihren Willen durchsetzen. Geschrieben hat es Jack Nasher, einer der gefragtesten Trainer im deutschsprachigen Raum. Der Oxford-Absolvent lehrt inzwischen an der Munich Business School.

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Neben Warren Buffet (Foto) ist Jack D. Schwager eine der angesehensten Investmentpersönlichkeiten unserer Zeit. Gerade erschien sein neues Buch „Die erfolgreichsten Strategien der Magier der Märkte“ (Finanzbuch Verlag). Richtig anlegen anhand der Strategien der größten Investoren klingt nicht irrsinnig innovativ. Aber im Vergleich zu so manch anderem Ratgeber hat sich die Lektüre von Schwagers Büchern bisher als lohnenswert erwiesen.

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Wirtschaftspolitisch behandeln einige Autoren das Thema Macht unter frischen Blickwinkeln. Das vielversprechendste Buch stammt aus der Feder des renommierten US-Politologen Ian Bremmer (Foto von 2011): „Machtvakuum. Gewinner und Verlierer in einer Welt ohne Führung“ (Hanser Verlag). Seine These: Die G8 haben an Einfluss verloren, die G20 sind noch nicht so weit – derzeit befinden wir uns in einer G0-Welt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gebe es keine Weltmacht mehr – und das hat Folgen.

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Fast schon vergessen ist der Einsatz deutscher Soldaten am Horn von Afrika. Wie es dort wirklich zugeht, hat George Cypriano Bühler aufgeschrieben. Früher bei der Bundeswehr, arbeitete der gelernte Veranstaltungstechniker seit 2009 für internationale private Sicherheitsfirmen. Im Frühjahr 2012 wechselte Bühler zu einem großen deutschen Unternehmen, wo er als Geschäftsführer den Schutz und die Einsätze für deutsche und internationale Reedereien leitet. Sein Buch „Kampf den Piraten“ (Klett Cotta Verlag) ist der erste umfangreiche Insiderbericht.

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Kein Freund der „Anti-Europäer“ vom Schlage Thilo Sarrazins oder Hans-Olaf Henkels ist Edzard Reuter. (rechts, Foto aus dem Jahr 2003) Der ehemalige Daimler-Chef erinnert an den langen Weg, den das heutigen Europa gehen musste und geht die negativen Reflexe an. Reuter beschreibt kraftvoll eine Vision des Europas von Morgen.

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Ein wichtiges Thema dürfte im Wahljahr die (vermeintlich) auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich sein. „Schamland. Die Armut zwischen uns“ (Klett Cotta) lautet der provokante Titel des Buches von Stefan Selke, das Mitte April herauskommt. Der Professor aus Furtwangen mit dem Lehrgebiet Gesellschaftlicher Wandel erzählt darin mit viel Gefühl, aber auch ein wenig polemisch Geschichten aus dem Leben in Deutschland, wo „jeder Sechste muss mit weniger als dem Existenzminimum auskommen“ muss. 

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Auch wenn Wahljahr ist: die ganz großen Biografien der Spitzenpolitiker stehen nicht auf dem Zettel. Es gab sie schlichtweg schon im vergangenen Jahr: Bundeskanzlerin Merkel wurde von Gertrud Höhler stark in Szene gesetzt („Die Patin“, Orell Füssli), Wolfgang Schäuble bekam eine herausragende Biografie zum 70. Geburtstag von Hans-Peter Schütz geschenkt (Wolfgang Schäuble. Zwei Leben“, Droemer Verlag) und das Leben Peer Steinbrück wurde passend zur Kanzlerkandidatur gleich mehrfach ausgewalzt. Da bleibt für 2013 nicht mehr viel zu schreiben.

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Wie üblich setzen die Verlage auch wieder auf große Jubiläen. Zum 200. Geburtstag von Richard Wagner ist eine wahre Flut von Biografien zu erwarten. Historiker werden sich da unter Umständen an das Spektakel beim „Alten Fritz“ im Frühjahr 2012 erinnert fühlen. Spektakuläre neue Erkenntnisse sind eher nicht zu erwarten.

