Geistesblitze der Ökonomie X Wie Lobbyisten der Volkswirtschaft schaden

Warum haben Interessengruppen so viel Macht? Mancur Olsons „Logik des kollektiven Handelns“ zeigt, wie Lobbyisten von demokratischen Entscheidungen Besitz ergreifen – und auf lange Sicht die Wirtschaft ruinieren können.

Mancur Olson über die unheimliche Macht der Interessengruppen. Quelle: Fotolia

Die deutsche Energiewende ist ein klassisches Paradoxon. Innerhalb weniger Jahre ist aus dem gesellschaftlichen Zukunftsprojekt eine unkontrollierbare Umverteilungsmaschinerie geworden. Auf der Gewinnerseite: Landwirte, Investoren und ein paar spezialisierte Unternehmen, zusammengerechnet also nicht besonders viele Menschen. Bei den Verlierern finden sich hingegen die meisten Industriebetriebe und alle Stromkunden, also viel mehr Menschen. Warum lässt die große Mehrheit in einer Demokratie zu, dass eine kleine Gruppe auf ihre Kosten hohe Gewinne erzielt?

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Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa

Um das zu verstehen, braucht man erstaunlich wenig Wissen über Klima, Umwelt oder Technik – es genügt ein Blick in den politökonomischen Klassiker „Die Logik des kollektiven Handelns“ von Mancur Olson. Der US-Ökonom, der 1998 im Alter von 66 Jahren starb, veränderte mit seinem 1965 veröffentlichten Werk das Bild von Interessengruppen grundlegend. Zusammen mit seinem folgenden Buch „Aufstieg und Fall von Nationen“ fügte er der ökonomischen Theorie ein Kapitel hinzu, das diese bis dahin unter „ceteris paribus“ verbucht hatte: die Struktur von Interessengruppen in einer Ökonomie und ihren Einfluss auf die Entwicklung derselben.

Sowohl in den Vereinigten Staaten nach dem „New Deal“, der Staatsausgaben als Konjunkturmotor predigte, als auch im Nachkriegsdeutschland mit seinem rheinischen Kapitalismus war der „Korporatismus“ die Theorie der Stunde. Sie ging davon aus, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber für das Funktionieren der Demokratie von großer Bedeutung seien. Die Überzeugung lautete: Wenn alle Betroffenen einer politischen Entscheidung ihre Meinung beisteuern, findet sich wie von selbst eine Regel, die der Gesellschaft am besten dient. Je größer eine Gruppe, desto lauter artikuliert sie sich. Interessengruppen spiegeln daher letztlich die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse wider.

Entertainer im Elfenbeinturm Olson vermied ökonomische Fachsprache. Quelle: University of Maryland

Daran allerdings wollte Olson nicht glauben, schließlich sah die wirtschaftliche Realität reichlich trist aus. In den USA herrschte Stagflation, die große alte Demokratie Großbritannien war von übermächtigen Gewerkschaften gelähmt. Stattdessen reüssierten nach dem Krieg die Ex-Diktaturen Deutschland und Japan.

Olson machte für diese Unterschiede eine Gruppe verantwortlich, die bis dahin keiner auf der Rechnung hatte: Lobbyisten. In seiner Arbeit ging er von der Frage aus, wann es überhaupt zu kollektivem Handeln innerhalb einer Gruppe von Personen kommt, die grundsätzlich das gleiche Interesse haben. Eine überraschende Erkenntnis stand gleich am Anfang: Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass sich Gruppen überhaupt organisieren. „Dass das Ziel der Gruppe gemeinsam ist, bedeutet, dass der Gewinn aus jedem Opfer, das der Einzelne im Dienste des gemeinsamen Zweckes macht, mit jedem in der Gruppe geteilt wird“, beschreibt Olson das Dilemma kollektiven Handelns.

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