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Zu einem weiteren spektakulären Jahrestag erscheint im Herbst eine Art Biografie: „100 Fragen, 100 Antworten“ heißt das Buch von Ronald D. Gerste. Es befasst sich mit John F. Kennedy und seiner Ermordung am 22. November 1963, also 50 Jahre danach. Wie hat sein Tod die Welt verändert? Und was lief wirklich mit Marylin Monroe?

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Tulpenkrise 1637

Zur ersten Finanzkrise kam es 1637 in Amsterdam. Schuld an der Krise waren Spekulationen mit Tulpen. Die Blumen waren Sinnbild für Wohlstand. Dementsprechend hoch waren die Preise. Eine Tulpenzwiebel war teilweise so wertvoll, dass dafür ganze Häuser eingetauscht wurden – die Preise stiegen in den drei Jahren vor 1637 um das Fünfzigfache.

Eine Zwiebel der Sorte Semper Augustus kostete zu Spitzenzeiten 10.000 Gulden – das Vierzigfache von dem, was ein normaler Handwerker im Jahr verdiente. 1637 platzte die Blase, weil die Spekulanten auf ihren Tulpenzwiebeln sitzen blieben und pleite gingen.

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Südsee-Blase 1720

Von Isaac Newton stammt der Ausspruch: „Ich kann zwar die Bahn der Gestirne auf Zentimeter und Sekunde berechnen, aber nicht, wohin eine verrückte Menge einen Börsenkurs treibt“. Newton sagte diesen Satz nach der so genannten Südsee-Blase im Jahr 1720, zu deren Verlierern der bekannte Physiker zählte.

Die Blase entstand, weil die Gründer der „Südsee-Gesellschaft“ die englischen Staatsschulden übernahmen und die Aktie des Unternehmens dadurch stark anzog. Sie stieg von 150 Punkten im Januar auf 1050 Punkte im Juli des Jahres. Auf dem Höhepunkt wurde bekannt, dass die Gründer der Gesellschaft ihre Aktien verkauft hatten. Die Papiere fielen daraufhin wieder auf 150 Punkte.

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Schwarzer Freitag 1929

In den 1920er Jahren brummte die US-Wirtschaft. Viele Bürger wollten an dem Aufschwung teilhaben und kauften Aktien – allerdings auf Pump, denn die Zinsen waren im Vergleich zu den hohen Kursgewinnen verschwindend gering. Doch am 24. Oktober 1929 kam es zum größten Börsencrash aller Zeiten – dem so genannten Schwarzen Freitag. Über Monate hinweg verlor der Dow Jones und zog die Weltwirtschaft in eine jahrelange Krise. Erst in den 50er-Jahren erreicht der Dow Jones wieder das Niveau des Spätsommers 1929.

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Ölkrise 1973

Am 6. Oktober 1973 griffen Ägypten und Syrien ihren Nachbarn Israel an, es kommt zum so genannten Yom Kuppur-Krieg. Die Organisation erdölexportierender Länder Opec beschloss daraufhin, die Förderung einzuschränken. So verursachten sie eine plötzliche Ölknappheit, in Deutschland bleiben die Autobahnen an einigen Sonntagen leer. Die Wirtschaft stagniert, die Inflation kletterte in die Höhe. Um rund 40 Prozent fiel der Dax zwischen Januar 1972 bis September 1974.

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Schwarzer Montag 1987

Am 19. Oktober 1987 erlebt die Wall Street ihren bislang schwärzesten Tag. Monatelang schnellten die Kurse sprunghaft nach oben und plötzlich konnten Anleger ihre Papiere nicht schnell genug losschlagen. Die Kurse in New York stürzen ab, rund um den Globus brechen die Aktienmärkte ein. Der Börsencrash vor 25 Jahren geht als "Schwarzer Montag" in die Finanzgeschichte ein.

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United Airlines 1989

Am 16. Oktober 1989 fällt der Dax fällt um rund 13 Prozent und folgt damit der Wall Street, wo Finanzierungsschwierigkeiten beim Kauf der US-Fluggesellschaft United Airlines einen Ausverkauf auslösten.

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Gorbatschow-Putsch 1991

Weltweit reagieren die Börsen auf den Putschversuch gegen den damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow. In Deutschland waren die Auswirkungen nicht ganz so stark wie beispielsweise in den USA. Der Dax verlor gut neun Prozent.

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Asienkrise 1997
Die Indonesische Währung stürzt auf ein Rekordtief und löst damit die sogenannte Asienkrise aus. Bereits im August des Jahres 1997 reagieren die westlichen Märkte auf die Kursachterbahnen in Fernost. Beispielsweise am 18.8. notiert das Kursbarometer zum Ende des Börsenhandels in Frankfurt mit 3.567 Punkten gut acht Prozent niedriger. Am 28. Oktober folgt der Dax der Wall Street nach unten und bricht um bis zu 13 Prozent ein.

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Hedge-Fonds-Krise 1998

Am 1. Oktober 1998 drückt die Angst vor einem Flächenbrand im Bankenwesen nach der Schieflage des Hedge-Fonds LTCM in den USA die Stimmung an den internationalen Börsen. Auch die Sorge um eine Eskalation der Krisen in Asien, Japan, Lateinamerika und Russland machen sich bemerkbar. Der Dax fällt um 7,6 Prozent.

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11. September 2001

Die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September lösen an den Finanzmärkten eine Panik aus. Während die in unmittelbarer Nähe des World Trade Centers liegende Wall Street geschlossen bleibt, fällt der Dax um 8,5 Prozent. Drei Tage nach der Terroranschlägen, am 14. September 2001, drückt die Angst vor Vergeltungsschlägen der USA den Dax um über sechs Prozent. Dazu kommt Unsicherheit vor der Wiedereröffnung der Wall Street am darauffolgenden Montag, dem 17. September. Nach viertägiger Handelsunterbrechung fällt dabei der Dow-Jones-Index um gut sieben Prozent.

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Irakkrieg 2003

Am 24. März 2003, wenige Tage nach Beginn des Irak-Krieges, wachsen die Zweifel an den Finanzmärkten. Viele Anleger fürchten, der Krieg könnte sehr viel länger dauern als von der US-Regierung erwartet. Der Dax fällt um 6,1 Prozent ab.

Foto: dpa/dpaweb

21. Januar 2008

Nach mehrjähriger Hausse greifen Rezessionsängste in den USA auf Europa und Asien über. Während in den USA wegen eines Feiertages die Börsen geschlossen bleiben, schwappt eine Verkaufswelle aus Asien nach Europa. Der Dax fällt um sieben Prozent auf 6.790 Punkte, einer der größeren Tagesverluste in der mittlerweile 20-jährigen Geschichte des deutschen Leitindex.

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Lehman-Pleite 2008

Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers reißt die Finanzwelt ins Chaos. An der Börse wird die Dimension des Schocks zunächst allerdings eher unterschätzt. Weil parallel zur Lehman-Insolvenz der Konkurrent Merrill Lynch gerettet wird, Banken ein Milliarden-Hilfspaket schnüren und die Notenbank eifrig Geld in den Markt pumpen, fällt der Dax nur um moderate 2,7 Prozent. Erst abends setzt sich an der Wall Street eine pessimistischere Sichtweise durch: Der Dow schließt nach dem größten Tagesverlust seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 mit einem Minus von 4,4 Prozent. Dass es in den folgenden Wochen noch viel stärker abwärts geht, ahnen zu diesem Zeitpunkt nur die größten Pessimisten.

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Hypo Real Estate 2008

Die Finanzkrise erreicht am 6. Oktober 2008 mit einem zweiten Rettungspaket binnen einer Woche für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate einen weiteren Höhepunkt. Der Dax verliert bis zum Mittag mehr als sechs Prozent auf 5.447 Punkte und notiert damit so niedrig wie seit dem Sommer 2006 nicht mehr. Zwei Tage später, am 8. Oktober, fällt der Nikkei in Tokio um mehr als neun Prozent - und drückt den Dax zeitweise um 8,6 Prozent. Nach einer konzertierten Zinssenkungsrunde der großen Notenbanken erholen sich die Kurse nur leicht. Der Dax schließt mit einem Minus von 5,9 Prozent.

Weitere zwei Tage später, am 10. Oktober, sorgt die Angst vor einer weltweiten Rezession von Handelsbeginn an für einen massiven Ausverkauf an den internationalen Aktienmäkten. Der Dax stürz schon kurz nach Handelseröffnung um neun Prozent in die Tiefe und baut das Minus auf bis zu 11,8 Prozent in der Spitze aus. Zum Handelsschluss büßt der Leitindex 7,01 Prozent auf 4.5441 Zähler ein und schließt damit auf dem tiefsten Stand seit Sommer 2005. Auch die gesamte zweite Oktoberwoche dürfte mit einem Minus von insgesamt rund 22 Prozent als schwarzes Kapitel in die Geschichte des Dax eingehen.

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Reaktorunglück in Fukushima 2011

Es ist der 15. März 2011, 11:28 Uhr: Japan fürchtet den Atom-Gau, die Börsen fallen so stark wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Beim größten Crash der Nachkriegszeit fällt an der Wall Street der Dow-Jones-Index allein an diesem Tag um 22,6 Prozent. In Frankfurt belaufen sich die Verluste auf gut neun Prozent. Auslöser der Panik sind Spekulationen auf höhere US-Zinsen. Der 15. März geht als einer der schwärzesten Börsentage in die Annalen ein.

 

Foto: dapd

Schwarzer August 2011

Die Schuldenkrisen in Amerika und Europa lassen sich kaum stoppen. Die Unsicherheit an den Märkten wächst, das Vertrauen in die Lösungsideen der Politik schwindet. Am 10. August 2011 fällt der Dow-Jones-Index an der New Yorker Börseum 519,83 Punkte oder 4,6 Prozent. Nach Punkten gerechnet war dies der neuntstärkste Einbruch in der Geschichte des Dow Jones.

In den darauffolgenden Tagen durchbricht der Dax auf dem Weg nach unten einen Rekord nach dem anderen. Ähnlich sieht es an den Börsen in London, New York, Tokio und vielen weiteren aus - die Verkaufswelle rollt. Der deutsche Aktienindex macht an acht Tagen in Folge nur Verluste. Das ist die längste Abwärtsbewegung des Dax seit 1993.

Foto: AP

Fama war es, der die EMH in entscheidenden Punkten formalisierte und empirisch unterfütterte. In den Sechzigerjahren zählte er zu den ersten Ökonomen, die Computer einsetzten, um die Finanzmärkte zu erforschen. Zahlreiche ökonometrische Tests über Preisentwicklungen insbesondere auf Aktienmärkten belegten die These effizienter Märkte, einen Terminus, den er 1965 als Erster verwandte. Fama analysierte zahllose Zeitreihen von Aktien der New York Stock Exchange. Er entdeckte, dass die Renditeentwicklung der Wertpapiere im Zeitverlauf oft nicht oder nur schwach korrelierte, was ihn in seiner Annahme bestätigte, dass Informationen sofort eingepreist werden. Fama untersuchte Kurs-Gewinn-Verhältnisse von Aktien in der kurzen und langen Frist, analysierte Durchschnittsrenditen, Buchwerte, die Entwicklung der Preise nach Aktiensplittings und sah - bis zuletzt - seine Hypothese im Grundsatz bestätigt.

Die Implikationen sind weitreichend: Zum einen können Kursschwankungen in diesem Modell nur temporär auftreten. Sie entstehen durch neue Informationen, kurzzeitige Wissensvorsprünge oder -defizite, werden aber vom Markt schnell erkannt, verarbeitet und eingepreist. Die Preise schwanken daher kurzfristig in einem sogenannten "random walk", einem Zufallspfad, um ihr Gleichgewicht, entfernen sich jedoch nicht nachhaltig von ihm. Einzelne Investoren können den effizienten Markt nicht dauerhaft überlisten, was in dem oft zitierten Satz "You can't beat the market" zum Ausdruck kommt.

Markteffizienz bedeutet daher auch, dass es eigentlich an den Börsen nie zu Preisblasen kommen kann. Rationale Investoren erkennen ja Abweichungen vom Gleichgewichtspreis, nutzen die Arbitrage und nehmen Gewinne mit. Effiziente Märkte tendieren somit laut Fama dazu, sich selbst zu stabilisieren. "Es macht mich wahnsinnig, wenn ich das Wort Blase höre", sagt er. "Solche Ausdrücke sind populär geworden, aber ich glaube nicht, dass sie irgendeine Bedeutung haben." Er habe sogar das Abonnement des "Economist" gekündigt, weil das Magazin den Ausdruck ohne Sinn und Verstand verwende. Preisübertreibungen, sagt Fama, seien zwar möglich, da der Markt Informationen realiter nicht perfekt verarbeite. Man könne jedoch nicht jede Preisbewegung nach oben als Blase bezeichnen - und wo wolle man die Grenze ziehen?

Verhaltensökonomen wie Robert Shiller halten es dagegen für "einen der größten Fehler in der Geschichte des ökonomischen Denkens", dass die Mainstream-Ökonomie die Annahme der Markteffizienz lange kritiklos akzeptiert habe. Märkte agieren laut Shiller oft nicht rational und effizient, sondern werden häufig von irrationalen Motiven wie überhöhtem Selbstvertrauen, Herdenverhalten, Euphorie oder Panik geleitet. Sie können daher auch längerfristig von ihrem Gleichgewicht abweichen und eben doch spekulative Blasen bilden. Der Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger zeigte bereits 1989 in einer viel beachteten Studie zu Börsencrashs der vergangenen Jahrhunderte, dass irrationale Marktkräfte Effizienz- und Arbitrageanreize für Monate und Jahre überlagern können - die aktuelle Finanzkrise belegt dies in neuer Dimension.

Die Verfechter der Effizienzmarkttheorie halten dagegen, dass die Verhaltensökonomen zwar einzelne Anomalien entdeckt, aber bis heute keinen konsistenten Gegenentwurf vorgelegt hätten. Das stimmt: Wie sich Preise im Aggregat, also auf der Makroebene, verändern, können Verhaltensökonomen nach wie vor nicht schlüssig beantworten. Fama selbst tat die Verhaltensökonomie denn auch lange als "Geschichtenerzählerei" ab. Heute gesteht er zumindest zu, dass sie - wenn auch makroökonomisch unausgereift - mikroökonomisch interessant sei.

Den Vorwurf, seine Effizienzmarkttheorie könne keine Krisen modellieren und habe daher versagt, nimmt Fama gelassen: Modelle könnten die Realität nie genau abbilden, sondern sie nur vereinfachen. "Die entscheidende Frage ist: Wie gut dient diese Vereinfachung unseren Zwecke. Für fast alle Zwecke ist Markteffizienz eine sehr gute Annäherung. Es gibt immer noch sehr wenig Belege dafür, dass Vermögensverwalter den Markt schlagen können."

Neuerdings aber gibt es Zeichen der wissenschaftlichen Annäherung. Der US-Ökonom Richard Thaler, einer der führenden Verhaltensökonomen, glaubt, dass die Finanzkrise Teile der EMH sogar bestärkt habe: "Es zeigt sich, dass einige Investmentstrategien riskanter sind als gedacht und dass es wirklich schwierig ist, den Markt zu schlagen." Viele, die in der Finanzkrise darauf gesetzt hätten, mit riskanten Produkten riesige Renditen zu erzielen, seien baden gegangen.

Auch der Harvard-Professor Andrew Lo versucht, Brücken zu bauen. Der Ökonom, der die Finanztheorie in den vergangenen Jahren maßgeblich vorantrieb, hat die Hypothese adaptiver Märkte (AMH) entwickelt, die er selbst als "neue Version der EMH" beschreibt. Diese beruht auf den Grundprinzipien der Evolutionstheorie: Wettbewerb, Anpassung, natürliche Selektion. Danach sind Finanzmärkte weder vollkommen effizient noch irrational, sondern anpassungs- und lernfähig. "Sie variieren im Grad ihrer Effizienz, abhängig von ihrer Umwelt und den Investorengruppen an den Märkten", sagt Lo.

Die Marktakteure stehen im Wettbewerb und passen ihre Strategien nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" an. Funktioniert eine Investmentstrategie, bleiben sie dabei, schlägt sie fehl, probieren sie eine neue aus. Unter stabilen, stationären Marktbedingungen ist die EMH laut Lo immer noch eine gute Annäherung an die Realität. In einem dynamischeren Umfeld seien hingegen verhaltensökonomische Ansätze aussagekräftiger. Lo ist überzeugt: "Die Zeit ist reif für eine evolutionäre Alternative zur Markteffizienz." Eine Evolution aber ist keine Revolution, der die Effizienzmarkttheorie geopfert werden müsste.

Totgesagte leben eben länger.

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